Willkommene Abkühlung in der Hitze © Jens Büttner/dpa
Bild: Jens Büttner/dpa

Extremwetter - Hundstage

Wir schwitzen. Galten früher 30 Grad als heiß, muss man sich wohl daran gewöhnen, dass das neue 'heiß' deutlich darüber liegt. Heiße Tage und tropische Nächte - grundsätzlich ist es das, was wir unter "Hundstagen" verstehen, die heißteste Zeit des Jahres. Rein kalendarisch dauern sie noch bis zum 23. August. Aber warum diese Bezeichnung?
Burkhard Spinnen ist den "Hundstagen" nachgegangen.

Ich muss mit der Zerstörung einer Illusion beginnen. Die Hundstage heißen nicht etwa so, weil zu diesem Zeitpunkt allen Hunden die Zunge weit aus dem Maul hängt und man keinen von ihnen vor die Tür und in die schreckliche Hitze jagen möchte. Die Hundstage heißen vielmehr so, weil man früher vom 23. Juli bis zum 23. August das Sternbild des Großen Hundes am Himmel sah und diese Zeit nun einmal in Europa die heißeste des Jahres ist. Heute dürften die Hundstage eigentlich gar nicht mehr so heißen, weil das besagte Sternbild erst ab dem 30. August zu sehen ist und damit eher den Herbst einleitet.

Aber was einmal nach dem Hund heißt, wird seinen Namen behalten, denn der Hund ist nicht nur der beste Freund des Menschen, sondern auch einer der größten Bildspender für den menschlichen Alltag. So sind wir mal treu wie Hunde, mal feige und mal unterwürfig wie sie. Wir sind arme, dumme oder schlaue Hunde. Man könnte vielleicht sagen: Immer wenn der Mensch an sich etwas besonders Ausgeprägtes entdeckt, vergleicht er sich mit dem Hund.

Wenn es dann, wie jetzt, um Hitze geht, drängt sich der Vergleich wieder ganz besonders auf. Denn bei heißem Wetter verziehen sich Hunde nicht nur, genauso wie wir, gerne in den Schatten; es hängt ihnen auch die Zunge weit aus dem Maul und sie hecheln vor sich hin. Sie tun das so laut und deutlich, wie Menschen es in der Regel nur als Trickfilmfiguren oder als Leistungssportler nach übergroßen Anstrengungen tun.

Doch schon müsste ich eigentlich wieder ein doch so sprechendes Bild zerstören. Der hechelnde Hund ist nämlich gar nicht gleich am Ende seiner Kräfte, er vermag nur nicht zu schwitzen und tauscht stattdessen seine innere Wärme über seine Zunge mit der Umwelt aus. Sein Hecheln kündet also nicht wie das unsrige von vollkommener Erschöpfung, es ist vielmehr das hündische Äquivalent zu unserem eiskalten Erfrischungsgetränk oder unserer kühlen Dusche.

Dennoch muss das Wort Hundstage natürlich unbedingt bleiben, trotz seiner falschen Verweise. Denn eine Hitze, wie wir sie momentan erleben, macht uns Menschen tatsächlich irgendwie zu Hunden, das heißt: zu Lebewesen, die in großer Abhängigkeit von etwas existieren, auf das sie nur allzu wenig Einfluss haben. Für die Hunde sind das ihre Besitzer, die Menschen, für uns Menschen ist es ein Klima, das uns nicht so leben lässt, wie wir das gerne wünschen. Allmählich scheint es, als würden auch wir hier in unserem traditionell so gemäßigten Mitteleuropa von einem Klima beherrscht, das sich großspurig und launisch gibt, das mit Übertreibungen und Extremen jongliert und sich einen feuchten Dreck um die kümmert, die ihm ausgeliefert sind. Und dieses Klima macht sich nicht nur über Landschaft und Städten breit, es herrscht verbreitet auch in Parlamenten und Regierungssitzen.

Hoffen wir also, dass die Hundstage nicht demnächst das ganze Jahr über dauern. Ein paar Tage über 30 °C werden wir aushalten, nicht aber das Hundsklima in gewissen Köpfen.

Burkhard Spinnen, rbbKultur