Regisseur Andreas Dresen (Bild: imago images/Manfred Thomas)
Bild: imago images/Manfred Thomas

Die rbb Kulturgespräche - Andreas Dresen: "Die Kunst ist ein wichtiges Ventil, um soziale Spannungen rauszulassen."

Regisseur Andreas Dresen ist einer der erfolgreichsten deutschen Filmemacher (“Halbe Treppe“, “Sommer vorm Balkon“). “Gundermann“ wurde 2019 mit sechs Lolas beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. In seinen Filmen zeichnet er meist ein Bild des Lebens der kleinen Leute. Im rbb Kulturgespräch spricht er mit uns über die Zukunft des Kinos, die Sehnsucht nach menschlicher Kommunikation und den ausgleichenden Charakter von Kunst.

rbbKultur: Herr Dresen, in unserer rbb Kurzfilmreihe “Vier Wände“ läuft ein Kurzfilm von Ihnen, in dem Sie ein Lied von Rio Reiser gesungen haben, ein Loblied auf zu Hause. “Ich brauche meine vier Wände für mich“, singen Sie da. Wie ist es Ihnen ergangen seit März? Haben Sie Ihr Zuhause noch mehr schätzen gelernt?

Dresen: Ich habe es schätzen gelernt, zumal ich ein Stückchen Garten habe und auch mal die vier Wände verlassen kann. Trotzdem fehlt mir die unbeschwerte Geselligkeit mit anderen Menschen. Insofern endet das Rio Reiser Lied in meinem kleinen Film auch mit der schönen Zeile: "Ich brauche eine Wand für eine Tür, sonst kommst du ja nicht zu mir". Das finde ich mindestens genauso wichtig, wie die gepflegte Einsamkeit.

rbbKultur: Diesen Filmen kann man übrigens auf der Homepage von rbbKultur nach wie vor ansehen. Eigentlich wäre gerade jetzt im Mai die Hochzeit des internationalen Films. In Cannes würden jetzt die Filmfestspiele laufen, die wegen Corona abgesagt worden sind. Die Kinos sind zurzeit noch geschlossen. Wird das erste Halbjahr 2020, als das Jahr ohne Film in die Geschichte eingehen?

Dresen: Ohne Film kann man nicht sagen. Ich glaube, die Leute gucken so viel wie noch nie, nur leider nicht im Kino, sondern auf irgendwelchen Online-Portalen. Für das Kino, als Ort von sozialer Kommunikation, wo man auch auf andere Menschen trifft, ist es sicherlich eine mittelschwere Katastrophe. Es fehlt eine geordnete Perspektive, damit auch die Kinobetreiber, die von vielen Zuschauern geschätzt werden, eine Chance haben weiterzuarbeiten.

rbbKultur: Wie ist es denn mit neuen Filmen, die eigentlich jetzt in diesen Wochen und Monaten in die Kinos hätten kommen sollen? Liegen die auf Halde? Was passiert mit denen?

Dresen: Das ist ein großes Problem, selbst wenn man jetzt sagen würde, wir öffnen die Kinos in drei Wochen. Dahinter steckt ein sehr komplexes System steht. Jeder Film-Start, der terminiert wird, wird von den Verleihern und den daran Beteiligten über Wochen oder Monate vorbereitet. Da gehört Pressearbeit dazu, Plakate, Anzeigen werden geschaltet, unter Umständen eine Kinotour. Man startet einen neuen Film nicht innerhalb von zwei Wochen, das geht gar nicht. Selbst wenn die Kinos jetzt öffnen würden, würde es eine ganze Weile dauern, dieses sehr komplexe System wieder hochzufahren. Jetzt kommen noch die Sommermonate dazu, dies sowieso für die Kinos meistens nur Sauregurkenzeit sind. Da liegen tatsächlich eine ganze Menge Filme auf Halde und es wird eine Zeit dauern, die wieder an den Start zu bringen.

rbbKultur: Viele Drehs mussten abgesagt oder zumindest erstmal verschoben werden. Wie dreht man überhaupt einen Film mit Abstand? So manche fangen ja langsam wieder an zu drehen.

Dresen: Ich weiß von Kollegen, dass schon wieder gedreht wird. Das wird nicht einfach. Wir müssen dafür neue Spielregeln entwickeln. Was Regie und Schauspieler betrifft, die beim Drehen sehr eng miteinander sind, wird es sehr schwierig die Abstandsregeln einzuhalten. Da geht es wahrscheinlich ähnlich wie beim Fußball, nur über permanente Testungen und das Produktionsprozedere wird natürlich komplexer. Alles wird aufwendiger. Und wir wissen ja alle, die deutschen Filme sind per se nicht mit riesigen Budgets ausgestattet. Es wird leider teurer werden und wird Filme an einer Stelle belasten, die man dann leider nicht auf der Leinwand wiederfindet, sondern nur in einem höheren Produktionsaufwand.

rbbKultur: Man sollte natürlich den Filmen hinterher nicht ansehen, dass die unter besonderen Bedingungen gedreht werden mussten. Wir stellen fest, Corona tut der Filmbranche wirklich sehr weh. Wie könnte denn Filmemachern, Schauspielern und Schauspielerinnen und Kinos geholfen werden?

