Tomas Fitzel (Foto: Karo Krämer)
Karo Krämer
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Straßen in Oranienburg und anderswo - Keine Erinnerung, warum?

In Oranienburg, wie auch im ganzen Gürtel um Berlin herum, wird Wohnraum knapp. Daher entstehen neue Wohnquartiere. In Oranienburg unter anderem in der Nähe des ehemaligen KZ Sachsenhausen. Damals hieß das Gebiet: Außenkommando "Zeppelin" - und KZ-Häftlinge mußten hier Zwangsarbeit leisten. Nun entstehen dort Wohnungen und die neuen Strassennamen sollten eigentlich alle nach Opfern des KZ benannt werden. Doch nach langen Debatten haben sich die Stadtverordneten dagegen entschieden. Tomas Fitzel kommentiert.

Provinzieller und geschichtsvergessener Kleingeist leitete die Oranienburger Stadtverordneten bei ihrer Entscheidung, ihre neuen Straßen nicht nach acht KZ-Insassinnen zu benennen. Dieser Wunsch kam unter anderem vom Internationalen Sachsenhausen Komitee und der Gedenkstättenstiftung Sachsenhausen.

Warum dort? Weil dieses neue Oranienburger Wohngebiet eine ehemalige Außenstelle des Konzentrationslagers Sachsenhausen überbaut. Genau dies will aber die von der Stadt eingesetzte Namenskommission angeblich gar nicht gewusst haben. Nun, werden sie sich gedacht haben, wer sich da ein schönes Eigenheim baut, möchte womöglich nicht immer daran erinnert werden, worauf die Fundamente stehen. Allerdings sollte man dort unter dem Rasen nicht zu tief graben, denn die Geschichte kommt schneller zum Vorschein, als man es will. Und so auch in Oranienburg, wo man borniert verbohrt nach der Devise handelt: man lässt sich doch nicht von Auswärtigen vorschreiben, was man machen soll. Und es geht wieder einmal um die „unsrigen“ und eben die „anderen“. Eure Toten, unsere Toten. Nur die „eigenen“ will man ehren, mit einer Ausnahme, aber nicht die, die von anderswo nach Oranienburg verschleppt wurden. 


Dabei wollen die Oranienburger Stadtverordneten ja keineswegs die NS-Geschichte komplett leugnen, denn unter den nun vorgeschlagenen Frauennamen, sind auch Verfolgte des NS-Regimes und außerdem eine Frau, die im KZ Sachsenhausen ums Leben kam. Aber so als einzige erhält sie unwillkürlich die Funktion eines Albis. Und weil man von dem Gedanken der Parität in Oranienburg offenbar besessen ist, soll ein Straßenname auch an Gisela Gneist erinnern. Und genau das löste den Protest aus. 


Gisela Gneist wurde als fünfzehnjähriges Mädchen im Dezember 1945 vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und für fünf Jahre im Speziallager 7 eingesperrt. Dort saßen echte NS-Verbrecher aber ebenso sehr viele Unschuldige – oft noch halbe Kinder. Gisela Gneist wurde viel Leid zugefügt und nach der Wende hat sie sich um das Gedenken der Opfer des stalinistischen Terrors verdient gemacht. Dafür bekam sie das Bundesverdienstkreuz. Aber sie wollte auch keinen Unterschied sehen zwischen ihrem Leid und dem Leid der KZ-Opfer. Diese uneinsichtige Haltung hat zu viel Streit und letztlich zu einer Spaltung im Gedenken in der Stadt geführt. 



Mit ihrer Entscheidung zementieren nun die Oranienburger Stadtverordneten genau diese Spaltung. Und dadurch wird es eher schwieriger, künftig beider Opfergruppen jeweils angemessen zu gedenken. Bei diesem unwürdigen Gezerre und Gefeilsche um die Straßennamen, stellt sich inzwischen sowieso längst die Frage, ob die ungefragt Bedachten damit wirklich noch geehrt werden. Glückliches und weises Manhattan! Dort hat man die Straßen nummeriert und spart sich so jeden Streit um die richtigen Straßennamen. Wenn schon die Stadtverordneten so stur an ihrer Entscheidung festhalten, vielleicht äußern sich ja die künftigen Bewohner, denn vielleicht wollen sie gar nicht so geschichtsvergessen durchaus daran erinnern, auf welchem Boden ihre Häuser errichtet wurden.

Tomas Fitzel, rbbKultur

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