Ingo Schulze zu Gast im kulturradio; Foto: Gregor Baron

- "Ich würde Sprachgebrauch regelrecht zum Schulfach machen"

Die COVID-19-Pandemie hat auch unsere Sprache verändert: neue Wörter entstehen, Fachausdrücke gehen in Alltagssprache über, vertraute Wörter werden mit neuer Bedeutung aufgeladen. Diesen Veränderungen gehen Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Zwiegesprächen nach. Der Schriftsteller Ingo Schulze erzählt, wie er die Sprachveränderungen wahrnimmt.

rbbKultur: Hinter dem Wort "Systemrelevanz" soll ja wohl eine Wertschätzung jener stehen, auf die wir in einer Krisenlage nicht verzichten können. Oder ist das Wort anders bei Ihnen angekommen?

Ingo Schulze: Ich habe das Wort zum ersten Mal gehört, das war 2008 bei der Finanzkrise. Da begegnete mir dieses Wort und jetzt "Härtetest" wieder. Und ich finde das sehr interessant, bei all diesem Schlimmen, das mit Corona verbunden ist, haben wir ja doch in diesem Jahr einen Primat des Politischen erlebt. Und wenn es um Politik geht, da sind Worte, Wörter sehr, sehr wichtig. Und mit "systemrelevant" verbinde ich dort einen Vorgang, dass man sich überlegt, was ist für uns wichtig. Und das ist natürlich eine Sache, da muss man drüber diskutieren.

rbbKultur: Die Dinge müssen ja alle benannt werden. Die Frage ist, wie gut werden dann immer in der jeweiligen Situation auch Begriffe gefunden? Wie beurteilen Sie da im Wesentlichen die Lage? Findet man die richtigen Ausdrücke, um alles richtig zu bezeichnen?

Ingo Schulze: Oh, das ist sehr, sehr schwierig. Also bei "systemrelevant" merkt man ja beispielsweise, dass es doch so'ne Verschiebung gibt. Am Anfang war doch der Akzent eher darauf: was ist für uns überlebensnotwendig? Was brauchen wir jetzt? Jetzt verschiebt sich das schon wieder in Richtung: was brauchen wir für's Wachstum? Also plötzlich wird der Konsum wieder zur ersten Bürgerpflicht.

Es wäre eigentlich ganz gut gewesen, dass man bestimmte Fragen, die ja immer stehen: was ist, was brauchen wir, was ist für uns wichtig - dass man darüber spricht. Das passiert ja nicht. Diese Corona-Zeit hat uns mit Notwendigkeit daraufhin gestoßen. Und insofern hatte ich die Hoffnung, dass man daraus Schlüsse zieht und sagt: Es kann nicht darum gehen, immer nur mehr und mehr zu konsumieren. Insofern kommt es darauf an, wie man dieses Wort fühlt, wie man es im Gespräch, im Sprachgebrauch, in welche Richtung man das treibt. Also insofern gibt es immer auch einen Kampf um die Wörter und wie man sie interpretiert.

rbbKultur: Es gab Worte, die auch vorher schon da waren. Das "Homeoffice" beispielsweise. Es gab immer auch schon "Risikogruppen" für Erkrankungen oder das Wort "Lockerungen". Aber es verschieben sich Bedeutungen. Werden wir möglicherweise in Zukunft das Wort "Lockerungen" zum Beispiel gar nicht mehr benutzen können, ohne an die Zeit Corona zu denken?

Ingo Schulze: Das könnte durchaus passieren, zumindest eine gewisse Zeit lang. Also solche Wörter/ Worte, da ist jeder Experte, jeder hat so seinen Sprachgebrauch. Und da ist es dann immer etwas anders. Ich habe nie diese Redewendung gemocht: mach dich doch mal locker oder so. Aber jetzt, muss ich gestehen, das wäre jetzt eine andere Deutung. Es hat schon auch etwas Hoffnungsvolles, wenn man sagt "eine Lockerung" - also, es wird Frühling, es wird Sommer, wir lockern die Sachen.

rbbKultur: Wie weit sehen Sie sich als Schriftsteller in der Verantwortung, diesen Prozess auch sprachkritisch zu begleiten? Die Akademie tut es ja, stehen Sie da in der Pflicht? Konsultieren wird man Sie ja zunächst mal nicht, wenn solche Begriffe gewählt werden.

Ingo Schulze: Nein, die entstehen im Sprachgebrauch, und wie gesagt, da ist jeder und jede eine Expertin, ein Experte. Weil: jeder hat ja seine eigenen Erfahrungen und wird das dadurch ein bisschen anders deuten als jemand anderes. Aber als jemand, der die Wörter zum Material hat, mit dem er arbeitet, ist er natürlich darauf angewiesen, möglichst bedachtsam umzugehen.

Und ich finde, dass wir durch Benennungen, durch Wörter, unser Verhältnis zu den Dingen festlegen. Insofern würde ich eine Art Sprachkritik oder eine Kritik unseres Sprachgebrauchs regelrecht zum Schulfach machen, also weil es ja nicht gleichgültig ist, welches Wort man wofür gebraucht - und dafür eine Sensibilität zu erzeugen, ist eine Notwendigkeit meiner Ansicht nach.

Mit Ingo Schulze sprach Frank Rawel. Mehr zur Gesprächsreihe "Coronas Wörter" der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung:

www.deutscheakademie.de