Breslau: Präsidentschaftswahlen in Polen; © dpa/Krzysztof Kaniewski
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Gestern waren Präsidentschaftswahlen in Polen - Warum interessieren wir uns so wenig für Polen?

Setzt Polen weiter auf heroischen Patriotismus und Katholizismus oder stattdessen auf "ein anderes Polen" mit besseren Beziehungen zur EU und mehr Rechten für LGBTQ? Für diese beiden Optionen stehen Amtsinhaber Andrzej Duda und sein Herausforderer Rafal Trzaskowski. Tomas Fitzel hat die Präsidentschaftswahl in Polen zum Anlass genommen, zu fragen, warum wir uns in Deutschland so wenig für unser Nachbarland interessieren.

Das Ergebnis – ganz egal wer es am Ende für sich entscheidet – Andrzej Duda oder doch noch Rafal Trzaskowski – spiegelt die lähmende Spaltung Polens in zwei unversöhnliche Lager wider, die immer weniger miteinander noch kommunizieren können. Immer schriller, immer radikaler entwickelte sich stattdessen die Wahlkampfrhetorik der PIS, die nationalpopulistische Partei Recht und Gerechtigkeit, ganz besonders auch gegenüber Deutschland.

Es ist schwer zu sagen, ob diese antideutsche Polemik bei den Wählern verfing oder nicht. Hierzulande wird man dagegen schnell mit den üblichen Klischees bei der Hand sein, in denen wieder einmal das ländliche rückständige und katholische Polen als Erklärung bemüht wird. Die Polen, die nicht so entscheiden, wie wir das gern hätten.

Und das ist auch das Problem und macht es Duda so leicht: Deutschland als ewiger Lehrmeister, das sich für Polen nur interessiert, wenn es etwas zu kritisieren gibt. Ein nachbarschaftliches Verhältnis, das eher wie eine Einbahnstraße funktioniert.

Mit dem Rücken gen Osten
Die deutsch-polnische Grenze ist um 12 Kilometer länger als die deutsch-französische. Aber was für ein Unterschied! Deutschland lebt mehr oder weniger mit dem Rücken zu seinem östlichen Nachbarn und zeigt ihm regelmäßig die kalte Schulter. Man muss nur einmal durch die Ortschaften in der Oderregion fahren. Trotz der mittlerweile guten Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene liest man unter den Ortschildern immer noch hingekritzelte Hinweise wie: noch 12 Kilometer bis Weltende.

Dass Polen nach Deutschland zum Arbeiten kommen und dabei meist auch deutsch sprechen, das ist selbstverständlich. Aber dass sich umgekehrt arbeitslose Deutsche aus den strukturschwachen Grenzregionen in Richtung der prosperierenden Regionen Szczecin und Wrocław aufmachen, das gilt als unzumutbar.

Apropos Szczecin und Wrocław – Stettin und Breslau haben zwei wunderschöne neue Konzerthäuser, Posen ein tolles Opernhaus mit einem anspruchsvollen Spielplan. Aber seit diese drei Städte Szczecin, Wrocław und Poznan heißen, liegen sie für uns gefühlt irgendwo weit hinter dem Ural. Lieber fahren wir nach Salzburg oder Bayreuth.

Eine schwere Hürde
Das Desinteresse am Nachbarland ist hierzulande gerade auch unter den liberalen, aufklärten und ansonsten doch so bildungsbeflissenen Kulturmenschen besonders ausgeprägt. An was liegt das? Die Sprache, man kann es nicht leugnen, ist eine schwere Hürde. Aber haben uns Diphtong und Nasallaute oder der berüchtigte Subjonctiv je vom Französischen abgehalten? Oder haben wir womöglich, zugespitzt gesagt, Polen einfach nie verziehen, dass wir es überfallen, mit Terror überzogen, ausgeplündert und Warschau fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht haben?

Die ersten Risse in der Berliner Mauer zeigten sich 1980 in Danzig, diesem Sommer der Hoffnung, als die Solidarnosc in Gdansk den Auf- und Ausbruch wagte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aber, da hatten wir für Polen nur kühle Ratschläge übrig, wie es möglichst schnell und geräuschlos in der Europäischen Union und der Markwirtschaft ankommen könnte.

Polen wirklich zugewandt – das würde heißen sich für den Nachbarn interessieren und zuhören, aber nicht immer alles besser wissen zu wollen.

Tomas Fitzel, rbbKultur

Kommentar

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Antwort auf [Hieronymus] vom 13.07.2020 um 10:44
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1 Kommentar

  1. 1.

    Spricht mir sehr aus meiner West-Berliner Seele. Natürlich kommt einem der polnische Nationalstolz oft ein wenig fremd vor, aber das Auseinandersetzen mit Polen, das Kennenlernenwollen von polnischen Nachbarinnen und Nachbarn ist doch sehr reduziert. Wenn man es "wagt", ist es meist lustig, oft sehr horizonterweiternd und immer ein Gewinn.