Dresen: Indem man einen klaren Plan erstellt. Momentan ist das Dilemma, dass die Politiker auf Sicht fahren, wie man so schön sagt und das kann ich auch sehr wohl verstehen. Es ist aber zwingend notwendig, eine bundeseinheitliche Linie zu finden, dass man einen bundesweiten Zeitpunkt für die Öffnung der Kinos festlegt. Dann können sich Verleiher darauf einstellen und Kinostarts terminieren. Was die Produktionsbedingungen betrifft, ist der Produzentenverband gerade dabei, Regelungen zu erfinden, wie das hygienisch gehen könnte. Es braucht zudem die Unterstützung der Politik, möglicherweise auch finanziell für die Produzenten, um auch die finanziellen Ungewissheiten, die da dranhängen auszugleichen. Falls jemand im Team an Corona erkrankt endet die gesamte Filmproduktion. Es gibt keine Ausfallversicherung der Welt, die das in Pandemie-Zeiten versichern würde.

rbbKultur: Das klingt nicht so gut für die Zukunft. Sehen Sie in der gesamten Krise auch Chancen für den Film?

Dresen: Man sagt ja immer so schön, Krise als Chance, um sich Hoffnung zu machen. Aber ehrlich gesagt ist im Moment alles nur komplizierter. Wenn ich eine Chance sehe, dann ist es vielleicht, dass wir gerade alle eine große Sehnsucht spüren nach direkter, menschlicher Kommunikation. Ich kann das Wort "virtuell" schon gar nicht mehr hören. Ich glaube, wir merken gerade alle, wie sehr wir das menschliche Miteinander und den direkten Umgang schätzen, eine Umarmung mit anderen Menschen, zu lachen oder sich in den Armen zu liegen, oder eben auch aus einem Kino zu kommen und vor den anderen Menschen eine Träne zu verstecken, die man vielleicht geweint hat. Oder danach ein Bier trinken zu gehen und über den Film noch einmal zu reden. Das alles gehört zum menschlichen Leben dazu. Ich glaube, dass gerade dadurch, dass es jetzt so lange nicht da war in unserem Alltag, wir vielleicht merken, wie sehr wir es brauchen. Und darin liegt auch eine Chance fürs Kino.

rbbKultur: Die Sehnsucht nach dem menschlichen Miteinander, die ist, glaube ich gesellschaftlicher Konsens zur Zeit. Ist die Krise und das, was sie gerade beschreiben, vielleicht im Rückblick ein guter Filmstoff für die Zukunft?

Dresen: Ich fürchte, die eigentliche Krise kommt vielleicht erst noch. Das ist dann keine Pandemie, sondern eine soziale Krise in dieser Gesellschaft. Da sollten alle und natürlich auch das Kino ganz genau hingucken, dass die Lasten dieses Desasters dann nicht wieder auf dem Rücken der Schwächeren in der Gesellschaft ausgetragen werden. Das finde ich sehr wichtig. Da muss auch die Kunst ein Auge drauf werfen. Neben dem kommunikativen Aspekt, der bei Künstlern eine große Rolle spielt, ist die Kunst auch etwas Ausgleichendes in der Gesellschaft. Leute gehen ins Kino, gehen tanzen, gehen ins Theater und sie kompensieren damit auch negative Gefühle, die wir sonst in Form von Protesten auf der Straße wiederfinden. Kunst ist ein Kommunikationsmittel zwischen den Leuten und auch ein kleines Ventil, um soziale Spannungen rauszulassen und hilft dabei, eine andere Form der Kommunikation zu finden, als sich gegenseitig eins auf’s Maul hauen. Das ist ein wichtiger Aspekt, der in den Diskussionen viel zu selten zum Tragen kommt.

rbbKultur: Die Sehnsucht nach dem menschlichen Miteinander, die ist, glaube ich gesellschaftlicher Konsens zur Zeit. Ist die Krise und das, was sie gerade beschreiben, vielleicht im Rückblick ein guter Filmstoff für die Zukunft?

Dresen: Ich fürchte, die eigentliche Krise kommt vielleicht erst noch. Das ist dann keine Pandemie, sondern eine soziale Krise in dieser Gesellschaft. Da sollten alle und natürlich auch das Kino ganz genau hingucken, dass die Lasten dieses Desasters dann nicht wieder auf dem Rücken der Schwächeren in der Gesellschaft ausgetragen werden. Das finde ich sehr wichtig. Da muss auch die Kunst ein Auge drauf werfen. Neben dem kommunikativen Aspekt, der bei Künstlern eine große Rolle spielt, ist die Kunst auch etwas Ausgleichendes in der Gesellschaft. Leute gehen ins Kino, gehen tanzen, gehen ins Theater und sie kompensieren damit auch negative Gefühle, die wir sonst in Form von Protesten auf der Straße wiederfinden. Kunst ist ein Kommunikationsmittel zwischen den Leuten und auch ein kleines Ventil, um soziale Spannungen rauszulassen und hilft dabei, eine andere Form der Kommunikation zu finden, als sich gegenseitig eins auf’s Maul hauen. Das ist ein wichtiger Aspekt, der in den Diskussionen viel zu selten zum Tragen kommt.

Das Gespräch führte Anja Herzog

rbb Kulturgespräche mit Harald Welzer (© Gregor Baron), Jeanine Meerapfel, Jutta Allmendinger (© ), Inka Löwendorf (© Carsten Kampf), Jürgen Flimm (© Carsten Kampf), Ulrich Matthes (© Carsten Kampf), Ilija Trojanow (©), Bénedicte Savoy (© ) und Andreas Dresen (© ); Montage: rbbKultur
dpa/rbbKultur

Der rbb macht's - Die rbb Kulturgespräche

Was sind die gesellschaftspolitischen Folgen der Corona-Krise? Und welche Verantwortung kann hier die Kultur übernehmen?

Wir sprechen mit Mitgliedern der Akademie der Künste, mit Künstler*innen, Filmschaffenden, Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen, die unter ganz eigenen Blickwinkeln Antworten finden.