Vom Winde verweht, hier: Hattie McDaniel, © dpa/United Archives/IFTN
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- "Vom Winde verweht" - Der Klassiker auf dem Prüfstand

Das Südstaaten-Epos ist bis heute einer der kommerziell erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Die tragische Liebesgeschichte von Scarlett O'Hara und Rhett Butler in Zeiten des amerikanischen Bürgerkriege gewann seinerzeit acht Oscars. Als Reaktion auf die anhaltenden Anti-Rassismus-Proteste in den USA hat der US-Streaming-Dienst HBO Max den Film-Klassiker in dieser Woche vorerst aus seinem Angebot entfernt. Unser Filmkritiker Rüdiger Suchsland kommentiert.

So schwer es zu glauben ist: Das Südstaaten-Epos "Vom Winde verweht" war seinerzeit ein liberaler Film.

Ein Film, der vom Krieg erzählte, indem er Leiden schilderte; indem er nicht siegreiche männliche Kämpfer als Helden propagierte, sondern von einer Niederlage erzählte. Und aus den Flammen des spektakulären Brands von Atlanta stiegen junge Frauen hervor: Selbstbewusst, unverheiratet, nicht mehr ihren Eltern und der Tradition gehorchend. Scarlett O'Hara war eine frühe Heldin des Feminismus.

Diesen Film jetzt einem puritanischen Reinigungs-Furor zu unterwerfen, bringt auch diese Geschichte eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins zum Verschwinden. Es ist eine Überreaktion. Und eine Ersatzhandlung. Wie die Lindenblätter und Seidentücher, mit denen die Katholische Inquisition der Gegenreformation die sogenannten "Blößen" der biblischen Figuren züchtig bedeckt. Jeder wusste doch, was darunter lag. Keine Frage: "Vom Winde verweht" ist ein Film, der auch rassistische Klischees bedient. Zugleich ist er damit noch kein rassistischer Film.
Filme sind – wie alle Kunstwerke – viel zu ambivalent, um sie auf eine einfache Botschaft zu reduzieren. Deswegen kann man ihnen nicht mit den Mitteln der Zensur oder des Begradigens und Schönfärbens zu Leibe rücken.

Kino ist wie jede Kunst sperrig und irritierend gerade dort, wo es am Besten ist. Es irritiert unsere vermeintlichen Gewissheiten. In der Absicht einer begradigten, schöngefärbten Neu-Fassung von "Vom Winde verweht" verrät sich - ähnlich wie in den Korrekturen von Kinderbüchern und korrekten Neu-Übersetzungen von Romanen - zwar eine gute Absicht, aber vor allem die augenblickliche Hilflosigkeit unserer modernen Gesellschaft, mit unseren eigenen Widersprüchen umzugehen und sie auszuhalten. Diese Hilflosigkeit zeigt sich in der neuen Mode einer Identitätspolitik, die Eindeutigkeiten möchte, und nicht merkt, dass sie sich hier dem Denken rechtsradikaler Identitärer bedenklich annähert.

Demokratie bedeutet aber, Widersprüche auszuhalten. Und die Vielfalt und Diversität einer demokratischen Gesellschaft nicht dem - verständlichen – Wunsch nach Eindeutigkeit und Homogenität zu opfern.

Vielleicht könnte man hier von dem großen afroamerikanischen Schriftsteller und Philosophen James Baldwin lernen: Der lehnte es ab, auf Nachfrage zu sagen, wer er "eigentlich" sei, wo seine "Wurzeln" lägen. Er sei New Yorker aus Harlem und Weltbürger, was sonst? Baldwin war Mann, Schwarzer, er war schwul, Amerikaner, der in Frankreich lebte und als Sartre-Freund fühlte er sich als Existentialist - viel zu viele Identitäten, um sie auf eine einzige zu reduzieren, oder eine davon zu privilegieren.

Von Baldwin lernen heißt Vielfalt akzeptieren lernen. Wer das verstanden hat, kann auch "Vom Winde verweht" ohne jeden Kommentar ansehen - als einen guten Film aus einer glücklicherweise vergangenen Zeit.

Rüdiger Suchsland, rbbKultur

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