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Kritisches Weißsein - Albrecht Selge: "Für mich spielt Hautfarbe doch keine Rolle! Oder?"

Warum sollten eigentlich People of Colour ständig ihre Hautfarbe und ihre Diskriminierung thematisieren? Warum sollten nicht die Weißen ihre Hautfarbe und die damit verbundenen Privilegien hinterfragen? "Critical Whiteness", kritisches Weißsein, heißt dieser Gedankenansatz. Unser Autor Albrecht Selge kommentiert.

Kleine Szene vor kurzem: Ein paar Jungs, vielleicht zehn Jahre alt, vor dem Getränkeautomaten in der Stadtbibliothek, sie diskutieren aufgeregt, einer klopft mit der Hand gegen den Automaten, rüttelt ein bisschen daran … und da kommt die Bibliothekarin angeschossen, scharf wie ein Kettenhund: Was macht ihr da?! Als hätte sie die Panzerknacker auf frischer Tat ertappt …

Es stellte sich heraus, dass der Automat Münzen schluckte, ohne Getränke rauszurücken. Na und, könnte man sagen, ein Missverständnis, die Frau hatte einen falschen Eindruck; und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie sehr nett ist.

Nun. Die Jungs hatten deutlich erkennbar das, was man einen Migrationshintergrund nennt, türkisch oder arabisch. Und ich hatte das sichere Gefühl: Wenn mein Sohn als Zehnjähriger an dem Automaten gerüttelt hätte, hätte die Ansprache der Bibliothekarin anders geklungen. Nicht so scharf und Panzerknacker-ertappend. Denn mein Sohn hat blonde Haare, blaue Augen. Er ist: weiß.

Das Wort löst in mir Widerwillen aus. Ich mag mich nicht als Weißer bezeichnen, das tun doch nur die abstoßenden Rassisten, die von White Power schwafeln. Für mich spielt Hautfarbe doch keine Rolle! Oder?

Vielleicht tut sie es ja doch, und ich merke es nur nicht. Es ist ein Privileg, sagen zu können, dass Farben keine Rolle spielen. Wenn ich mit meiner Familie im Zug über den Brenner fahre, werden ja wir von der Polizei nicht kontrolliert, sondern nur die, die anders aussehen. Wenn ich im Verkehr in Streit gerate, werde ich vielleicht Scheißradfahrer genannt – aber niemals Kameltreiber, wie es neulich vor meinen Augen einer ungeschickt ausparkenden Autofahrerin erging. Eine viel tiefer zielende und verletzende Beleidigung, weil sie auf die Herkunft geht, aufs Nichtdazugehören. Und als Schüler sagten wir, wenn wir uns von einem Kumpel ausgenutzt fühlten: Ich bin doch nicht dein Sam! Wo diese Redensart herkam, darüber dachten wir weißen Kinder nicht nach. Ein schwarzes Kind hätte den Satz wohl anders gehört. Aber in meiner Klasse gab es keins.

Sowas fällt mir mittlerweile auf. Aber vielleicht ist das wichtiger, was mir nicht auffällt: Natürlich gibt es Probleme in meinem Leben, auch Verzweiflung, und ich erlebe Ungerechtigkeiten – aber niemals wurden mir wegen meiner Herkunft Steine in den Weg gelegt. Niemals. Ist das ein Privileg? Es ist der Zustand, wie er für alle sein sollte. Aber als weißer, gesunder, heterosexueller Mann häufen sich diese Nicht-Steine ganz gewaltig. In der Welt, nicht wie sie sein sollte, sondern wie sie ist, ist das Nicht-Diskriminiert-Werden ein Privileg.

Ein weißer Freund erzählte mir neulich von einem Gespräch auf einem Spielplatz. Eine Mutter klagte über allerlei Nachteile, denen ihre Kinder wegen ihrer dunklen Haut ausgesetzt seien. Mein Freund meinte, das wären alles Dinge, die ihm auch schon passiert seien. Und sinnierte dann: Vielleicht ist ja selbst das ein Privileg, bei keinem Ärger auch nur erwägen zu müssen, es könnte was mit dem eigenen Anderssein zu tun haben. Einfach reinen, ungetrübten Ärger erleben zu dürfen.

Albrecht Selge, rbbKultur

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