Künstler-Demo, Berlin 09.08.2020; © Knut Hildebrandt
Bild: Knut Hildebrandt

Existenz bedroht - Corona-Hilfen für Künstler: Almosen oder ein neuer 'New Deal'?

Am Wochenende demonstrierten in Berlin KünstlerInnen. Viele sind in ihrer Existenz bedroht, dem Kulturleben droht durch Corona ein katastrophaler Einbruch. Da gibt es Ideen, sich am Amerikanischen New Deal der 30er Jahre zu orientieren, als der Staat Künstler gezielt beschäftigte. Tomas Fitzel ist skeptisch.

Es ist irgendwie schon paradox: während vorletztes Wochenende die vor Wut speienden Spießbürger der Hippiefantasie frönten, allein durch ihre Gedankenkraft die Pandemie besiegen zu können, forderten gestern die protestierenden Künstler bloß das Vernünftige. Ihnen geht es nur um ein bescheidenes, zeitlich befristetes Existenzgeld. Zwar pumpt das Krisenprogramm der Bundesregierung mit dem Titel Neustart Kultur bereits viel Geld in den Kultursektor, aber bevor die Künstler damit wieder Kunst schaffen können, und nur dafür sind diese Hilfen zulässig, müssen sie zuerst ganz banal überleben: ihre Miete bezahlen, einkaufen, das Übliche eben.

Also wie weiter – nicht nur mit der Kultur ganz allgemein – sondern speziell der Kunst? Kulturstaats­ministerin Monika Grütters hat z.B. ihren Ankaufsetat für die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland um eine halbe Million Euro erhöht. Damit sollen etwa 150 Kunstwerke erworben werden. Ein Tropfen auf dem heißen Stein! Vorgeschlagen und heiß diskutiert in der Kunstwelt wird dagegen ein staatliches Kunstförderprogramm in ganz anderen Dimensionen, eine Art New Deal nach dem US-amerikanischen Vorbild, als während der Großen Depression in den 30iger Jahren Künstler durch Staatsaufträge am Leben gehalten wurden. Über 15.000 Kunstwerke entstanden dadurch. Allein in der Fotografie wurde so Fantastisches geschaffen.

Und wenn nicht direkt der Staat könnten nicht auch Bürger oder Bürgerkomitees als die neuen Mäzene Kunst in Auftrag geben? Auftragskunst als Rettung? Die Künstler selbst argumentieren mit der Systemrelevanz der Kultur. Doch das eignet sich zwar gut für politische Sonntagsreden, systemrelevant sind aber nur Ärzte, Pfleger, Busfahrer, Bäcker usw. Kunst dagegen, die systemrelevant sein will, ist alles nur eines nicht mehr: relevant. Die einzige Relevanz der Kunst rührt doch gerade daher, dass eben Kunst für nichts gut ist. Dass wir dadurch zu besseren oder klügeren Menschen würden, ist eine nette, aber unbewiesene Behauptung, mit Sicherheit werden wir aber dadurch zu anderen, zu Wesen jenseits der reinen Nützlichkeit. Der vorgeschlagene New Deal ist im Grunde klassisch sozialdemokratische Wirtschaftspolitik nach dem Modell von John Maynard Keynes. Aus der Asservatenkammer abgelegter Ökonomie­theorien jetzt also ein Zombiekeynesianismus ausgerechnet für die Wiederbeatmung der Kunst?

Das kann es wohl nicht sein. Statt mehr Geld zu fordern, das nur sofort erneut in totes Kapital, wie Miete, verwandelt wird, und den überhitzen Kapitalkreislauf weiter anzuheizen, müsste das Ziel eher sein, ein Leben mit weniger Geld zu ermöglichen: Das heißt: Freiräume mit günstigen Atelier- und Wohnräumen, urbane Strukturen, die gemeinwirtschaftliches Arbeiten und Leben ermöglichen. Für Künstler, Lebenskünstler und auch Nichtkünstler. Lebensverhältnisse, die tatsächlich dann weit besser die nächsten Pandemien und Finanzkrisen überstehen. In fantasievollen Kostümen demonstrierten die Künstler, manche sogar im wortwörtlichen Sinne beflügelt, aber ihre Forderungen blieben doch eher ängstlich am Boden der harten Tatsachen. Die Utopie, als ihr ureigenstes Metier, hat die Kunst offenbar aufgegeben.

Tomas Fitzel, rbbKultur

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