Die Laterne mit dem Kreuz für die Kuppel des Berliner Stadtschloss der Stiftung Humboldt Forum steht auf der Baustelle des Berliner Stadtschloss; © dpa/Britta Pedersen
Bild: dpa/Britta Pedersen

Im Gespräch: Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums - Das umstrittene Kreuz

Es wiegt schwer: Etwa 17 Tonnen – das Kreuz mit Unterbau, das in den nächsten Tagen auf der Kuppel des Humboldt Forums in Berlins Mitte errichtet werden soll. Schwer auch sind die Wogen der Debatte, die diese Idee hervorgerufen hat.

Hartmut Dorgerloh © Gregor Baron
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Gewichtiges Argument: Das Humboldt Forum als neues interdisziplinäres Ausstellungshaus ziert damit dann ein christliches Symbol. Der evangelische und der katholische Bischof von Berlin begrüßten das, auch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Doch es gab eben auch Kritik an dieser Symbolik. Wir sprechen darüber mit Hartmut Dorgerloh, dem Generalintendanten und Vorstandsvorsitzenden der "Stiftung Humboldt Forum" im Berliner Schloss.

rbbKultur: Am Ende triumphiert das Kreuz. Morgen wird es mit Unterbau 17 Tonnen schwer auf das Humboldt Forum in Berlin gehievt, nebst acht Engeln, Kuppellaterne und Reichsapfel. Seit zwei Jahren ist teilweise heftig darüber debattiert worden, ob das Kreuz den Berliner Stadtschloss-Nachbau unbedingt ergänzen muss, schließlich ist ja nicht mal die Fassade vollständig originalgetreu … Herr Dorgerloh, was hat am Ende eigentlich dafür gesprochen, das Kreuz dann doch draufzusetzen?

Hartmut Dorgerloh: Das ist ja eine Entscheidung, die schon vor vielen Jahren getroffen worden ist. Eigentlich beginnt das Ganze 2008 mit dem Architekturwettbewerb, den Franco Stella gewinnt, und der hat eine originalgetreue, detailgetreue Rekonstruktion der historischen Kuppel vorgesehen. Dafür hat sich die Jury damals ausgesprochen. Dann ist 2012 noch einmal entschieden worden, wie man das genau macht. Da sind dann auch die Details festgelegt worden.

2017 kam die Diskussion über das Kreuz noch einmal hoch bzw. der Öffentlichkeit wurde eigentlich zum ersten Mal richtig klar, dass da etwas geplant ist, was man vielleicht mit diesen Details nicht so wahrgenommen hat. Aber es hat dann 2017 keine Abweichung von dieser ursprünglichen Planung mehr gegeben. Insofern wird das jetzt realisiert – und eines kann man sagen: Handwerklich ist das super gemacht.

rbbKultur: Also hat es eigentlich nie gewackelt, dieses Kreuz? Diese Diskussionen, die haben Sie ja natürlich auch wahrgenommen – die haben Sie jetzt nicht erschüttert in Ihrem Glauben, dass das Kreuz da oben rauf muss?

H.D.: Ich finde, das ist eine Diskussion, die wir jetzt führen, die wichtig und typisch ist für das Humboldt Forum. Und sie gehört auch in die Diskussion über die Rekonstruktion an sich. Und sie gehört natürlich auch in die Diskussion über das Programm des Humboldt Forums. Insofern freue ich mich über die Debatte, denn das ist ja die Aufgabe des Forums: unterschiedliche Meinungen, verschiedene Perspektiven zusammenzubringen.

Auf unserer Website haben wir ein Online-Dossier mit allen historischen Hintergründen und auch mit sehr vielen Stimmen veröffentlicht. Da merkt man auf einmal, wie unterschiedlich die Kreuzfrage bzw. die Kuppelfrage gesehen wird – übrigens nicht nur in Berlin oder in Deutschland.

rbbKultur: Alexander von Humboldt hat ja wörtlich dafür plädiert, die gesamte Menschheit – ich zitiere: "… ohne Rücksicht auf Religion, Nationen, Farbe als einen großen, nahe verbrüderten Stamm zu behandeln." - Sollte das nicht eher symbolisiert sein an einem Gebäude, das sich auf seinen Namen bezieht?

