Mehrere Jugendliche warten am Dienstag (22.02.2005) auf einem Gang des Kreiswehrersatzamtes in Leipzig auf ihre Musterung; © dpa/Thomas Schulze
Bild: dpa/Thomas Schulze

Zurück, marsch, marsch! - Für die Wehrpflicht!

Im Jahr 2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Jetzt kam von der Wehrbeauftragten Eva Högl der Vorstoß, die Wehrpflicht wieder einzuführen, um eine bessere soziale Mischung in der Bundeswehr zu erreichen und Rechtsextremismus zu unterbinden. Darum ist eine heftige Diskussion entbrannt. Unser Kommentator Tomas Fitzel hat als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer seine ganz eigene Sicht auf die Entwicklung.

Je weniger Zukunft, desto virulenter wabert die Vergangenheit durch die Gegenwart. Und so kommt alles wieder unweigerlich zurück, ob als Farce oder blutiger Ernst, auch Schlaghosen und Koteletten werden irgendwann wieder très chique sein, Hornbrillen sind es ja schon, fehlt nur noch: Hoden hoch, Helm auf!

Wobei das ist jetzt schon so lange her, dass man sich gar nicht sicher ist, ob diese peinliche Befummelung der eigenen Männlichkeit noch selbst erlebt oder nur von den Generationen davor gewissermaßen als kollektives Gedächtnis tradiert wurde. Auf alle Fälle war die Musterung ein einschneidendes Erlebnis im Leben eines jeden jungen Mannes in Deutschland Ost wie West. Das letzte archaische Initiationserlebnis. Und in der Frage, der Fahne dienen oder zu verweigern, schieden sich nicht nur die Geister, auch Freundschaften gingen darüber in die Brüche.

Leiser Abschied
Lange vor der deutsch-deutschen Vereinigung gab es eine Einheit der Kriegsdienstverweigerer, nur dass die Folgen im Osten ungleich härter und traumatischer waren. Aber auch im Westen nicht ohne. Im eigenen Fall: Zwei Gewissensprüfungen, doch mangelte mir die emotionale Betroffenheit, dann vor Gericht aber ohne Erfolg, also Flucht nach West-Berlin. Und dann war sie weg, die Wehrpflicht: sang- und klanglos, ohne Täterätä und Tschingderassabum und auch ohne wilde Protestdemonstrationen – einfach so mit einem Federstrich verabschiedet von einem Freiherrn, der ein Hochstapler war.

Kaum war sie weg, da fehlte sie einem schon wieder. Denn genau dadurch wurde man doch zu einem mündigen Staatsbürger, der gelernt hatte, sich a) für eine Sache bewusst zu entscheiden und b) zu wissen: die eigene Freiheit hat auch einen Preis.

Praktisch unmöglich
All die Gründe, die jetzt die Wehrbeauftrage Eva Högl von der SPD für die Wiedereinführung anführt, sind nicht nur komplett falsch, es würde auch rein praktisch gar nicht mehr funktionieren. Wehrpflichtige stehen heute in einer modernen Armee nur im Weg und würden schon vor einer Gulaschkanone kapitulieren. Außer man will eine ganz andere Art von Armee, aber dafür fehlt den Sozialdemokraten schon aus Tradition der Mumm.

Der Kopf sagt also Quatsch, aber das Gefühl sagt: Mhm, irgendwie hätte das was. Um – würde sie tatsächlich wieder eingeführt – gleich sofort lauthals erneut ihre Abschaffung zu fordern. Das wär mal eine dialektische Volte. Schließlich feiern wir dieses Jahr auch Hegel, den Meister der Dialektik. Also von Högl zu Hegel. Ist auch schön.

Tomas Fitzel, rbbKultur

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