Ein Bagger steht auf der Baustelle des Freiheits- und Einheitsdenkmal am Schinkelplatz vor dem Berliner Schloss; © dpa/Britta Pedersen
Bild: dpa/Britta Pedersen

- Bau der "Einheitswippe" gestartet

Nach jahrelanger Verzögerung und viel Kritik am Entwurf hat der Bau des Freiheits- und Einheitsdenkmals vor dem Humboldtforum in Berlin begonnen. Während Kulturstaatsministerin Monika Grütters sich erleichtert zeigte über den Baubeginn der "Einheitswippe", ärgert sich unser Architekturkritiker Nikolaus Bernau sehr über den Zeitpunkt.

Dass ein Projekt so einhellig als Stadtverschandelung abgelehnt wird wie die Einheitswippe, ist selten. Doch es ist so. Auch nach Jahren der Debatte gibt es fast niemanden, der behauptet, sie werde große Kunst. Außer den Initiatoren rund um den einstigen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse herum – und den Architekten selbstverständlich.

Was nämlich als zeitweilige Installation eine Freude hätte sein können, ist als dauerhaftes Denkmal einfach nur fatal. Die Kosten sind inzwischen um 80 Prozent gestiegen. Denkmal- und Naturschutz wurden bis zur Bruchkante gedehnt. Um die Wippe bauen zu können, müssen gewaltige Tragkonstruktionen durch die kaiserzeitlichen Sockelgewölbe gerammt werden, in denen bisher streng geschützte Fledermäuse wohnten.

Symbolisch ausgeschlossen
Auch die kostbaren Bodenmosaiken werden nicht zurückkehren können. Denn an ihrer Stelle müssen Rampen wie an einem Rummelgerät angelegt werden, damit die Wippe überhaupt betreten werden kann. Gehbehinderte werden übrigens massiv diskriminiert: Sie dürfen sich nämlich nur in der Mitte der Schale aufhalten. Der Sicherheit wegen. Symbolisch aber – und Denkmalkunst ist nun einmal Symbolkunst! – sind sie damit ausgeschlossen aus der Menge derjenigen, die die "Demokratie in Bewegung" halten, wie dies Projekt pathetisch heißt.

Die Vorstellung von Demokratie, die hier transportiert wird, ist fatal, gerade in Populistenzeiten: Nur Links- und Rechtsradikale träumen von einem angeblichen Volkswillen, der durch gemeinsame Bewegung ausgedrückt wird. In der Realität aber lebt Demokratie – jedenfalls die liberale Demokratie des Westens – von der Achtung vor dem Gesetz, von der Rücksicht auf Minderheiten, vom Aushandeln der Interessen und der Bereitschaft aller, die eigene Position bei besseren Argumenten zu ändern.

Blanker Unsinn
Wolfgang Thierse dagegen behauptet, dieses Objekt nicht zu bauen, sei eine Verachtung der ostdeutschen Revolutionäre von 1989. Damit hat er seine Bundestags- und seine SPD-Kollegen vor sich her getrieben. Dabei ist diese Behauptung blanker Unsinn. Was hat eine goldene Wippe mit der Revolution von 1989 zu tun? Gar nichts. Die Demonstrationen des Herbstes 1989 waren eine mutige Selbstertüchtigung – kein Spiel, kein gewipptes Ja oder Nein.

Zu all dieser Peinlichkeit passt nun der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters stolz verkündete Bautermin: Während die ganze Welt mit den Folgen des Corona-Virus ringt, baut der Deutsche Bundestag goldenen Denkmalnippes in die Hauptstadt – den praktisch niemand haben will. Was waren die Leipziger doch klug, die ihr Einheitsdenkmal-Projekt genau solcher Einwände wegen schlichtweg beerdigt haben.

Nikolaus Bernau, rbbKultur

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