Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen © Christoph Soeder/dpa
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- "Covidioten" oder mündige Bürger?

"Tausende #Covidioten feiern sich in Berlin als 'die zweite Welle', ohne Abstand, ohne Maske", schrieb SPD-Vorsitzende Saskia Esken am Samstag auf Twitter. Deutliche Worte für die 20.000 Demonstrantinnen und Demonstranten, die aus der ganzen Bundesrepublik angereist waren und ihre Kundgebung nicht bis zum Ende durchführen durften, weil die Polizei die "Hateparade", wie sie auf Twitter auch von einigen Menschen genannt wurde, vorzeitig beendet hat. Tomas Fitzel kommentiert den Kulturkampf.

Man kann es sich einfach machen. 20.000 Demonstranten, ja schon, aber allein die Bauern haben im letzten Jahr schon wesentlich mehr Menschen auf die Straße gebracht und was sind 20.000 gegen die restlichen 83 Millionen Einwohner in Deutschland? Und wer angesichts der steigenden Infektionszahlen trotzig das Ende der Pandemie verkündet, könnte mit der gleichen Logik auch die Aufhebung der Schwerkraft behaupten, und wer bewusst verantwortungslos eine Art massenhaftes Ischgl als Politikhappening inszeniert, diese Personen darf man getrost "irre" oder "Covidioten" nennen – ein Twitter-Trend, in den auch Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci und die SPD-Vorsitzende Saskia Esken einstiegen.

Mit dieser Bestätigung von "oben" kann sich der aufgeklärte Zeitgenosse dann leidlich beruhigt in den bequemen Sessel zurücklehnen. Man kann sich auch angesichts der durchgeknallten Verschwörungstheoretiker lustvoll gruseln oder gegen die rechten Hetzer demonstrieren und mit zornigen Worten gegen die Diffamierung als Lügenpresse anschreiben – und sich dabei gut fühlen.

Aber irgendwie ist das zu einfach. Wie spricht man darüber, ohne dieses Phänomen lediglich von oben herab zu beurteilen und wegzuerklären? Man muss beispielsweise nur an die Anfänge der Grünen Anfang der achtziger Jahre zurückdenken, an deren Ränder sich ebenso linke Sektierer, Esoteriker, wie rechte Blut-und-Boden-Ideologen und Antisemiten tummelten. Sie galten damals als irre, die unter anderem an "Strahlenangst" litten. Heute vertreten sie die Stimme der Vernunft. Doch gesellschaftliche Vernunft ist nicht losgelöst von der politischen Macht zu denken. Nicht alles, was von der Politik als vernünftig vertreten wird, ist rational oder wenigstens in sich logisch. Die Vollbremsung einer Wirtschaft etwa, gleichzeitig laufen aber Kredit- und Mietforderungen unvermindert oder höchstens mit aufschiebender Wirkung weiter – ist das vernünftig?

Für die einen brachte der Lockdown die längst ersehnte Entschleunigung im heimischen Garten und Homeoffice, für die anderen rotiert das Hamsterrad des täglichen Daseinskampfes nur noch unbarmherziger weiter. Die Pandemie zeigt recht unverhüllt die Widersprüche dieser Gesellschaft auf. Vernünftig sind diese nicht. Die jahrlange Politik der Alternativlosigkeit hat jetzt wohl ihren absoluten Gipfel erreicht: Politik als pure Verordnung einer fast Allparteienkoalition. Entweder einverstanden oder irre sein. Ein Drittes gibt es nicht.

So verstörend das auch sein mag, auch diese Demonstration vom Wochenende ist Ausdruck einer lebendigen und daher nicht immer regelbaren Demokratie und nicht alle ihrer Teilnehmer sind lediglich die nützlichen Idioten der neuen Nazis, ebenso wenig wie damals die Aktivisten der Friedensbewegung die nützlichen Idioten Moskaus waren. Als Demokrat muss man diese gedankliche Herausforderung annehmen und eigene Gewissheiten in Frage stellen. Wer immer nur die richtige Antwort weiß, der ist mit Sicherheit irre.

Tomas Fitzel, rbbKultur

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1 Kommentar

  1. 1.

    Feiner Kommentar von einem der offenbar nur noch wenigen Journalisten, die noch eine klare Vorstellung von Demokratie und Toleranz haben.