H.D.: Hätten wir nach einer programmatischen Inschrift für das Humboldt Forum gesucht, dann hätten wir sicherlich bei Humboldt dieses oder auch noch andere Zitate finden können. "Alles ist Wechselwirkung" – das ist ja quasi die Hauptbeschreibung oder die wesentliche Darstellung dessen, was wir da tun wollen.

Es ging in dieser Frage nicht darum, etwas zu finden, was passend ist für das Humboldt Forum, sondern es ging schlichtweg um eine Wiederholung eines historischen Zustands. Das ist übrigens nicht nur an der Kuppel so, sondern man geht durch die Portale mit barockem Herrscherlob unter preußischen Kronen und preußischen Adlern in das Haus hinein, wenn man jedenfalls von drei Seiten kommt.

Die Ostseite ist radikal modern. Auch da gibt es Leute, die das ganz toll finden und andere, die das ganz entsetzlich finden. Insofern ist das Haus schon in seiner äußeren Gestalt widersprüchlich. Und die Aufgabe des Humboldt Forums ist es, erstens diesen Widerspruch auszuhalten und zu thematisieren, und zum anderen aber auch die Verbindungen zwischen den Widersprüchen deutlich zu machen.

Und das heißt für uns, dass wir das nicht einfach hinnehmen und sagen – ja, das ist nun mal so, sondern dass wir das zum Anlass nehmen für eine Auseinandersetzung, wie wir sie gerade führen. Zum Beispiel über den Umgang mit religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit.

Die Gläserne Blume (Quelle: rbb)
"Gläserne Blume" | Bild: rbb

rbbKultur: Also rechnen Sie damit, dass diese Kreuz-Diskussion ein ständiger Begleiter des Humboldt Forums bleiben wird?

H.D.: "Geschichte des Ortes" heißt ein Arbeitsbereich bei uns, der eine dauerhafte Aufgabe hat. Da geht es vom Archäologischen Keller mit den ältesten Spuren hier in Berlin, dem Dominikanerkloster, bis hin zum barocken Schloss. Palast der Republik ist ein ganz wichtiges Thema. Wir haben vor ein paar Monaten intensiv über die "Gläserne Blume" diskutiert. Jetzt diskutieren wir über die Kuppel und Friedrich Wilhelm IV. und sein Gottesgnadentum und sein Verständnis von der Wiedervereinigung der Christenheit.

Das sind alles ganz wichtige Facetten, die auch immer einen Bezug haben. Erstens für uns heute: Wie gehen wir in einer multireligiösen und größtenteils agnostischen Gesellschaft mit religiösen Vorstellungen und Zielen um? Zum anderen stellt sich aber auch die Frage, wie wir die Vielfalt von Perspektiven nicht nur innerhalb von Deutschland oder von Berlin im Humboldt Forum thematisieren, sondern von der Welt auch mal auf uns schauen zu lassen. Und das heißt eben, das Haus auch als offene Bühne zu verstehen, die einladend ist.

Und das Kreuz ist eben – obwohl es ein Verbrechen ist, was unter dem Zeichen des Kreuzes an vielen Orten in der Welt passiert ist – heute aber für viele Menschen in der Welt auch ein Zeichen der Hoffnung, gerade auch ein Zeichen für die Unterdrückten und Entrechteten. Die Ambivalenz gibt es also nicht nur im Humboldt Forum, sondern es gibt sie in vielen anderen Bereichen der Welt ebenso.

rbbKultur: Wieviel näher bringt uns denn morgen die "Kuppelvollendung" der Eröffnung des Forums? Das ist durch Corona ja auch ein bisschen ins Stocken geraten …

H.D.: Insofern bin ich froh, dass sie jetzt endlich draufkommt und wir dann auch die Westfassade unter der großen Kuppel abrüsten können. Dann sind auch die Fassaden und die Arbeiten in den Höfen fertig, die Außenanlagen – Teile, die zügig vorangehen. Wir wissen es noch nicht ganz genau, weil Corona uns immer noch zu schaffen macht. Aber wir hoffen, dass wir jetzt in ein paar Wochen Klarheit über den Zeitplan haben. Denn wir wollen noch in diesem Jahr mit der Eröffnung beginnen.

Das Gespräch führte Frank Rawel