Kunst des Barock: Pieter Claesz – Stillleben mit Glaskugel (darin gespiegelt der Künstler), Öl auf Eichenholz, 35,9 x 59 cm, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum; © dpa/akg-images
Bild: dpa/akg-images

Miteinander, mehr oder weniger - Carpe Diem und Corona

Miteinander, mehr oder weniger - unter dieser Kolumnen-Überschrift machen sich unsere Autorinnen und Autoren Gedanken darüber, wie das Virus unseren Alltag verändert und was die Einschränkungen des öffentlichen Lebens für uns bedeuten. Steffen Jacobs beschäftigt sich heute mit der Angst und wie man ihr begegnen könnte.

Lockdown ja, Lockdown nein, langsamer Ausstieg, mittelschneller Ausstieg, sofortiger Ausstieg ... Das Meinungskarussell dreht sich dieser Tage schnell und schneller. Ehrlich gesagt, zu Corona fällt mir mittlerweile vor allem eines ein: Wir müssen endlich lernen, angstfrei mit der Bedrohung umzugehen.

Kann es sein, dass unsere Gesellschaft seit Jahren auf Angst konditioniert wird? Ich finde, dass es da eine gewisse Kontinuität gibt. Erst waren es jene zwielichtigen Gestalten, die uns weismachen wollten, dass die Migrationswelle vor allem skrupellose Messermörder ins Land schwemme. Der "Volkstod" stand angeblich unmittelbar bevor.

Dann waren da jene, die es noch eine Nummer größer hatten und das Aussterben gleich der gesamten Menschheit und Natur kommen sahen – binnen weniger Jahre. Nein, ich meine nicht die besonnenen Menschen, die besorgt auf den Klimawandel hinwiesen. Ich meine jene radikalen Kräfte unter den Klimabewegten, die uns am liebsten auf Steinzeitniveau zurückkatapultiert hätten.

An beiden Positionen ist etwas Wahres dran. Eine vernünftige Einwanderungspolitik tut jedem Land gut, und eine vernünftige Klimapolitik dem gesamten Planeten. Aber in ihrer Absolutierung sind sie beide grundfalsch. Denn die Wahrheit liegt nur selten im Extrem.

Die Saat der Angstmacher
Im Western haben die Guten die weißen Hüte auf und die Bösen die schwarzen. So leicht macht es uns das Leben leider nicht. Da tragen die meisten von uns graue Hüte.

Doch die Angstmacher lieben das Gut-Böse-Schema. Schlimmer noch: Sie profitieren davon, weil sie sich so zu Rettern vor dem drohenden Verhängnis aufschwingen können. Deshalb versetzen sie uns so bereitwillig in einen permanenten Zustand der Unruhe, der Verstörtheit, der Panik.

Und jetzt geht die Saat der Angstmacher auf: Kerngesunde Menschen mittleren Alters tragen im eigenen Auto Atemschutzmasken – man weiß ja nie. Viele reden schon davon, dass das Leben nie wieder so sein dürfe wie zuvor: nie mehr Händeschütteln, nie mehr die Freunde umarmen, und wenn wir eine Türklinke berühren, desinfizieren wir uns danach die Hände. Ein einig Volk von Zwangsneurotikern? Nein, so möchte ich nicht leben.

Die Endlichkeit gehört zum Leben
Den Tod als wesentlichen Bestandteil des Lebens zu akzeptieren, ihn als ständig mögliche Option anzunehmen – das gehört zum Erwachsensein dazu. Risiken gegeneinander abzuwägen, kontrollierte Risiken einzugehen: Wer das nicht kann, agiert psychisch unreif. "Realitätsprinzip" nannte Freud die Fähigkeit, auch mit unliebsamen Erfahrungen umzugehen.

"Carpe diem", der alte Wahlspruch des Horaz, gilt als zentrales Motiv der Barockzeit. Dass man den Tag nutzt, dass man sein Leben gerade deshalb in vollen Zügen genießt, weil es buchstäblich jeden Tag zu Ende sein kann, das wussten die Menschen des 18. Jahrhunderts besser als wir heute. Denken wir daran, welche wunderbare lebensfrohe Dichtung, Malerei und Musik daraus entstanden sind. Besinnen wir uns auf unsere Endlichkeit – und lernen wir angstfrei zu leben.

Steffen Jacobs, rbbKultur

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um eine Antwort zu verfassen.

Antwort auf [Fred Will] vom 13.05.2020 um 08:20
Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Zur Kolumne von Steffen Jacobs:
    Angstfrei ist richtig, nur die Analogien zwischen Klimawissenschaft und Panikmachern in Corona sind leider sachlich falsch. Wo bei Corona hysterisch Angst produziert wird, wurden und werden die Folgen des Klimawandels seit Jahrzehnten verdrängt oder verharmlost, oder in die Zukunft verlegt, mit verhängnisvollen Folgen.
    Wo bei Corona zu viel Angst herrscht, herrscht beim Klimawandel viel zu wenig Angst, denn niemand kann oder will sich seine Folgen vorstellen, obwohl sie seit Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht und bewiesen sind.
    Mit "Angstmacherei" hat letzteres nichts zu tun.

    Fred Will

Kolumne