Soziologin Jutta Allmendinger (Bild: imago images/Thomas Imo)
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Die rbb Kulturgespräche - Jutta Allmendinger: "Die psychische und die soziale Gesundheit bekommen zu wenig Beachtung"

Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und beschäftigt sich mit sozialen Ungerechtigkeiten. In ihrem neu erschienenen Buch geht es um die Vertrauensfrage vor allem in die Politik. Wir sprechen mit ihr über das Wir-Gefühl in der Gesellschaft während der Corona-Krise, die immer größer werdende Kluft zwischen den Ländern und eine fragwürdige Priorisierung in der Ergreifung der Hilfsmaßnahmen von Seiten der Politik.

rbbKultur: Frau Allmendinger, Sie haben sich immer wieder intensiv mit sozialen Ungerechtigkeiten beschäftigt. Welche neuen sozialen Kluften tun sich nun in der Corona Zeit gesellschaftlich auf? Was haben Sie beobachtet?

Allmendinger: Es sind Kluften, von denen wir gedacht haben, dass sie bewältigt werden konnten. Wie zum Beispiel die Kluft zwischen jungen Müttern, die sich über die letzten Jahrzehnte ihre Erwerbstätigkeit erkämpft haben und jetzt entweder mit noch geringerem Stundendeputat klar kommen müssen, als sie es bislang hatten oder gar nicht mehr erwerbstätig sein können. Und das nur, weil die Kinder keine Kinderbetreuung mehr haben, nicht mehr zur Schule gehen können. Die andere große Kluft, die wir noch nie richtig in den Griff bekommen haben, ist die zwischen gut situierten Kindern, die in besseren Stadtvierteln leben, aufgezogenen von Eltern, die eine gute Bildung haben und den Kindern, denen das Fehlen des Unterrichts stark auf die Füße fallen wird. Diese Diskrepanz wieder zu schließen, wird nicht so leicht sein.

rbbKultur: Unter den verschärften Bedingungen, die wir gerade weltweit erleben, zeigen sich viele Baustellen noch einmal verstärkt, die mit Ungleichheit, Turbokapitalismus und Globalisierung einhergehen. Angefangen bei der Privatisierung der Gesundheitssysteme, überhaupt Zugänge zum Gesundheitssystem, wirtschaftliche Abhängigkeiten eines jeden, Prekariat. Glauben Sie, diese Art von Krise wird Debatten anstoßen, die auch politisch Folgen haben wird?

Allmendinger: Das hoffe ich zumindest in einem Bereich stark, weil sich die Politik hier weit aus dem Fenster gelehnt hat. Das betrifft die sogenannten systemrelevanten Berufe und hier insbesondere die Bezahlung und die Beachtung von Erzieher*innen, aber auch von Pflegekräften, von Kassierer*innen. Ich glaube, da wird es sehr schwer sein, den Worten keine Taten folgen zu lassen.

rbbKultur: Wie sehr vernetzen sie sich als Wissenschaftlerin und Präsidentin einer Wissenschaftsinstitution in diesen Zeiten auch mit Wissenschaftler*innen anderer Länder, um genau solche Fragen auch auf globaler Ebene zu diskutieren?

Allmendinger: Ich vermisse in der Tat internationale Kommissionen sehr stark. Wir haben so etwas nicht. Wir haben unsere nationalen Akademien, aber wir haben Vergleichbares weder auf einer europäischen noch auf der internationalen Ebene, obwohl wir das dringend bräuchten. Denn wenn eine Kluft ganz besonders auftreten wird, dann ist es die Kluft zwischen den Ländern. Denken Sie an die Armutspotentiale in afrikanischen Ländern, die von dem Coronavirus wesentlich stärker getroffen werden.

rbbKultur: Kommen wir vom Globalen noch einmal ins Nationale. Gerade wurde gemeldet, mehr als 10. Millionen Menschen in Deutschland befinden sich in Kurzarbeit. Der Druck auf die Wirtschaft wächst. Sie sprachen schon von Familien, in denen wirkliche Not herrscht, weil die Kinder nicht betreut werden können. Sie haben auch die Frauen angesprochen, die sehr qualifiziert sind und jetzt wirklich unter Druck geraten. Nicht nur, weil sie die Arbeit zu schaffen haben, es besteht auch ein gewisser moralischer Druck. Da wird richtig Stress gemacht, wenn man die Kinderbetreuung in Anspruch nehmen will. Nur im äußersten Fall sei dies möglich, wird da behauptet. Setzen wir möglicherweise falsche Prioritäten in der ganzen Diskussion? Spielen die soziologischen und psychosozialen Faktoren eine zu geringe Rolle?

