Olaf Scholz © Kay Nietfeld/dpa
Bild: Kay Nietfeld/dpa

"Wumms" – Kandidat - Scholzens Kanzlerkandidatenkür

Nachdem die großen Volksparteien plötzlich überall Doppelspitzen trieben, hat die SPD gestern wieder zur Tradition zurückgefunden und erstens einen Mann zu ihrem Kanzlerkandidaten ausgerufen, der sich zweitens seit Wochen in allen verfügbaren Talkshows als Manager der Nation profiliert: Finanzminister Olaf Scholz. Eine Glosse zur überraschendsten Kanzlerkandidaten-Kür seit langem von André Bochow.

Sie haben es seit Wochen gewusst und es vor uns geheim gehalten. Wer hätte gedacht, dass es gelingen würde das Jahrhundertgenie aus Hamburg zur Kanzlerkandidatur zu überreden? Und nun ist es raus, wie der künftige Kanzler es ausdrückte. Olaf Scholz führt die ruhmreiche SPD in die Wahlschlacht des Jahres 2021. Gut, man könnte einwenden, es sei nicht sonderlich originell, nach dem entgleisten Schulzzug nun einen mit dem Namen Scholz auf die Reise zu schicken. Aber zwischen den zwei Zügen liegen Welten. Das ist schwatzende Modelleisenbahn gegen den neuesten, ganz leisen ICE. Man sieht Scholz förmlich in eine lichte Zukunft rauschen, die er für uns aufbereitet und in der er uns erwartet. Vielleicht ruft er auch von irgendeinem Berliner Balkon die neue Republik aus.

Diesem Mann ist alles zuzutrauen. Irgendwann wird das auch seine Parteivorsitzende, die gestrenge Saskia Esken verstehen und dann wird sie damit aufhören, die SPD als Juniorpartnerin der Grünen anzukündigen. Wird sie doch. Oder? Uns würde eine jahrzehntelange Kanzlerschaft erwarten, die aus diesem selbstgerechten Land ein gerechtes machen wird. Mit seinem berühmten, hanseatischen Lächeln könnte Olaf Scholz aus SUV-Fahrern, vegane Fußgänger machen, aus Nazis Multi-Kulti-DJs. Die AfD könnte ebenso verschwinden wie Corona. Die Erderwärmung ließe sich doch noch stoppen und der Weltfrieden käme über uns. Und warum das alles? Weil Olaf Scholz nicht nur neue Normalitäten ersinnen kann, sondern vor allem, weil er Wumms hat. Dass er das bislang nicht zeigen konnte, liegt allein daran, weil er hoffnungslos unterfordert war. Doch das wird nun anders. Während Robert Habeck Jahr für Jahr Hitzekonzepte entwickeln will, lässt es Olaf Scholz regnen. Auf Wunsch auch gebratene Tauben oder Räuchertofu. Bestimmt.

Es gibt nur einen Haken. Die Lichtgestalt ist in der SPD. Die eigenen Genossen mögen ihn nicht. Scholz könnte im Bund Erfolg haben. Wie sollen SPDler damit umgehen? Sie sind seit 15 Jahren die babylonische Gefangenschaft oder die Opposition gewohnt. Was ist, wenn man den Kanzler stellen würde und wieder so etwas wie Hartz-IV-Beschlüsse abgenickt werden müssten? Nein, nie wieder. Die Gefahr, dass die SPD auf einem Parteitag lieber Kevin Kühnert zum Kanzlerkandidaten macht, ist groß. Vielleicht hätte man die SPD auf Scholz vorbereiten müssen. Möglicherweise ist die Überraschung nun zu groß. Scholz ist wie der Mann, der aus der Torte springt und die verschreckten Geburtstagsgäste kollabieren lässt. So könnte es sein, dass der SPD-Kanzlerkandidat doch nicht Kanzler wird. Das wiederum wäre keine Überraschung.

André Bochow, rbbKultur

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