Nikolaus Bernau; Foto: Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

- Vornehme Zurückhaltung - Wo ist das Humboldt Forum in der Rassismus-Debatte?

Im Herbst sollen die ersten Ausstellungsräume des Humboldtforums eröffnet werden – vielleicht. Aber kann der Riesenbau hinter den nachgebauten Fassaden des Berliner Schlosses nicht auch bis dahin schon genutzt werden? Ein Zwischenruf von Nikolaus Bernau.

Das Humboldtforum ist politisch bisher bemerkenswert sprachlos geblieben. Was haben wir von ihm gehört zur Klimaschutzfrage oder zu den kulturellen Folgen der Globalisierung, zum Umgang mit zu Kolonialzeiten geraubtem Kulturgut? Es war bestenfalls irrelevant wie die meisten Inszenierungen des Humboldt-Lab in Dahlem, manchmal, wie die Ausstellung über Kinderrechte in der Humboldtbox, regelrecht peinlich.

Doch konnte all das noch darauf geschoben werden, dass es ja kein eigenes Haus gab. Diese Ausflucht gibt es jetzt nicht mehr. Sicher, der Innenausbau des Humboldtforums und der Aufbau der Ausstellungen brauchen noch einige Zeit. Aber der offene Schlüterhof, der überdachte Eosanderhof, sie können genutzt werden. Ohne Weiteres. Und wir brauchen solche Debattenräume in Zeiten von Covid 19, in Zeiten des grassierenden Nationalismus, der Fake News.

Es gibt Hunderte, Tausende von Fachleuten für so ziemlich jedes Thema in diesem Land, die danach lechzen, ihre Erfahrungen, ihre Forschungen einem breiten Publikum vorzustellen. Humboldts Kosmos-Vorlesungen fanden einst ja auch nicht in einer Studierstube statt und sie waren aus der Perspektive der Zeit revolutionär. An sie anzuschließen, hieße heute über die katastrophalen Folgen der Politik des brasilianischen Präsidenten Bolsanero für indigene Völker im Amazonasgebiet zu sprechen. Über die Machtpolitik Chinas, das nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern auch die in Hongkong und Taiwan unterdrücken will. Über die Politik Donald Trumps, der in den USA Schwarze und Weiße aufeinander hetzt. Über das, was Europa zusammenhält. Über die Bedeutung, die Kunst und Architektur noch haben, wenn christliche Kreuze und antijüdische Inschriften bedenkenlos über dem Weltkulturenzentrum Humboldtforum aufgestellt werden können. Über die Bedeutung von gesellschaftlicher Vielfalt in einem Humboldtforum, dass ausschließlich von weißen, weit überwiegend männlichen deutschen Akademikern geleitet wird. Es braucht nur ein bisschen Mut und Organisationslust.

Wie wäre es also zum Auftakt mit einer Debatte über die aktuellen Entschädigungs-Forderungen der Hohenzollern? Das gegebene Datum wäre der 23. Juni, der 100 Jahrestag der Aufhebung der Adelsprivilegien in Preußen, der logische Ort der Schlüterhof. Lasst uns streiten, warum die Hohenzollern für die Folgen des Kriegs entschädigt werden sollen, nicht aber diejenigen, die von Militärs um Vermögen und Leben gebracht wurden, die die Hohenzollern-Kaiser nach Afrika, China oder in den Pazifik geschickt haben. Wir wagen hiermit die Garantie, dass der Hof voll wäre. Wie gesagt, es braucht nur etwas Mut für eine solche Debatte. Und selbstverständlich mit Anstand, mit Abstand und Maske. Wie gesagt, es braucht nur etwas Mut für ein solches Programm.

Nikolaus Bernau, rbbKultur

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.