Lisa Eckhart © Gregor Baron
Bild: Gregor Baron

An der Kabarettistin Lisa Eckhart scheiden sich die Geister - Cancelt 'Cancel Culture' die Kultur?

Seitdem Lisa Eckhart mit ihrem Debütroman "Omama" vom Hamburger Harbour Front Festival erst ein-, dann aus Sorge vor Protesten wieder aus- und schließlich doch wieder eingeladen wurde, wird ihr Name in einem Atemzug mit dem Begriff "Cancel Culture" genannt: Eine "Kultur" des Ausladens und Absagens, von der u.a. auch Ausstellungen bereits betroffen waren. Jörg Magenau hat sich Gedanken über das Verhältnis von Cancel Culture zur Kunstfreiheit gemacht.

Am besten wäre es, zum Fall Lisa Eckhart gar nichts zu sagen. "Cancel Culture" als Schweigegebot. Es ist ja schon alles gesagt, und zwar vielfach und seit gefühlten zweihundert Jahren. Auch der Hinweis, dass es in Fällen wie diesen fast immer um eine gute PR für ein neues Produkt geht, muss nicht zum hundertsten Mal wiederholt werden. Bliebe noch die große Litanei von der Kunstfreiheit. Na klar, sie ist immer und unbedingt zu verteidigen. Aber muss man deshalb alles ertragen, wenn es im Namen der Kunst vorgetragen wird?

Das Problem bei diesen in schöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden Debatten besteht darin, dass niemand sich die Mühe macht zu fragen, was Kunst ist und was Freiheit bedeutet. Legt man Hegels Diktum von der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit zugrunde, dann ist Freiheit ohne Vernunft, ohne Erkenntniswillen nicht denkbar. Schiller wollte dieses Prinzip in der "ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts" auch auf den Raum der Kunst angewendet wissen. Das freie Spiel der Einbildungskraft – oder sagen wir doch gleich: die Kunstfreiheit – wäre nach diesem klassischen Modell gebunden an die Suchbewegung in Richtung des Schönen, Wahren und Guten. Die Kunst bezieht ihre Freiheit demnach aus sich heraus, und die Aufgabe der Gesellschaft besteht darin, ihr den Raum dafür zur Verfügung zu stellen, weil es der Raum ist, in dem der Mensch sich verschönern, verbessern und schlauer werden kann. Das kann natürlich jederzeit schiefgehen, geht auch meistens schief, weil Kunst nur selten gelingt. Wer das nicht erträgt, der kann sich ja – mit guten Argumenten – dazu äußern, anstatt mit Gewalt zu drohen oder Veranstaltungen abzusagen. "Cancel Culture" ist bloß ein anderes Wort für Feigheit.

Die Freiheit der Kunst ist vielfach bedroht, von innen und außen. Von innen sind es vor allem die schlechten Künstler, die die Kunst nur nutzen, um ihre Banalitäten aufzublasen und sich wichtig zu machen. Von außen sind es die Ideologen, die über das Gute und das Wahre stets besser Bescheid wissen als der traurige Rest der Menschheit. Sie missverstehen Kunst als politische Botschaft in anderer Form und verwechseln die Denkbewegungen, die da in Gang gesetzt werden, mit einem formelhaft zu bestimmenden Richtig oder Falsch. Erträglich ist dann nur das politisch Korrekte.

Der Fall Lisa Eckhart ist damit aber nicht zu fassen. Sie tritt nicht als Person auf, sondern als Kunstwerk. Sie spricht einen anderen Diskurs, der eben nicht richtig oder falsch ist. In ihrer artifiziellen Künstlichkeit unterläuft sie das herrschende Authentizitätsgebot. Sie inszeniert sich als die leibhaftige Sünde, doch müssen wir deshalb vor ihr geschützt werden? Ihre Predigten sind eher ein bisschen fad, und der Schmerz, von dem sie gerne spricht, geht in der Erwartbarkeit ihrer Provokationen unter. Am besten wäre es also, zum Fall Lisa Eckhart gar nichts zu sagen.

Jörg Magenau, rbbKultur

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1 Kommentar

  1. 1.

    Wenn man sagt, dass Lisa Eckhart nur eine Kunstfigur sei, muss man sich auch fragen, warum sie dann einen Roman als Lisa Eckhart schreibt und nicht als Lisa Lassensberger. Hat eine Kunstfigur den Roman geschrieben?