Ein Kran hebt am Neubau vom Berliner Schloss, dem Humboldt Forum, die Kuppelspitze mit Engelsfiguren und einem Kreuz auf die Kuppel © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa

Ein Kommentar von Tomas Fitzel - Geist der Wahrheit über dem Lügenschloss

Pfingsten ist eigentlich auch so etwas wie ein Fest der Wahrheit. So heißt es im Johannes-Evangelium. Wie es mit der Wahrheit bei dem Berliner Schloss bestellt ist, dessen Kuppel mit einem Kreuz gekrönt wurde, zeigt Tomas Fitzel in einem bitteren nachpfingstlichen Resümee.

Es regnete an Pfingsten weder Feuerzungen, noch wurde der Geist der Wahrheit ausgeschüttet, stattdessen ein veritables Lügenschloss aufgetürmt, dass mit der Kuppellaterne den nun wirklich krönenden Abschluss fand. Denn das ist Berlins neuer Gesslerhut, unter dem die Republik zu Kreuze kriecht – und nirgendwo ein Wilhelm Tell in Sicht. Dafür schießt die um die Kuppel umlaufende, golden blinkende Inschrift wahrlich den Vogel ab. Wir alle sollen das Knie beugen, im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Dann schauen wir doch mal unter der Erde nach, bei den Fundamenten.

Womit alles begann
Mit der ersten Lüge. Als einst im Bundestag darüber debattiert wurde, ob der Palast der Republik abgerissen werden soll oder nicht, wurde mit lächerlich geringen Abrisskosten argumentiert wider jedes besseren Wissens. Die wahren Kosten waren am Ende siebzehnmal so hoch. An dessen Stelle sollte ursprünglich dann ein neues Symbol der Republik entstehen. Eine Agora, die Museen und Bibliotheken eine Heimat geben sollte. Darauf wartet die Berliner Zentral- und Landesbibliothek bis heute vergeblich. Denn mit der Entscheidung für die barocke Schlosshülle stellte man den Grundsatz guter Architektur auf den Kopf. Statt form follows function galt es nun umgekehrt die übrig gebliebenen Museen in dieses allzu enge Korsett so lange zu pressen, bis sie passten.

Den Architekturwettbewerb gewann schließlich Franco Stella, ein Architekt, der bis dahin kein einziges nennenswertes Bauwerk vorweisen konnte. Nach der Entscheidung telefonierte die Jury auch nicht zuerst mit ihm, sondern mit Hans Stimmann, dem ehemaligen Senatsbaudirektor und energischen Befürworter der Rekonstruktion der historischen Stadt. So viel zum Architekturwettbewerb. Von da an gaben sowieso die Spender den Ton an und die demokratische Öffentlichkeit trieb der insolvente Landmaschinenverkäufer Wilhelm von Boddien nach Belieben vor sich her.

Ein Eckrondell war im Plan nicht vorgesehen? Macht nichts. Kaum fand sich ein Finanzier, schon waren Fakten geschaffen. Ein anonymer Großspender finanzierte die komplette Kuppel und somit auch die fatale Inschrift. Treuherzig argumentiert man mit der angeblich originalgetreuen Rekonstruktion. Quatsch mit Sauce.

Das goldene Kreuz wiederum bezahlte die Otto Versandhaus Erbin. Dass Christen ihr heiligsten Symbol, das Kreuz, am Pfingstfest zum geistlosen Bling-Bling, zum banalen Kuppelnippel verhunzen lassen, das ist deren Sache. Schaut man von dort oben, also dem Himmel herab auf die Erde, dann starrt man künftig in die wippende Opferschale. Dort wo das größte Gewicht zusammenkommt, dorthin neigt sie sich. Das sei Demokratie, so die Behauptung. Das größte Gewicht besitzt immer noch das Geld. Und dies wird auch ohne Pfingsterleuchtung in allen Sprachen sofort verstanden. So tritt die gesellschaftliche Wahrheit überdeutlich an dieser Schlossfassade zu Tage. Nur wie kommt der Geist der Wahrheit in dieses Schloss noch hinein? Denn dagegen ist es gewissermaßen mehrfach imprägniert. Auch die redlichsten Ausstellungsmacher und Museologen werden damit wohl ihre liebe Not haben.
Tomas Fitzel, rbbKultur

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.