Margarethe von Trotta; © dpa/Kai-Uwe Heinrich/Tagesspiegel
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Die rbb Kulturgespräche - Margarethe von Trotta: "Es gibt zu wenig europäische Solidarität"

Kurz bevor die Grenzen wegen Corona geschlossen wurden, holte ihr Sohn sie noch schnell von Paris nach München. Wir sprechen mit einer der ersten Filmemacherinnen des Landes und politisch engagierten Künstlerin, Margarethe von Trotta (“Rosenstraße“, “Hannah Arendt“), über die Folgen der Corona Krise für Europa, für unsere Gesellschaft und an welche weiblichen Vorbilder man sich halten kann.

rbbKultur: Margarethe von Trotta, Sie leben eigentlich in Paris, seit einigen Wochen sind Sie allerdings in München. Was machen Sie denn mit Ihrer Zeit? Sie sind wahrscheinlich ähnlich still gestellt wie viele von uns?

Margarethe von Trotta: Mein Sohn hat mich Gott sei Dank noch im letzten Moment, bevor die Grenze geschlossen wurde, aus Paris heraus befehligt sozusagen. Er hat mir einfach ein Ticket besorgt und ich musste in ein Flugzeug steigen. Zwei Tage später wäre das nicht mehr gegangen. Insofern hat er da Recht gehabt. Und hier in München kann er mich besuchen von weitem, mir etwas zu essen bringen. Wie man das mit alten Müttern macht. In Paris wäre mir das nicht möglich gewesen. Da hätte ich vielleicht noch anderen Älteren Essen bringen müssen. Insofern bin ich froh, dass ich jetzt in München bin. Obwohl ich eigentlich lieber in Paris bin.

rbbKultur: Wie ist das mit Ihrer Arbeit? Können Sie etwas arbeiten?

M. v. Trotta: Ich hatte kurz vor Corona ein Drehbuch fertig geschrieben, welches meine Produzenten bereits bei der Drehbuchförderung eingereicht haben. Ich bin mir nun natürlich nicht mehr sicher, wann oder ob der Film überhaupt gemacht wird. Hier in München angebunden zu sein fällt mir schwer, denn ich bin ja eigentlich eine Nomadin und reise viel. Ich hätte jetzt in Bari, danach in Palermo, Perugia und Kiew sein sollen. Das Reisen gehört so sehr zu meinem Leben dazu. Janine Meerapfel hat in einem der rbb Kulturgespräche von Entschleunigung gesprochen. Es stimmt zwar, dass wir alle die Corona Krise auch als etwas Positives in unserem Leben ansehen sollten, gleichzeitig fällt es aber schwer, wenn man immer viel unterwegs ist und das auf einmal unterbinden muss. Ich habe mich gefragt, wer kann mir jetzt helfen in meinem Leben? Da sind mir zwei Protagonistinnen meiner Filme eingefallen, die ich gemacht habe. Zum einen Rosa Luxemburg und zum anderen Hildegard von Bingen, die beide auf lange Zeit eingeschlossen waren.

rbbKultur: Die eine im Kloster und die andere im Gefängnis.

M. v. Trotta: Ja, Hildegard von Bingen eher freiwillig, zwar nicht sofort, sie ist als Kind ins Kloster gekommen, da hat man sie nicht gefragt, später hat sie sich dann freiwillig dafür entschiedenen, weil sie an Gott glaubte und diese Art von Gefangenschaft angenommen hat. Rosa von Luxemburg hingegen saß während ihres Lebens in acht Gefängnissen und das natürlich nicht freiwillig. Das letzte Mal war sie während des Krieges vier Jahre lang in Schutzhaft, damit sie nicht gegen den Krieg reden konnte und dabei war sie immer isoliert, durfte nicht mit anderen zusammen sein. Da fragt man sich, wie hat sie das nur überstanden? Von ihr konnte ich wirklich viel lernen, ich habe schon damals überlegt, wie das für mich wäre, wenn ich auch in so eine Situation gekommen wäre. Sie hat das mit großer Geduld und auch oft mit großer Heiterkeit überstanden oder bewältigt, hat sogar ihren Freunden immer Mut zugesprochen, die draußen waren. Die wollten ihr eigentlich helfen, aber im Grunde hat sie denen dann geholfen. Das Rührende war, dass sie jedes Mal ihren Brief mit: "Bleib geduldig, bleib heiter" unterschrieben hat. Sie wusste ja auch nicht, wann der Krieg zu Ende sein würde und wann sie da rauskommt. Sie hätte permanent rebellieren können. Aber das hat sie nicht, weil sie nicht nur schrieb und las, sondern eben auch ein funktionierendes Innenleben hatte.

rbbKultur: Rosa Luxemburg gilt also als Vorbild in dieser Zeit. Sie haben erzählt, wie viel Sie unterwegs sind und Sie haben auch in vielen europäischen Ländern bereits gelebt - in Italien, Frankreich, Deutschland. Nun erleben wir, dass es mit der europäischen Solidarität in dieser Zeit nicht so weit her ist. Wie bewegt Sie denn das, als überzeugte Europäerin?

M. v. Trotta: Das bewegt mich natürlich ganz besonders, denn diese Überzeugung Europäerin zu sein und zu wollen, findet ja nicht nur im Kopf statt. Es ist auch notwendig, dass wir uns als Europäer begreifen. Ich habe acht Jahre in Rom gelebt und sehe, wie die Italiener auf diese Nicht-solidarischen Gesten der Deutschen reagieren. Besonders die Rechten, wie Salvini, ruhen sich darauf aus und freuen sich regelrecht, dass die Deutschen so reagieren, damit sie wieder draufschlagen können, um mehr Stimmen zu bekommen. Wir Deutschen machen uns da viel kaputt mit diesen Ländern, die wirklich Hilfe brauchen. Es ist fragwürdig, ob wir das jemals wieder einholen können. Ich frage mich, wie Deutsche dann nach Italien in den Urlaub fahren können, mit diesem Wissen, dass wir uns so gewehrt haben, denen zu helfen.

rbbKultur: Und wie erleben Sie die Situation in Deutschland, wenn Sie sich hier umschauen? Wenn Sie Nachrichten hören? Wie nehmen Sie das Klima hier bei uns wahr?

M. v. Trotta: Einerseits sehe ich sehr viel Hilfsbereitschaft. Ich kann natürlich nicht von allen reden, ich kann ja nicht raus. Ich bekomme die Nachrichten im TV und im Radio mit und da werden dann die gezeigt, die miteinander oder füreinander singen oder etwas vorlesen. Das finde ich alles wunderbar, aber ich kann nicht beurteilen, ob da nicht auch sehr vieles ist, was mir nicht gefallen würde, wenn ich es wüsste.

Das Gespräch führte Frank Meyer

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rbb Kulturgespräche mit Harald Welzer (© Gregor Baron), Jeanine Meerapfel, Jutta Allmendinger (© ), Inka Löwendorf (© Carsten Kampf), Jürgen Flimm (© Carsten Kampf), Ulrich Matthes (© Carsten Kampf), Ilija Trojanow (©), Bénedicte Savoy (© ) und Andreas Dresen (© ); Montage: rbbKultur
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