Albrecht Selge (© Gregor Baron) und Nikolaus Bernau (© Carsten Kampf)
Bild: Gregor Baron | Carsten Kampf

Proteste gegen Rassismus - Pro und Contra: Straßenumbenennung

Die Mohrenstraße gibt es in Berlin schon über 300 Jahre. Schon länger ist immer wieder im Gespräch, die Straße wegen ihres rassistischen Klangs umzubenennen. Jetzt wird es konkret. Im Zuge der massiven Proteste gegen Rassismus, dem Stürzen von Statuen, die mit der Kolonialgeschichte verbunden sind und dem Aufruf, Straßen und Plätze umzubenennen, gibt es nun den Vorschlag, statt Mohrenstraße Nelson Mandela oder George Floyd als Namensgeber zu wählen. Das Thema polarisiert, auch unsere Kommentatoren. Ein Contra zur Umbenennung von Nikolaus Bernau und ein Pro von Albrecht Selge.

Pro

Noch vor kurzem kam es auch mir albern vor, unsere gute alte Berliner "Mohrenstraße" umzubenennen. Ein historischer Name, und das Wort Mohr fand ich vielleicht altmodisch, aber doch nicht feindselig oder gar rassistisch.

Dann habe ich mich an meine Mutter erinnert. Die hatte ihr Leben lang das damals allgemein übliche Wort für schwarze Menschen benutzt, das mittlerweile verpönte Wort mit N. Sie meinte nichts Abwertendes damit, sie war der respektvollste Mensch auf Erden. Aber dann verwendete sie das Wort nicht mehr, weil sie erfuhr, dass es – zumindest heutzutage – von vielen Schwarzen als verletzend empfunden wird. Und ein Wort, das jemanden verletzt, benutzt man nicht. Das war für sie keine Frage sogenannter politischer Korrektheit, sondern einfach der Höflichkeit.

Offensichtlich finden einige schwarze Menschen das Wort "Mohr" beleidigend. Es ist nicht an weißen Menschen, ihnen zu erklären, dass sie doch bitteschön nicht beleidigt zu sein hätten. Was andere beleidigt, lässt man sein.

Das bedeutet nicht, Geschichte unsichtbar zu machen. Im Gegenteil: An den historischen Namen und die Hintergründe sollte unbedingt erinnert werden, zum Beispiel auf erklärenden Tafeln. Allerdings an die ganze Geschichte: etwa daran, dass preußische Firmen lange am Sklavenhandel mitverdienten. Oder dass Kurfürst Friedrich Wilhelm sich 1682 "zwantzig Jungen von 8 bis 16 Jahren" bestellte, die dann in Westafrika gefangen und nach Berlin verschleppt wurden. Unsere Beschäftigung mit dieser Geschichte fängt ja gerade erst an. Insofern könnte eine Umbenennung der Mohrenstraße dazu beitragen, Geschichte umfassender wahrzunehmen. Und: schwarze Berliner nicht länger zu verletzen.

Albrecht Selge, rbbKultur

Contra

Die Mohrenstraße erinnert nicht an finstere Diktatoren wie einst der Adolf-Hitler-Platz oder die Stalinallee, an keine Feinde der Demokratie wie der unsägliche Hindenburgdamm, auch nicht an Völkermörder wie Lothar von Trotha. Dann wäre eine Umbenennung sogar notwendig. Doch die um 1707 entstandene Mohrenstraße hat nicht einmal einen Bezug zur deutschen Kolonialgeschichte des späten 19. Jahrhunderts, ihr Name verweist mit großer Wahrscheinlichkeit darauf, dass an ihr einst Menschen dunklerer Hautfarbe wohnten. Oder arbeiteten. Vielleicht sogar als Sklaven. Wir wissen es nicht.

Es wird gesagt, der Begriff "Mohr" sei heute genauso unerträglich wie das "N…"-Wort. Aber Mohr bedeutet nicht Mohr. Der schokoladenbraune Sarotti-Mohr war zweifellos rassistisch motiviert. Der "Mohr" im Wappen Coburgs oder auf den Ladenschildern vieler Gasthäuser dagegen ehrt den Schutzpatron des alten Reichs, den Heiligen Mauritius. Die Mohrenstraße wiederum ist wie die Jüdenstraße ein sprachhistorisches Denkmal von "Multi-Kulti-Berlin", zeigt, dass es seit mindestens 300 Jahren Schwarze und Dunkelhäutige in dieser Stadt gibt. Wer die Mohrenstraße also egal nach wem umbenennen will, bestätigt absurder Weise die zutiefst rassistische Behauptung, dass Berlin historisch eigentlich eine "weiße" Stadt sei. Berlin war nie einfarbig. Und deswegen bin ich in diesem Fall gegen eine Umbenennung – und dafür den Platz vor dem Bundeskanzleramt nach Nelson Mandela zu benennen.

Nikolaus Bernau, rbbKultur

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U-Bahnhof Mohrenstrasse, Berlin-Mitte © Winfried Rothermel/dpa U-Bahnhaltestelle Mohrenstraße mit Aufschrift George Floyd © Kay Nietfeld/dpa

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Was für ein Schwachsinn! Heutzutage darf man nix mehr sagen, immer ist es falsch. Egal ob angeblich links, rechts oder rassistisch oder sexistisch oder sonstwas. Wenn tatsächlich Bücher umgeschrieben, Straßen, Plätze & Co. umbenannt werden und so weiter, dann dürfen wir bald gar nichts mehr sagen. Und dann ist die Gesellschaft sowieso am Ende.
    Was für Angsthasen sind das nur, die solch dämliche Umbenennungen auch noch ausführen! Ich sage weiterhin Negerkuss - und bin dabei kein bisschen rassistisch. Im Gegenteil. Und wenn mein bester Kumpel mal wieder nach Knofi stinkt, nenne ich ihn Kümmeltürke! Auch das ist nicht böse gemeint.
    Hey, schreibt mal an die blonde Tolle in Amerika! Und sagt ihm, the Krauts, das ist rassistisch! Dann ist "Ösis" das aber auch, denn das ist ja soooo abwertend! Um bei uns zu bleiben: dann dürfen wir auch nicht mehr Ossi oder Wessi sagen! Denn: dann kommt ein Depp und behauptet, das sei ganz, ganz fies gemeint!
    Wann landen wir dann im Knast???

  2. 1.

    Wenn man schon die Straßennamen ändert kann man im Tierreich auch gleich weitermachen. Mohrenkaiman -Melanosuchus niger, oder auch Schwarzer Kaiman genannt, ist dann wohl auch rassistisch. Langsam wird es hier doch als bekloppten.