Bristol: Das Denkmal des Sklavenhändlers Edward Colston wird in den Fluss Avon geworfen, 7. Juni 2020; © dpa/Giulia Spadafora
Bild: dpa/Giulia Spadafora

Muss das weg? - Wie sollten wir mit Kolonialismus-Denkmälern umgehen?

In der vorigen Woche wurde das Denkmal eines Menschenhändlers in Bristol in den Hafen gestürzt, in den USA werden Denkmäler von Militärs der sklavenhaltenden Südstaaten bemalt oder demontiert, in Frankreich lehnte Präsident Macron die Demontage solcher Denkmäler gerade explizit ab. Wie soll Deutschland mit seinen Kolonialdenkmalen umgehen? Ein Kommentar von Nikolaus Bernau

Die vielen Bilder von Black Live Matters Demonstrationen auch in Deutschland sind erhebend, bewegen mich. Endlich wollen auch in diesem Land Menschen die Folgen von vier Jahrhunderten europäischem Vormachtanspruch wenigstens versuchen zu heilen. Und doch: Wir sollten nicht einfach die Traumata und Schmerzen vieler Nicht-Weißer aus Amerika, Großbritannien, Belgien, den Niederlanden oder Frankreich nahtlos übertragen auf Deutschland. Einfach deswegen, weil in jedem Land die Frage, wer ist "Black", wer ist "Schwarz", anders beantwortet werden muss.

In Schweden können Sami, Finnen und Roma von jahrhundertelanger Benachteiligung erzählen, die bis zur Zwangssterilisation reichte. In Italien bedeutet albanisches Aussehen die Ausgrenzung, in Deutschland ein "slawisch" anmutendes Gesicht, eine orthodox jüdische Kleidung, ein Aussehen, das als "vietnamesisch" oder "afrikanisch", als "Zigeuner", "türkisch" oder "arabisch" eingeordnet wird. Und zwar egal, wie sauber ihr Hochdeutsch oder Bayrisch ist, wie lange ihre Eltern, Großeltern, Urgroßeltern schon hier ansässig waren.

Denkmal des belgischen Königs Leopold II. in Brüssel, mit blutigen Augen und der Aufschrift "Pardon"; © dpa/Dursun Aydemir
Denkmal des belgischen Königs Leopold II. in Brüssel | Bild: dpa/Dursun Aydemir

Viel Streit, viel Erklärung

Rassismus- und Kolonialgeschichte sind kompliziert. Wir haben aus den USA, Belgien und Frankreich die Konzentration auf die koloniale Katastrophe Afrikas übernommen. Zu Recht. Doch wie steht es mit unserer Erinnerung an die brutale Ausbeutung der Indigenen Südamerikas durch die Fugger und Welser? Wie mit der Erinnerung an den Krieg des Deutschen Reichs gegen China, an die Unterwerfung der Inselkulturen des Pazifik? Welche deutschen Medien sind denn so multikulturell und vielfarbig wie noch der kleinste amerikanische Vorstadtsender? In der Londoner National Gallery wird über die kolonialen Wurzeln der Sammlung gesprochen – wie steht es in deutschen Gemäldegalerien?

Deutsche Einwanderer spielten eine zentrale Rolle bei der Unterjochung der nordamerikanischen Indianer – könnte sich das bis in die heutigen Probleme mit Rassismus in Minneapolis auswirken? Und wie steht es mit den Südafrikanern und Südamerikanern, die bis heute reinstes Plattdeutsch sprechen? Wer hat je eine Ausstellung zu ihren Kulturen gesehen? Wer denkt beim Betrachten der nachgebauten Berliner Schlossfassaden an Kolonialpolitik? Wohl die wenigsten. Doch diese Fassaden wurden einst auch bezahlt mit den Erträgen einer brandenburgischen Handelsgesellschaft, die Menschen von Afrika nach Südamerika verkaufte.

Der Sturz eines Denkmals oder die Umbenennung einer Straße kann emotional befreien, kann auch die Richtung anzeigen, in die wir denken wollen. Aber sie sind keine Lösung, und zwar für gar nichts. Wir brauchen Debatten und viel Streit und viel, viel Erklärung. Ohne sie verstehen wir nicht einmal das revolutionäre Potential des Fotos aus Bristol vom im Hafen versenkten Sklavenhändlerdenkmal.

Nikolaus Bernau, rbbKultur

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