REWE Lebensmittelladen, Logo auf Schild (© dpa/Eibner-Pressefoto) – mit Regenbogenverlauf; Bearbeitung: rbbKultur
Bild: dpa/Eibner-Pressefoto

Sofort entspinnt sich ein Streit im Netz - Rewe hisst die Regenbogenflagge - und wird boykottiert

Wir leben in einer Zeit der öffentlichen Debatten, des Diskutierens in sozialen Medien und der scheinbaren Dauerkommunikation über jedes Thema, weltweit. Wenn zum Beispiel eine Supermarktkette wie Rewe Regenbogenflaggen vor seinen Märkten hisst, um seine Solidarität mit der LGBT Community zu zeigen, wie in diesem Sommer, entspinnt sich sofort ein Streit zwischen den Befürwortern und denen, die künftig Rewe boykottieren möchten, ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Kommentar von Kirsten Dietrich.

rbbKultur: Kirsten Dietrich, warum hat Rewe diese Regenbogenflaggen eigentlich gehisst?

Dietrich: Aufgrund von Corona natürlich. Oder etwas ausführlicher: Bei Rewe steht das Thema Rechte für Schwule, Lesben, Trans und sonstige queere Menschen tatsächlich schon länger auf der Tagesordnung. Es gibt ein LGBT-Netzwerk unter den Mitarbeitenden und beim Christopher Street Day in Köln fährt Rewe normalerweise mit einem eigenen Wagen mit. Weil der Christopher Street Day zum Schutz gegen die Ausbreitung des Coronavirus in diesem Jahr ausfällt, hat Rewe an seinen Verwaltungsstandorten als Ersatz zumindest die Regenbogenfahne gehisst.

Auch ein paar andere Filialen haben mitgemacht. Das steht für ein Engagement für Toleranz und es zeigt Rewe damit natürlich auch als modernen, vielfältigen Arbeitgeber.

rbbKultur: Man könnte doch denken, wenn sich eine Supermarktkette für Toleranz einsetzt, ist das doch schön. Wo ist das Problem?

Dietrich: Das Problem ist, dass das eben natürlich nicht alle gut oder auch nur selbstverständlich finden – was ihr gutes Recht ist. Und dass diese Meinung über Social Media dann schnell Gleichgesinnte findet. Man lernt dann einiges darüber, wie Stimmung oder Meinung heute erzeugt wird: Jemand sieht diese Regenbogenfahne – oder sieht nur ein Foto mit dieser Regenbogenfahne – und postet es auf Twitter mit dem Kommentar: "Ab jetzt boykottiere ich Rewe.“

Boykott und Rewe – das sind Stichworte, mit denen können alle etwas anfangen. Die Userin, die diesen Post verfasst hat, hat immerhin mehr als 7.500 regelmäßige Leser*innen, deswegen zieht das ganz schnell Kreise. Erst bei denen, die ihr wohlgesonnen sind. Da heißt es dann zum Beispiel: "Rewe ist gleich Hochverrat mit einer geisteskranken Ideologie-Flagge“.

Darüber hinaus kommen dann natürlich auch diejenigen, die diese Haltung furchtbar finden. Und auch sie reagieren – manche mit sehr vielen und sehr beleidigenden Worten, andere ganz kurz und elegant – zum Beispiel mit "Du bist halt eine doofe Nuss." Das finde ich sehr schön und elegant.

Dann kommen natürlich auch die Witze: Jemand postet ein Bild von einem Weizenfeld im Sommer, am Himmel steht ein doppelter Regenbogen und der Kommentar dazu: "Mir reichts. Ab jetzt boykottiere ich die Erde. Irgendwo muss Schluss sein!"

Mit anderen Worten: Ein ganz normaler Tag bei Twitter.

rbbKultur: Wie ernst sollte man so eine Diskussion überhaupt nehmen? So etwas passiert schließlich immer wieder bei ganz unterschiedlichen Themen …

Dietrich: Ja, vor zehn Tagen war es zum Beispiel der Lebensmittelkonzern Knorr. Der kündigte an, dass seine "Zigeunersauce" jetzt – man muss sagen: endlich – in "Paprikasauce ungarischer Art" umbenannt wird. Da gab es einen Aufschrei in den sozialen Medien: Nichts dürfe man mehr sagen, sogar unsere traditionelle Fertigsauce nehmen sie uns! Boykott!

Man kann das natürlich albern finden, das kann auch sinnvoll sein: Vor ein paar Wochen wurde Volkswagen auf die gleiche Weise ganz schnell auf eine unerträglich rassistische Werbung gestoßen. Ich muss sagen, ich finde das zunehmend nicht nur witzig, denn auf diese Weise, das sieht man ganz deutlich, festigen sich eben auch Netzwerke. Das sieht man exemplarisch an der Nutzerin, die diesen Aufruhr um Rewe und die Regenbogenfahne losgetreten hat. Diese Userin ist nämlich ungeheuer aktiv, sie postet ständig und heizt Debatten immer wieder ganz bewusst an. Zu Rewe hat sie immer wieder nachgelegt mit Posts wie: "Um meine Hater bei Laune zu halten: Ich gehe nicht zu Rewe." Falls die Diskussion abflaut, legt sie noch einmal nach.

Diese Polemik gegen queere Menschen, die dabei vertreten wird, ist kein Zufall, sondern ist eben Programm. Denn die gleiche Nutzerin behauptet zum Beispiel auch, dass mit dem Verbot der Demonstration der Verschwörungsgläubigen und Rechtsextremen in Berlin an diesem Wochenende Deutschland als eine Diktatur bewiesen wäre und ähnliches. Das ist keine Zufallskundin, die sich beim Shoppen über irgendetwas aufregt, sondern es ist jemand, der gezielt Stimmung macht – und zwar für tendenziell demokratiefeindliche Themen. Wer das gut findet, findet auf die Weise dann gleich auch noch Vorschläge, bei denen es ähnliche Gedanken gibt und findet Gleichgesinnte.

Mit solchen Empfehlungen funktionieren soziale Medien eben. Je extremer die Position ist, desto besser ist das. Das muss man sich besonders bewusst machen, wenn man aus Netzwerken wie Twitter die Stimmung in Deutschland ablesen will. Das zeigt eben vor allem die Extreme.

rbbKultur: Wie sollte man am besten darauf reagieren?

Dietrich: Das ist schwierig. Man kann sich aufregen. Ich würde immer empfehlen, sich nicht mit einem Link zum Original-Post aufzuregen, sondern mit einem Bildschirmfoto, weil man ansonsten nur noch mehr Besuch und noch mehr Verkehr erzeugt und noch mehr von dieser scheinbaren Wichtigkeit erzeugt.

Das Gespräch führte Ev Schmidt, rbbKultur

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