Daniel Barenboim dirigiert im Pierre-Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie das West-Eastern Divan Orchestra, Berlin 2016; © dpa/Klaus-Dietmar Gabbert
Bild: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

- Charité uneinig über Opern und Konzerte vor ausverkauftem Haus

Klassische Konzerte und Opern vor ausverkauftem Haus? Die Charité-Institute für Sozialmedizin und Epidemiologie sowie für Hygiene und Umweltmedizin halten das für möglich. Doch der Vorstand der Charité distanzierte sich kurz danach davon. Das Papier sei nicht abgestimmt und berücksichtige nicht die Dynamik des Infektionsgeschehens. Maria Ossowski kommentiert.

Es ist eine Aufregung, die richtig gut tut. Denn es regt sich etwas in der öffentlichen Wahrnehmung, und das braucht die Kultur dringend. Zwei renommierte Institute der Charité haben in einer Stellungnahme folgende Empfehlung abgegeben: mit einem permanenten Mund-Nasenschutz aller BesucherInnen, einer guten Belüftungssituation und vielen weiteren strengen Hygieneregeln könnten sämtliche Plätze in Konzert- und Opernhäusern besetzt werden. Nicht jeder vierte Sitz wie in den vergangenen Wochen.

Die Institute argumentieren schlüssig: Klassikkonzerte und Opern haben ein aufgeklärtes, diszipliniertes Publikum, Menschen, die während der Veranstaltung nicht reden, die nebeneinander sitzen und nicht gegenüber. Eine Situation also, die deutlich weniger problematisch ist als das Gedränge im öffentlichen Nahverkehr oder in Supermärkten.

Zunächst hat sich der Berliner Kultursenator überrascht geäußert, die Stellungnahme als Studie bezeichnet und diese auf Twitter in Anführungsstriche gesetzt. Kurz darauf hat auch der Vorstand der Charité erklärt, das Papier sei nicht abgestimmt und gebe nicht die Position der Charité wieder. Der Vorstand der Charité repräsentiert zum einen alle Forschungseinrichtungen, auch jene, die öffentliche Veranstaltungen vielleicht strenger beurteilen würden, zum anderen ist die Charité finanziell abhängig von der öffentlichen Hand. So, wie auch viele Kultureinrichtungen, Orchester und Opern. Sie alle müssen sich diplomatisch verhalten und nicht zu viel Lockerung fordern, um die Politik nicht zu verärgern. Genau deshalb ist die Stellungnahme der beiden Institute so wichtig. Sie lenkt den Blick auf ein Ungleichgewicht bei Coronamaßnahmen. Ausgelastete Züge mit Menschengedränge sind erlaubt, Konzertsäle dürfen jedoch nicht jeden Platz besetzen. Daher geht der Kulturreporterin Dank an die beiden Institute für die Initiative. Möge sie dazu führen, dass mehr Menschen wieder Konzerte genießen können als jene wenigen, die momentan in nahezu leeren Sälen sitzen dürfen.

Maria Ossowski, rbbKultur

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