Pressekonferenz der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres, Berlin 2018; © imago-images/Christian-Ditsch.de
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Wegen schlechter Noten geht die Welt nicht unter - Zeugnis für die Schulverwaltung

Eigentlich gibt's am Mittwoch für die Schülerinnen und Schüler in Berlin und Brandenburg Zeugnisse. Uneigentlich fängt es heute an, wegen Corona natürlich. Je nach Schultag und Anwesenheit. Kirsten Dietrich findet das mit den Zeugnissen ganz prima und hat sich die Freiheit genommen, auch eins auszustellen. An die Berliner Senatsschulverwaltung.

So, liebe Frau Scheeres, ich nehm Sie mal stellvertretend für Ihre ganze Verwaltung, eine muss ja den Kopf hinhalten. Also, erstmal möchte ich sagen: Sie wissen ja, auch bei schlechten Noten geht die Welt nicht unter, und irgendwo gibt es bestimmt ein Sorgentelefon. Also, wenn die Zuständigen nicht grad im Homeoffice sind und deswegen leider zur Beratung per Telefon nicht fähig. Auch das passiert ja manchmal, jedenfalls wenn man sich mit einem konkreten Anliegen an eine Berliner Verwaltung wendet. Aber egal.

Das Zeugnis. Tja, tja, tja. Das war natürlich ein schwieriges Schuljahr, jetzt in den letzten Monaten. Fangen wir mal beim Positiven an: In Mathematik, da hat das ja noch ganz gut geklappt, nicht wahr, als Sie das erstmal mit den Textaufgaben rausbekommen haben. Wenn ich 32 Schülerinnen und Schüler in einen Raum setze mit jeweils einem Abstand von 1,50 m auf allen Seiten – dass man da einfach erweitert mit dem Raum der Küche zuhause, weil die ja genau die erforderlichen 7 m² groß sein muss – war doch gar nicht so schwer!

Und in Deutsch, da haben Sie einen schönen kreativen Text über "Lernen zuhause" abgeliefert. Blöderweise haben Sie den aber erst zweieinhalb Monate später abgeliefert, als das Lernen zuhause anfing – da muss ich leider was an der Note abziehen.

Aber Biologie – also, was ist da denn passiert? Thema Viren und Bakterien – da waren Sie wirklich davon überzeugt, dass Hände, die auf Berliner Schultoiletten gewaschen werden, hinterher keimärmer sind als vorher? Also, da müssen Sie in den Ferien noch ein bisschen nacharbeiten. Und nicht nur mit kaltem Wasser, bitte.

Die ganzen Sozialnoten – Verlässlichkeit, Kommunikation, Unterstützung von Familien, soziale Gerechtigkeit – naja, da reden wir nicht drüber, Sie wissen schon, dass das nicht gut gelaufen ist?

Genauso die Sache mit der Informatik. Es gibt inzwischen das In-ter-net. Und dafür braucht man Com-pu-ter. Und man muss wissen, was man damit macht. Und dass alle einen Com-pu-ter brauchen, damit sie dieses In-ter-net auch lesen können. Also, die ganzen schräg und zu blass eingescannten Arbeitsblätter, die da auf einmal drinstanden.

Aber, was seh ich denn hier? Das ist doch mal was, das reißt das ganze doch ziemlich vermurkste Schuljahr wieder raus: Theater-AG. Ich sehe da, Sie haben Ihre ganze Kraft dieses Jahr in ein Theaterprojekt gesteckt. Und zwar – Moment – eine szenische Aufführung von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" mit allen Schulen Berlins? Gut und Böse als zwei Seiten ein und derselben Institution – also, das ist Ihnen wirklich gelungen, liebe Frau Schulsenatorin!

Es war nur, unter uns, ein bisschen verwirrend, wenn in einer Familie das eine Kind zur Dr.-Jekyll-Schule ging und tatsächlich regelmäßige Aufgaben hatte und manchmal sogar Online-Unterricht. Und das andere Kind an der Mr.-Hyde-Schule festhing, wo es zwei Monate keinen Lehrer gesehen hat und Unterrichtsstoff in unsortierten Haufen kam.

Aber egal, nächstes Schuljahr nehmen Sie sich ja einen anderen Stoff vor, nicht wahr? Mein Vorschlag wäre: "Wenn der Postmann zweimal klingelt". Also, wirklich wegen des Klingelns, nicht wegen des Sex auf dem Küchentisch. Denn aufs Klingeln vom Postmann warte ich jetzt wirklich. Der muss nämlich das Zeugnis bringen, also, das vom Kind auf der Mr.-Hyde-Schule. Selber abholen geht nämlich nicht mehr, wegen des klitzekleinen Corona-Falls in der Klasse.

Kirsten Dietrich, rbbKultur

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