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"Strukturell überfordert" und "dysfunktional" - "Stimmen die Länder nicht zu, ist der ganze Therapievorschlag dieses Gutachtens für die Katz“

Die Empfehlung des Wissenschaftsrats, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufzulösen und neu aufzustellen, schlägt hohe Wellen. Wir sprachen mit dem Anwalt Peter Raue, der bis 2008 gut 30 Jahre lang Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie war, über die fehlenden, internationalen Ausstellungen in Berlin, die Wichtigkeit eines eigenen Etats für die Museen und die entscheidende Rolle der Länder bei der Auflösung der Stiftung.

rbbKultur: Herr Raue, dysfunktional, strukturell überfordert, unterfinanziert - teilen Sie die Diagnose des Wissenschaftsrates?

Raue: Ja, sie bringt die Dinge genau auf den Punkt. Vor allem, was die Museumslandschaft anbelangt, das ist der kritische Punkt. Die Diagnose ist vorzüglich, über die Therapie muss man nachdenken. Vor allem liegt das Gutachten Wert darauf, wie skandalös unterfinanziert diese Museen sind. Wenn man sich vorstellt, dass zwischen 1991 und 2008 ganze 645 Planstellen abgebaut worden sind, bei ständig wachsenden Aufgaben. Wenn man bedenkt, dass kein einziges Museum in Berlin einen eigenen Etat hat. Das heißt, die Museen können überhaupt nicht mehr planen. Deswegen gehen fast alle großen internationalen Ausstellungen an Berlin vorbei. Es gibt keine Planungssicherheit und das ist die richtige Diagnose, warum so vieles im Argen liegt.

rbbKultur: Im Rahmen dieser aktuellen Debatte heißt es immer wieder, die Ausstellungen der Staatlichen Museen seien alles andere als Weltspitze. Also das, was man gerne wäre. "Ohne Glanz", schreibt heute die Berliner Morgenpost. Das würden Sie unterstreichen?

Raue: Nein, nicht ganz. Das Problem ist, wenn wir eine so grandiose Ausstellung wie “Mantegna und Bellini“ haben, dann fehlt das Geld, um für diese Ausstellung zu werben. Es gibt eine einzige Person, die für die Website aller elf Museen zuständig ist. Eine einzige Stelle. Das heißt, der nicht kunstaffine Mensch, der weiß nicht, wer Mantegna und Bellini sind. Es wäre also gut, wenn man die bewerben würde, wie das in London geschehen ist, wo man wochenlang für diese Ausstellung angestanden hat. Es gibt immer wieder großartige Ausstellungen, aber viel zu wenig große, internationale Ausstellungen, wie zum Beispiel die Hockney Ausstellung oder die Rothko Ausstellung, die gehen an Berlin vorbei.

rbbKultur: Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit die Staatlichen Museen so gut sein können, wie Sie es sich vorstellen und auch wie die eigenen Sammlungen das eigentlich nahelegen?

Raue: Da bin ich schon ganz nah bei dem Gutachten. Es ist dringend erforderlich, dass die Museumsdirektoren einen eigenen Etat haben und dass sie selbstständig entscheiden können. Dass nicht alle Personalentscheidungen im Präsidialamt stattfinden, so dass Einstellungen oft ein Jahr dauern, weil nur zwei Mal im Jahr der Stiftungsrat tagt. Also die Zurückführung einer Selbstständigkeit der Museen mit eigenem Etat ist unerlässlich. Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema. Das Gutachten sagt hier kein Wort darüber, wie das finanziert werden soll. Die Zusammenlegung dieser ganzen Institute hat damit zu tun, dass man Personal einspart. Und wenn man kein Personal mehr hat, dann kann man nicht aktiv arbeiten. Das heißt: Die Länder, die sich mit sechs Prozent des Gesamtetats an der Stiftung beteiligen - alle Länder zusammen - zahlen sechs Prozent, und das ist seit 1996 gedeckelt. Das ist einfach ein zynischer Umgang mit der Kultur. Und wenn dem Staat die Kultur etwas wert ist, woran ich keinen Zweifel habe, dann muss da deutlich in den Finanztopf gegriffen werden. Und das gilt für Bund und Länder und vor allem für Berlin. Sonst kann man dieses Unternehmen nicht betreiben.

rbbKultur: Sie sind Jurist. Geht es aus juristischer Sicht überhaupt diese Stiftung aufzulösen?

Raue: Natürlich geht das. Es ist ein Gesetz und es geht, wenn die Länder zustimmen. Da muss der Bundesrat zustimmen. Normalerweise würde man ja sagen die Länder sind froh, wenn sie kein Geld zahlen müssen. Da werden sie schon zustimmen. Wenn man aber für so wenig Geld so viel Macht hat wie die Länder in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bin ich nicht sicher, dass es leicht sein wird, die Länder zu bewegen, dieser Änderung zuzustimmen. Wenn die Länder nicht zustimmen, dann ist der ganze Therapievorschlag dieses Gutachtens, wie man in Bayern sagt, für die Katz.

rbbKultur: Das heißt, da steht erstmal eine große Aufgabe vor der Kulturstaatsministerin, über die noch gar nicht gesprochen wurde?

rbbKultur: Ja, die Kulturstaatsministerin - oder das Gutachten - schlägt vor, dass die Museen eine, etwas verkürzt gesagt, nachgeordnete Behörde, des BKM werden sollen. Also des Kulturministeriums des Bundes. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine ideale Lösung ist. Wir haben in Frau Grütters eine hoch kunstaffine und kunstverständige Frau, da mache ich mir keine Sorgen. Aber längerfristig ist so eine Abhängigkeit problematisch. Aber erstmal muss sie dafür sorgen, dass deutlich mehr Geld in die Stiftung kommt und die Gabe dazu hat sie. Und dann kann man über Fragen wie eine Auflösung der Stiftung nachdenken, da weiß ich auch nicht, ob das ein Geniestreich ist.. Aber ohne Geld wird aus der Behandlung des Patienten nichts.

Das Gespräch führte Britta Bürger

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