Haus Wahnfried © Alexander Schuhmann
Bild: dpa / Alexander Schuhmann

Statt Bayreuther Festpiele - Thielemann dirigiert in der Villa Wahnfried

Die Wagner-Festspiele fallen in diesem Jahr aus - Maria Ossowski berichtet über das Alternativ-Programm.

Das große Schaulaufen der Prominenten fällt aus: die Kanzlerin wäre mit ihrem wagnerbegeisterten Mann gekommen, der bayrische Ministerpräsident mit Gattin sowieso, Thomas Gottschalk ließ keinen Wagnersommer aus, Gäste aus aller Welt haben jahrelang auf die Karten gewartet. Stattdessen stehen vierhundert schwarze und weiße Plastikklappstühle jeweils zu zweit und mit Abstand gruppiert auf dem Rasen vor der altehrwürdigen Villa Wahnfried, dem Wohnhaus des Komponisten und seiner Familie - und, erster Pluspunkt: sie sind sehr viel bequemer als die knapp 2000 rückenfeindlichen Holzsitze im Festspielhaus. Zweiter Vorteil: Die Luft ist frischer und kühler als im 144 Jahre alten Gemäuer auf dem Grünen Hügel, das keine Klimaanlage besitzt und das dringend der Sanierung bedarf.

Lange Roben auch im Garten

Dritte Erleichterung: kein Smokinggebot für die Herren, keine Krawatten bei Biosaunatemperaturen. Dennoch haben einige Damen auch für das Ersatzkonzert im Garten lange Roben angelegt, denn überzeugte Wagnerianer ehren den Meister gern im festlichen Gewand. Die Villa Wahnfried ist fürs Publikum geschlossen, aus dem Salon übertragen Mikrofone und TV Kameras das einmalige Konzert auf zwei Großleinwände nach draußen. 14 Musiker des Festspielorchesters sind extra angereist, ebenso wie die Weltstars Camilla Nylund und Klaus-Florian Vogt. Der Startenor mit der wunderbar hellen, kräftigen Stimme beginnt mit dem berühmten Stolzinglied aus den Meistersingern: "Fanget an!". Vogt ist cool wie immer mit seiner Harley angereist, er hätte die Partie des Stolzing auch zur Eröffnung gesungen, ebenso wie die Finnin Camilla Nylund die Partie des Evchens. Christian Thielemann, wie immer Gast in einem kleinen Hotel abseits der Bayreuthshow, dirigiert das zauberhafte Siegfriedidyll, und spätestens bei Camilla Nylunds Wesendonckliedern mit den Tristanklängen tropft hie und da ein Tränchen im Publikum. Bayreuth im Sommer, das ist nicht allein Elite und Prominenz, das sind hauptsächlich Wagnerfans aus aller Welt, Genießer, die in billigen Pensionen weitab des Trubels wohnen und die jeden Morgen im Frühstücksraum lang und breit die Vorstellung des gestrigen Abends diskutieren. Vierhundert von ihnen haben Karten für den Ersatz ergattern können, mit 5 Euro waren sie dabei und glücklich über die kleine Ersatzeröffnung.

Auf dem Festspielhaus oben weht derweil als Signal, vielleicht auch aus Trotz, die berühmte Festspiel-Fahne. Die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth inszeniert jeden Vormittag an Vorstellungstagen ein Pop-Up-Event auf dem Vorplatz und stellt dies ins Netz. Es gibt auch Führungen im Festspielhaus. Wagnerianer breiten auf den Rasenflächen immer im Sichtkontakt mit dem Musentempel ihr Picknick aus. Viele kleinere Konzerte und Diskussionsrunden sind geplant, sie können die Festspiele im großen Haus nicht ersetzen, aber sie zeigen, dass Corona die Tradition von Bayreuth nicht zerstören kann.

Wie es im nächsten Jahr weiter geht? Katharina Wagner, die Festspielchefin, erholt sich von ihrer schweren Erkrankung und will im Herbst wieder loslegen. Das Minus von 15 Millionen Euro durch fehlende Einnahmen in diesem Jahr ist verkraftbar, die Gesellschafter, der Bund und das Land Bayern helfen. Sollte uns COVID 19 jedoch im nächsten Sommer weiter quälen, könnten die Enge der Sitzreihen im Haus, die mangelnde Lüftung und der nur 140 Quadratmeter große Orchestergraben die Festspiele ein weiteres Mal gefährden. Was die Festspielgötter bitte verhüten mögen...