Allmendinger: Das würde ich sehr stark unterstützen wollen. Wenn wir uns die Definition der Weltgesundheitsorganisation zu Gesundheit anschauen, dann gibt es drei Dimensionen: die physische, die psychische und soziale Gesundheit. Wir schauen uns die physische Gesundheit an, das ist das tatsächliche Erkranken an dem Coronavirus, zweifelsohne ganz wichtig. Aber die psychische und die soziale Gesundheit bekommt zu wenig Beachtung. Wie sollen alleinerziehende Mütter und Väter zur Zeit erwerbstätig sein, wenn die Kinder keine Kinderversorgung haben und die Großeltern wegfallen? Ich würde mir doch wünschen, dass man das Ganze stärker systemisch betrachtet und sich überlegt, wenn ich Geschäfte wieder öffne, was daraus für andere Teilbereiche zwingend folgt. Nämlich eine größere Teilöffnung von Kindertagesstätten, eine andere Organisation von Schulen. In puncto Armut: Wie bekommen wir endlich mehr Technik für die Kinder, die zu Hause überhaupt keine haben? Wie setzen wir dort einen digitalen Unterricht ein? Den haben die Kinder in diesen benachteiligten Schichten nicht.

rbbKultur: Frau Allmendinger, erst kürzlich ist ihr neues Buch erschienen, das sie gemeinsam mit Jan Wetzel geschrieben haben. Es heißt “Die Vertrauensfrage für eine neue Politik des Zusammenhalts“. Sie fordern eine Politik des Vertrauens. Was haben Sie über Vertrauen in diesem Land in den letzten Ausnahmewochen gelernt?

Allmendinger: Wir haben eine empirische Studie vorgelegt, basierend auf einer großen Befragung, die wir gemacht haben. Wir haben festgestellt, dass das Vertrauen in einen selbst und ineinander vorhanden ist und auch hier ist das Einkommen nicht das Wichtigste, sondern die Bildung. Bildung erlaubt den Menschen Selbstvertrauen zu haben, in die Zukunft Vertrauen zu haben. Wenn wir das jetzt auf die Corona-Krise übertragen, stellen wir fest, dass die Menschen in Deutschland das Wir-Gefühl der Familie und das Vertrauen in die unmittelbare Umgebung haben. Das hat ihnen auch geholfen, die Würde von älteren Personen zu respektieren, sich hier vertrauensvoll und solidarisch zu zeigen. Erforderlich ist aber auch die Verknüpfung des familiären Wir-Gefühls zum Großen und Ganzen. Das ging bei dem Shutdown gut, jetzt wo wir wieder eingehen in die Phase der Teilnormalität bröckelt das Vertrauen. Das hat auch viel mit der Kommunikation zu tun.

rbbKultur: Vor Corona hatten wir es mit vielen Fragen zu tun, die die Gesellschaft polarisiert hat. Rechtspopulismus, rechter Terror, Rassismus, Vertrauensverlust in die Politik. Das Abschmelzen der großen Parteien in der Gunst der Wählerinnen und Wähler. Haben sich diese Fragen nun durch Corona erst einmal erübrigt? Oder holen Sie uns irgendwann wieder ein?

Allmendinger: Das kommt ganz darauf an, wie wir mit diesen Problemen umgehen. Wir haben es geschafft, gemeinsam in einen Lockdown zu gehen und uns wirklich hochsolidarisch und vertrauensvoll zu verhalten. Jetzt müssen die Maßnahmen mitgeteilt werden. Es muss klargemacht werden, dass alle gesehen werden, dass eben die Mütter, die Alleinerziehenden, die teilweise gar nicht mehr wissen, wo sie sich lassen soll, gesehen werden und dass das alles für sie gemacht wird oder es eben aus dem und dem Grund nicht gemacht werden kann, weil Kinder zum Beispiel Virenschleudern sind. Obwohl wir darüber eigentlich viel zu wenig wissen. Es ist ein hoher Anspruch, dass dieses Vertrauen auf politischer Seite nicht verspielt wird. Dass, wenn wir über Wirtschaftshilfen sprechen, auch die Dekarbonisierung mit berücksichtigt wird, dass eine nachhaltige Zukunft für die Jungen mit in den Blick kommt.

rbbKultur: Das Klima und die Gesellschaft sollten also zusammen gedacht werden?

Allmendinger: Ich kann nur sagen, wir haben eine gute Ausgangsposition und es kommt jetzt sehr darauf an, dass wir keine Politik für Lobbyisten machen. Diese Teilöffnung von Geschäften ab einer gewissen Quadratmeterzahl war ein Debakel. Niemand hat das verstanden. Und dann kam natürlich die Frage auf, warum da und nicht bei mir? Wir dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen, sondern wir müssen das gut begründen. Wir müssen schon sehen, dass Corona am Anfang etwas war, was insbesondere reiche, gut situierte Personen hineingebracht haben. Diejenigen die sich einen Skiurlaub leisten konnten, waren sofort in Quarantäne. Keine Kassiererin kann sich das leisten. Aber die haben uns sogar in den ersten Tagen ohne Schutz bedient. Die gut gestellten Personen, die durch diese Krise ohne große Einkommensverluste durchkommen, sollten nachher für die Gemeinschaft geradestehen.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg

Jutta Allmendinger: "Die Vertrauensfrage. Für eine neue Politik des Zusammenhalts"
Duden, Berlin 2020
ISBN 978-3411756421
16,00 Euro

rbb Kulturgespräche mit Harald Welzer (© Gregor Baron), Jeanine Meerapfel, Jutta Allmendinger (© ), Inka Löwendorf (© Carsten Kampf), Jürgen Flimm (© Carsten Kampf), Ulrich Matthes (© Carsten Kampf), Ilija Trojanow (©), Bénedicte Savoy (© ) und Andreas Dresen (© ); Montage: rbbKultur
dpa/rbbKultur

Der rbb macht's - Die rbb Kulturgespräche

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Wir sprechen mit Mitgliedern der Akademie der Künste, mit Künstler*innen, Filmschaffenden, Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen, die unter ganz eigenen Blickwinkeln Antworten finden.