Christian Füller (© Handout/Michael Gabel/dpa) und André Bochow (© privat)
Bild: Handout/Michael Gabel/dpa | privat

- Pro und Contra: Regelbetrieb an Schulen und Kitas

Brandenburg hat schon letzte Woche angekündigt, dass Schulen und Kitas nach den Sommerferien zum Normalbetrieb zurückkehren sollen. Gestern hat nun auch der Berliner Senat darüber beraten. Unsere Kommentatoren André Bochow und Christian Füller haben unterschiedliche Meinungen zur Öffnung von Schulen und Kitas.

Pro | André Bochow
Es ist geschafft. Die Schulpflicht wird wieder durchgesetzt. Nicht nur in Brandenburg - auch in Berlin. Nach den Sommerferien ist es vorbei mit dem Zufallsprinzip beim Lernen. Haben die Eltern Zeit, Nerven und sonstige Voraussetzungen, um den Nachwuchs daheim zu unterrichten? Ist die jeweilige Lehrkraft willens und befähigt digitale Schule zu gestalten?

Ein Glücksspiel. Viele hatten Pech. Noch mehr sind entnervt. Nun lassen wir dieses Kapitel hinter uns. Wenn nicht Corona, die GEW oder besorgte Eltern doch noch ein Veto durchsetzen. Manche scheinen sich ja im Ausnahmezustand eingerichtet zu haben. Damit muss Schluss sein. Denn wir werden genug damit zu tun haben, die Trümmer zu beseitigen. Nicht nur Lernstoff wird nachzuholen sein, sondern vielfach muss das zerstörte Vertrauen zwischen Lehrern und Eltern gekittet werden. Es wird Klagewellen geben, weil sich Schüler und Eltern um Chancen betrogen sehen. Zum Beispiel, weil sie ohne Not keinen regulären mittleren Abschluss machen konnten. Oder weil sie kaum Möglichkeiten hatten, für das Abitur zu lernen. Lehrer werden vor Gericht ziehen, weil sie ihre Gesundheit in Gefahr sehen. Und die Berliner Bildungspolitiker werden wieder einmal überfordert sein. Es wird auch nach Corona nicht lustig.

Dabei lässt sich so viel lernen aus den Krisenerfahrungen. Die Beteiligten am Bildungssystem haben sich besser kennengelernt. Im Guten, wie im Schlechten. Wir wissen jetzt, wozu digitale Technik nützen kann, wozu sie nicht taugt und wem welche Geräte fehlen. Wir haben gesehen, dass die sozialen Unterschiede noch viel deutlicher geworden sind. Und wie schön es ist, wenn es saubere Schultoiletten gibt. Sogar Seife wurde dort gesichtet.

Dass es in Berlin einen wirklichen Neuanfang in der Schulpolitik gibt, glaube ich nicht. Nötig wäre er. Aber damit nicht alles noch schlimmer wird, muss die Schule zum Regelbetrieb zurückkehren. Leider heißt Regelbetrieb in Berlin auch: Weiter am Ende des bundesweiten Bildungszuges auf den Gleisen zu schlingern. Doch wer weiß, vielleicht erwächst darüber auch einmal eine ernstzunehmende gesellschaftliche Debatte. Vorerst sind wir über das Normale froh.

Contra | Christian Füller
Nein, ein pauschales Öffnen der Schulen nach den Sommerferien ist keine gute Idee. Wir dürfen die Schulen nicht zu Floridas, Texas und Israels machen. In diesen Ländern kam das Coronavirus mit Macht zurück. In Israel, das an sich gut durch die Pandemie kam, waren es sogar die Schulen, die im Wortsinne Petrischulen wurden: Ansteckungszentren. Aber man muss nicht in die Ferne schweifen, auch hier steigt der Anteil der Kinder an den Infizierten an. Deswegen ist es falsch, einer Öffnung zum Schuljahresbeginn im August das Wort zu reden. 

Wenig überzeugend ist das intellektuelle Niveau der Öffnungsdebatte. Vom Virus als einer tödlichen Gefahr wird abstrahiert, so als hätte sich Corona in Luft aufgelöst. Journalisten mit schulpflichtigen Kindern fragen nicht mehr als Profis, sondern als Väter und Mütter: Wann bin ich meine Blagen wieder los! So lautet der kaum verhüllte Subtext manches Interviews. Am wenigsten überzeugen die Kultusminister. Seit Monaten kommt von dort kaum eine ausgefeilte Idee. Es geht irgendwie nur "Zu" oder "Auf" – und sei es mit antipädagogischen Abstandsregeln. 

Ein plattes Schulöffnen übersieht aber noch etwas anderes: die Schule nach Corona muss eine andere sein, als sie es vorher war. Richtig, manche Schule organisierte Fernlernen de facto wie schlechtes Homeschooling durch die Eltern. Dennoch sind viele Beispiele eines guten hybriden Lernens entstanden – also einer Verbindung von Präsenz und digitalem Fernunterricht via Laptop und Cloud. Das sollten wir nicht einfach wieder vergessen: denn es ist die Zukunft des Lernens!

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.