Jürgen Flimm, Intendant der Staatsoper Unter den Linden, im kulturradio-Studio; Foto: Carsten Kampf
Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

Die rbb Kulturgespräche - Jürgen Flimm: "Schlimm ist es für die freien Gruppen, die kein Geld mehr kriegen."

Jürgen Flimm steckte gerade in den Proben von "Gefährlichen Liebschaften" für das St. Pauli Theater, als der Shutdown entschieden wurde. Wie erlebt der frühere Schauspieler, Regisseur und Intendant u.a. der Staatsoper Unter den Linden die Corona-Krise? Was kann Kunst und Kultur in diesen Zeiten bieten und sind Streamings in seinen Augen eine gute Alternative zur echten Bühne?

rbbKultur: Herr Flimm, wir haben bereits mit Kathrin Röggla gesprochen und ihr gefällt, was während der Corona-Krise entstanden ist. An manchen Theatern finden Streamings statt, auch ältere Vorführung werden gezeigt und auf diese Weise zugänglich gemacht. Was halten Sie davon?

Flimm: Ich halte sehr viel davon. Schöne, alte Aufführungen zu zeigen, wie die Schaubühne es gerade macht, von Peter Stein oder von Klaus Michael Grüber, das ist eine wunderbare Sache. Es gibt auch viele Opern, die man sich noch einmal angucken kann, oder auch wenn man sie noch nicht gesehen hat. Das Burgtheater zeigt viele Aufführungen. Diesen musealen Charakter finde ich sehr schön und man kann sich noch einmal erinnern. Das Streaming an sich gefällt mir gut, aber Mitschnitte zu zeigen, die nicht mit mehreren Kameras gemacht sind, halte ich für Unsinn. Das funktioniert nicht und ist langweilig. Das muss schon speziell für das Kino oder für die  Mattscheibe gemacht sein. Man kann das alles machen, nur die Bühne, die kann man nicht ersetzen. Das muss man wissen. Die Bühne ist die Bühne ist die Bühne, und einer muss sich das angucken, wie einer auf der Bühne steht und das muss etwas Größeres sein, als der Rest der Welt. Schauspieler sind in ihrem Beruf nicht ersetzbar. Auf der Bühne zu stehen, sich zu verstellen und so zu tun, als wäre man Hamlet, das ist nicht ersetzbar.

rbbKultur: Streaming ist natürlich eine Ausweichoption, bis zur Wiedereröffnung im Herbst. Haben Sie als alter Theatermacher andere Ideen, wie man jetzt trotzdem Theater machen könnte, auch live, wie sie gerade sagen?

Flimm: Ja, ich habe neulich mit einem Freund, einem Intendanten in Köln gesprochen und wir hatten die Idee, dass man auf den einen Balkon Julia stellt und auf den anderen Balkon Romeo und dann spielen die von Balkon zu Balkon das Stück. Oder man könnte mit einem Auto durch die Stadt fahren, mit einem Truck, auf dem die Schauspieler in einem Abstand von 1,50 m stehen und ein schönes Stück spielen. Das wollen die jetzt umsetzen. Man kann eine Menge machen.

rbbKultur: Trauen Sie das den Theatern zu, solche Ideen umzusetzen?

Flimm: Ja. Wenn die Theater keine Phantasie aufbringen, was bringen sie denn sonst noch auf? Ich persönlich kriege keine Depressionen, wenn das Theater mal zu ist für eine Zeit. Schlimm ist es für die freien Gruppen, für alle, die im Moment kein Geld kriegen. All den öffentlich Angestellten, Theaterleuten, Museumsleuten, Opernleuten geht es ja gut, die kriegen ihr Geld weiterhin.

rbbKultur: Herr Flimm, sie haben ja bereits viele Kämpfe ausgefochten in ihrem langen Theaterleben, für Theater, für Budgets, für Ausstattung. Ich kann gar nicht recht glauben, dass Sie das nicht so schlimm finden, wenn die Theater ein halbes Jahr zumachen.

Flimm: Schlimm ist es, wenn ich krank bin, im Krankenhaus liege, wenn ich als alter Mensch im Heim lebe und meine Tochter darf mich nicht mehr besuchen. Das ist schlimm. Aber nicht, wenn ein bisschen Shakespeare fehlt. Das muss man richtig einordnen. Wir sagen ja nicht, dass die Gesellschaft zu Grunde geht, wenn die Theater nicht bald wieder aufmachen. Ich bitte um etwas mehr Demut der ganzen Situation gegenüber.

rbbKultur: Wie sehen Sie das mit dem Hintergrund ihrer politischen Erfahrung, Herr Flimm, wie wir als Gesellschaft gerade durch diese Krise kommen?

Flimm: Das werden wir sehen. Der Zustand jetzt ist sehr, sehr heikel. Ich finde auch die Auflösung des Lockdowns nicht ungefährlich. Man muss akzeptieren, dass dieser Virus so ist, wie er ist. Man kann nicht sagen, das ist ein böses Gespenst, das durch die Städte geht und die Gesellschaft zerstört. Das wird ein schwieriges Erwachen, wie wir jetzt schon feststellen können und man muss aufpassen, dass das alles im Rahmen bleibt.

Das Gespräch führte Frank Meyer

Die rbb Kulturgespräche

Margarethe von Trotta; © dpa/Kai-Uwe Heinrich/Tagesspiegel
dpa/Kai-Uwe Heinrich/Tagesspiegel

Die rbb Kulturgespräche - Margarethe von Trotta: "Es gibt zu wenig europäische Solidarität"

Kurz bevor die Grenzen wegen Corona geschlossen wurden, holte ihr Sohn sie noch schnell von Paris nach München. Wir sprechen mit einer der ersten Filmemacherinnen des Landes und politisch engagierten Künstlerin, Margarethe von Trotta (“Rosenstraße“, “Hannah Arendt“), über die Folgen der Corona Krise für Europa, für unsere Gesellschaft und an welche weiblichen Vorbilder man sich halten kann.

Download (mp3, 7 MB)
Ingo Schulze zu Gast im kulturradio; Foto: Gregor Baron

Die rbb Kulturgespräche - Ingo Schulze: "So eine Krise macht manches deutlicher."

Die Corona-Krise hat den Berliner Schriftsteller Ingo Schulze kurz vor seiner geplanten Lesereise erwischt. Er musste sie absagen. Schulze wollte aus seinem Roman "Die rechtschaffenen Mörder" lesen, der in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Kurzerhand hat er sich in sein Wohnzimmer gesetzt und dort gelesen, von seiner Tochter gefilmt.

rbb Kulturgespräche mit Harald Welzer (© Gregor Baron), Jeanine Meerapfel, Jutta Allmendinger (© ), Inka Löwendorf (© Carsten Kampf), Jürgen Flimm (© Carsten Kampf), Ulrich Matthes (© Carsten Kampf), Ilija Trojanow (©), Bénedicte Savoy (© ) und Andreas Dresen (© ); Montage: rbbKultur
dpa/rbbKultur

Der rbb macht's - Die rbb Kulturgespräche

Was sind die gesellschaftspolitischen Folgen der Corona-Krise? Und welche Verantwortung kann hier die Kultur übernehmen?

Wir sprechen mit Mitgliedern der Akademie der Künste, mit Künstler*innen, Filmschaffenden, Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen, die unter ganz eigenen Blickwinkeln Antworten finden.