Michelle Obama beim Parteitag der amerikanischen Demokraten © Democratic National Convention via CNP /MediaPunch/dpa
Bild: Democratic National Convention via CNP /MediaPunch/dpa

Ein Gespräch mit Tyson Barker vom Aspen Institute Berlin - "Geht wählen, sonst wird alles noch viel schlimmer!"

Der Parteitag der Demokraten in den USA tagt noch bis Donnerstag - online. Und ist so emotional wie nie zuvor: ein einziger Aufruf Präsident Donald Trump abzuwählen. Vor allem Michelle Obamas Rede am ersten Abend war eine starke Botschaft an die Wähler. In sehr persönlichen Worten hat sie klar gemacht, dass Trump als Präsident schlecht für ganz Amerika ist.
 
Wir sprechen mit Tyson Barker, Vizepräsident am Aspen Institute in Berlin, über diesen emotionalen Parteitag und seine Folgen.

rbbKultur: "Der andere Kandidat ist der falsche." Das wird doch eigentlich bei jeder Wahl gesagt. Ist es bei dieser Wahl dann doch etwas anders?

Barker: Ich würde sagen, dass dieses Mal alles etwas anders ist. Etwas, das Michelle Obama in ihrer sehr bewegenden Rede auch gesagt hat: Wir müssen wählen, als ob unsere Leben davon abhängen. Für viele Amerikaner ist das – gerade in dieser Corona-Krise – in der Tat so. Es muss ernst genommen werden - und zwar auf Bundesebene. Und wie wir in den letzten fünf Monaten gesehen haben, ist das in der Tat nicht der Fall.

rbbKultur: Ungewöhnlich und vorher nie passiert ist auch, dass sich ein Republikaner auf dem Parteitag der Demokraten gegen Trump ausspricht: John Kasich, der 2016 Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden wollte. Trump, so Kasich, verstoße gegen die Prinzipien der Republikaner. Formiert sich hier eine parteiübergreifende Einheitsfront?

Barker: Ja, in der Tat. Nicht nur John Kasich, sondern auch Colin Powell, ehemaliger Außenminister, hat eine Rede gehalten. Er war der erste schwarze Außenminister, der unter George W. Bush gedient hat. Und auch die Frau von John McCain, Cindy McCain, hielt eine Rede. Sie zeigen, dass es nicht nur ein Mann ist, sondern dass es einen breiten Zusammenschluss zwischen Republikanern und Demokraten gibt. Sie wollen wirklich zeigen, wie inklusiv diese Front hinter Biden ist. Die Botschaft, die versucht wird zu vermitteln, lautet: wir sind alle Amerikaner. Es ist ein pluralistischer Patriotismus, der im Gegensatz zu Trumps eher ausgrenzender Definition von Amerika steht. Mit der er versucht, vor allem die Republikaner in den Swing States, den Vororten, in den berühmten Suburbs – vor allem weiße Frauen – anzulocken.

rbbKultur: Sind es denn die Reden, die schillernden Parteitage, die letztlich die Wähler*innen überzeugen? Wie weit spielt das Alltagserleben, der Verdienst, die Steuern etc. eine Rolle?

Barker: Das ist natürlich viel wichtiger als die Reden. Die Zahl der Zuschauer*innen bei diesem Parteitag ist nicht so hoch wie vor vier Jahren. Selbst Michelle Obama sagt, sie sei kein großer Fan von Politik. Die meisten Amerikaner*innen kümmern sich jetzt um Arbeitslosigkeit, um die Gesundheitskrise. Politik ist für sie nicht das Allerwichtigste. Aber diese Alltagsprobleme sind die Tatsachen, die ihre Wahlen bestimmen wurden. Zurzeit sagen die Menschen: es geht uns nicht besser als vor vier Jahren. Deswegen ist Joe Biden vielleicht eine glaubwürdige Alternative.

rbbKultur: Rechnen Sie noch mit neuen Streitthemen, neuen Affären, neuen Schmutzkampagnen im Wahlkampf?

Barker: Auf jeden Fall. Wir sprechen in den USA immer von der berühmten October Surprise - einer Überraschung, die in letzter Minute der Wahl kommt. Das Justizministerium ist jetzt dabei zu untersuchen, wie sich die Russland-Untersuchung während der Obama-Präsidentschaft abgespielt hat. Die Ergebnisse sollen erst direkt vor der Wahl vorgelegt werden. Es wird mehrere politische Episoden geben.

rbbKultur: Eine Episode scheint jetzt etwas abzuklingen – und zwar die mit der Post. Haben Sie Ihre Briefwahlunterlagen bekommen?

Barker: Ich habe sie noch nicht bekommen - und das aus einem guten Grund. Joe Biden ist erst ab heute offiziell der Nominierte der Demokratischen Partei. Aber die Wahlunterlagen werden nun von allen 50 Staaten gedruckt. Ich erwarte, dass ich sie im September bekommen werde.

rbbKultur: Die Demokraten haben Trump auch vorgeworfen, die Briefwahl durch das Kaputtsparen der Post sabotiert zu haben. Glauben Sie, dass die Wahlen ordentlich ablaufen?

Barker: Das ist wirklich besorgniserregend. Nicht nur für die Demokraten, sondern für alle Amerikaner. Nur ein Beispiel: Die fehlende Infrastruktur bei der Post. Ein wichtiger Swing State ist Pennsylvania. Dort haben bei der letzten Wahl fünf Prozent der Wähler*innen per Briefwahl gewählt. Dieses Mal haben 50 Prozent die Absicht, per Briefwahl zu wählen. Die Unterlagen zu öffnen, die Logistik zu errichten - das ist so aufwendig! Die 50 Staaten, die eigentlich für die Wahlen verantwortlich sind, sind noch nicht bereit. Es ist schon eine große Herausforderung.

Das Interview führte Frank Rawel, rbbKultur

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.