Klaus Staeck im kulturradio-Studio; Foto: Carsten Kampf
Carsten Kampf
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Die rbb Kulturgespräche - Klaus Staeck: Die Normalität infrage stellen

Einer, der sich seit einem halben Jahrhundert immer wieder einmischt, ist Klaus Staeck, von 2006 bis 2015 Präsident der Berliner Akademie der Künste. Mit seinen satirischen Plakaten und Postkarten kommentiert er politisches Leben und Zeitgeschehen. In der Corona-Krise sieht Staeck die Kunst besonders gefordert.

rbbKultur: Klaus Staeck, eine Ausstellung Ihnen zu Ehren hieß vor zwei Jahren "Sand fürs Getriebe". Corona bringt auf jeden Fall Sand ins Getriebe. Wo sehen Sie persönlich die größten gesellschaftlichen Herausforderungen?

Klaus Staeck: Ich glaube, diesmal sind alle betroffen. Und die Frage stellt sich natürlich sofort: Was können die Künstler da, ich sage mal ganz bewusst, gegenhalten? Kunst war für mich immer so eine Art Seismograph, an der man die Gesellschaft misst, die gesellschaftlichen Verhältnisse. Und ich glaube, es wird eine Menge infrage gestellt.

Es werden auch Dinge infrage gestellt, die ich nicht infrage gestellt sehen möchte in einer demokratischen Gesellschaft. Und da gilt es, auch Dinge zu bewahren, die bewahrenswert sind. Kultur ist da immer ganz wichtig. Für mich war das immer Lebensmittel. Ich habe ja mehrere andere Berufe noch, aber die Kultur letztlich hat mich immer auch über die schwierigen Zeiten hinweggebracht.

Ich erinnere mich übrigens jetzt öfter an meine Kindheit. Kurz nach dem Krieg war ich sieben Jahre alt. Da war das Hamstern die Regel, und das Stehlen nannte man Organisieren, usw. Von daher ist mir das gar nicht so fremd. Und ich glaube, dass eine Gesellschaft, die jetzt mal eine Pause gezwungenermaßen machen muss, sollte sie nutzen und nicht bloß jetzt warten, dass das irgendwie vorübergeht. Man kann auch ein paar Dinge infrage stellen.

rbbKultur: Sie sehen also durchaus auch einen positiven Aspekt, indem Sie sagen: Ordnen wir unser Leben doch mal neu?

Klaus Staeck: Na ja, das schafft fast niemand, das neu zu ordnen. Aber die Sehnsucht nach der Normalität, die würde ich doch gern mal hinterfragen: Was ist denn eigentlich Normalität? Ich bin ein vehementer Kämpfer zum Beispiel gegen Internet-Händler wie Amazon. Das sind die wirklichen Profiteure. Ich habe just heute in einer dpa-Meldung gelesen, dass der Mann allein um 24 Milliarden [Dollar] (!) reicher geworden ist seit Jahresbeginn. Da frage ich mich natürlich sofort: Auf wessen Kosten? Und kann man nicht zum Beispiel den "wunderbaren" Steuerverweigerern, er ist ja nicht der Einzige, mal in so einer Situation sagen: Bitte genau dafür zahlen wie der kleine Handwerker nebenan! Da bin ich immer jemand, der auch vorwärts streitet.

rbbKultur: Bleiben wir beim Streiten. Schauen wir ganz genau auf unsere Demokratie. Das klang jetzt so für mich ein bisschen als hätten Sie Angst, dass sich letztlich der Turbokapitalismus durchsetzen wird und die Demokratie gefährdet ist. Sehe ich das richtig?

Klaus Staeck: Die Gefahr ist immer gegeben. Und eine Demokratie ohne Demokraten ist für mich nicht vorstellbar. Wer sich die Weimarer Republik mal genauer anschaut, da war das nachher fast so eine Situation. Die Leute haben für und gegen alles Mögliche gekämpft, aber die Demokraten, die konnte man fast mit der Lupe nachher suchen. Wie diejenigen sagen, die damals dabei waren.

rbbKultur: Was können nun Künstler und Kultur in dieser Situation konkret tun?

Klaus Staeck: Sie können einfach nur jetzt Angebote machen. Was können wir denn sonst tun? Und wir können auch vielleicht den Leuten vermitteln, dass Kultur kein Luxus ist. Dass zu der berühmten Daseinsvorsorge, die wir als notwendige Dinge definieren, die jeder Mensch braucht, dass die Kultur da dazugehört. Leider geht’s den Künstlern – vielen, die ich kenne – im Augenblick sehr dreckig.

Aber ich will mal versuchen, das konkreter zu machen. Hier in Heidelberg um die Ecke gibt es ein kleines Kino, und in ihrer Not haben die eine Art Aufruf gemacht, um Gutscheine zu erwerben. Da habe ich natürlich sofort, mit ein paar anderen, Gutscheine erworben. Ob ich jemals Zeit habe, ins Kino zu gehen, um sie einzulösen, weiß ich nicht. Aber das sind so ganz konkrete Dinge. Da wird viel auf uns zukommen in nächster Zeit, wo ganz konkrete Not entstehen wird. Meine Kneipe um die Ecke: Ich weiß nicht, ob sie überlebt.

Ich glaube, man hat jetzt auch Gelegenheit, ein bisschen zwischen wichtig und unwichtig wieder zu sortieren, Geschwindigkeit rauszunehmen. Wir jagen doch alle um die Welt. Ich mit meiner Bahncard 100 pendle zwischen Heidelberg und Berlin ständig hin und her. Das verkneif ich mir, weil ich von meinem Alter her zur Hochrisikogruppe gehöre und mich den Klimaanlagen der Bahn im Augenblick nicht aussetzen möchte. Also, man kann schon mal die Pause – ich nenn das mal einfach Pause – nutzen, um ein paar Dinge, die einem selbstverständlich geworden sind, doch schon infrage zu stellen. Das liegt nicht jedem. Wer möchte schon aus der Routine aussteigen. Das möchte fast niemand. Aber das ist eine gute Gelegenheit.

Das Gespräch führte Peter Claus

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