Attila Hildmann, Kochbuchautor und Anti-Corona-Aktivist, spricht bei einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen im Lustgarten und hält dabei eine ABC-Schutzmaske, Berlin am 11.07.2020; © dpa/Jörg Carstensen
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Weil die Kochbücher von Attila Hildmann im Regal bleiben - Wie sinnvoll ist ein Thalia-Boykott?

"Hitler war ein Segen im Vergleich zur Kommunistin Merkel, denn sie plant mit Gates einen globalen Völkermord von sieben Milliarden Menschen." Das ist nur einer der Sätze, den der rechtsextreme Brandenburger Kochbuchautor Attila Hildmann in letzter Zeit in gesteigerter Frequenz vom Stapel lässt. Während viele seiner Geschäftspartner*innen sich deshalb mittlerweile von ihm trennten, sieht der Buchhandel keinen Grund, die Vegan-Kochbücher des Autors aus den Regalen zu nehmen. Dafür hat nun Thalia eine kleine Welle von Boykottaufrufen im Netz geerntet. Zu Recht? fragen wir Heide Oestreich.

Der Teenie zuhause ist frisch bekehrter Flexi-Veganer. Im Urlaub gab‘s deshalb öfter leckere vegane Pancakes zum Frühstück – garniert allerdings mit dem Warnhinweis, das Rezept stamme von Attila Hildmann. Das ist der vegane Selfmade-Koch aus Brandenburg, dem die Corona-Krise das Hirn verdreht hat: Seitdem hetzt er gegen Bill Gates, Angela Merkel und eine jüdische Weltverschwörung, ist zudem noch Reichsbürger und bedroht Grünen-Politiker – alles, was gerade so trendet bei Menschen mit schleichendem System Breakdown.

Etliche seiner Geschäftspartnerinnen und -partner haben sich mittlerweile von ihm getrennt. Nun stellt sich die moralische Frage, ob die Pancakes noch gemacht werden dürfen? Oder soll man nicht gleich Hildmann-Kochbücher verbannen? Letzteres wird jetzt im Netz gefordert. Die Thalia-Buchhandlung sah nämlich bisher keinen Anlass, "Vegan for fit" und Konsorten aus dem Regal zu nehmen. Shitstorm. Boykottaufruf gegen Thalia.

Wie gefährlich ist Attila Hildmann?
Das Problem ist, dass niemand, der bei Verstand ist, einen Antisemiten und Rechtsextremisten unterstützen möchte. Aber ich würde doch versuchen, graduelle Unterschiede zu machen. Und zu fragen: Wie gefährlich ist Attila Hildmann? Seine wöchentlichen "Demos" im Berliner Lustgarten umfassen bisher maximal 200 weitere Bekloppte. Volker Beck von den Grünen hat die Drohungen gegen seine Person richtigerweise der Staatsanwaltschaft übergeben. Die sollte dann auch mal tätig werden. Aber das war‘s bisher.

Für mich reicht das als Grund, Hildmann auf keinen Fall reicher machen zu wollen. Ich würde kein Kochbuch von ihm kaufen und nicht in seinem Imbiss essen. Aber ich verstehe, dass Thalia den Zeitpunkt nicht für gekommen hält, an dem man vegane Rezepte einstampfen muss, nur weil der Autor irre geworden ist.

Sensibel auf Entgleisungen reagieren
Das heißt aber nicht, dass ich angesichts der Boykottaufrufe eine angebliche Diktatur der "Cancel Culture" heraufdämmern sehe, wie es neuerdings Mode geworden ist. Ein Boykottaufruf bedroht nicht die Freiheit der westlichen Welt. Auch solche Rhetoriken sind mir eine Nummer zu groß. Ich finde es im Gegenteil gut, wenn Leute sensibel auf offenkundige Entgleisungen reagieren.

Aber es braucht dabei Augenmaß. Und einiges muss man halt auch aushalten. Dass das der Teenie gerade besser hinbekommt als viele Twitter-Heißsporne, lässt für die Zukunft hoffen.

Heide Oestreich, rbbKultur

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Bitte nicht wundern, warum es in naher Zukunft in Thalia Buchhandlungen, besonders im Bereich der Kochbücher, nach Gestank mieft. Ein Schelm, wer in Hildmanns Büchern die dazugehörigen Exkremente hinterließ.

  2. 1.

    Wehret den Anfängen. Durch diese und andere Aufmerksamkeiten kaufen Leute erst recht seine Bücher.
    Thalia sollte Stellung beziehen und Zeichen setzen!