Berliner Philharmoniker © Paul Zinken
Bild: dpa / Paul Zinken

- Musizieren unter Corona: Konzept der Berliner Orchester mit Charité-Wissenschaftlern

Die Vorstände der sieben großen Berliner Orchester, darunter die Berliner Philharmoniker und das Opernorchester, haben gemeinsam mit Epidemiologen und Hygieneexperten der Charité einen Leitfaden erarbeitet, wie sie in Zukunft unter Corona musizieren könnten. Diese zehnseitige Expertise ist eine Empfehlung, die alle Orchester in Deutschland übernehmen können. Maria Ossowski weiß mehr.

Die Gerüchteküche brodelte an allen Enden und Ecken. Da war von fünf, sieben, sogar 12 Metern Abstand zwischen den Instrumenten die Rede. Deshalb haben sich die sieben großen Orchester Berlins zusammen getan und mit dem Epidemiologen Stefan Willich von der Charité und Charité-Hygieneexperten die sachlichen Fakten verschiedener Studien auf zehn Seiten zusammengetragen und ausgewertet.

Der Trompeter des Deutschen Sinfonieorchesters, Matthias Kühnle: "Eine Studie in Bamberg ist von sehr großer Bedeutung. Der Landesmusikrat in Berlin hat Kontakt mit der Uni Eindhoven aufgenommen, mit einem Professor, der als Aerodynamiker Abstrahlversuche mit Aerosolen unternimmt. Diese Studie wird auch weiter verfolgt."

Aus der Trompete kommt kaum Luft

Grundlage sind die allgemeinen Hinweise des Robert Koch Instituts. Hände waschen, desinfizieren, Abstand halten und bei geringsten Krankheitsanzeichen zu Hause bleiben. Für die einzelnen Instrumentengruppen gelten da besondere Regeln. Die Stühle der Streicher, der Schlagzeuger, der Harfen und der Tasteninstrumente müssen anderthalb Meter voneinander entfernt sein. Die der Bläser zwei Meter. Nicht mehr. Denn Bläser wie beispielsweise die Trompete stoßen weniger Luft aus als gemeinhin vermutet.

Der Epidemiologe Stefan Willich: "Das schätzt man als Laie völlig falsch ein. Da hat man das Gefühl, da geht ein riesiger Luftstrom durch das Instrument und wird vielleicht sogar noch verstärkt. Und das Gegenteil ist der Fall. Der Trompeter bläst mit ganz wenig Luft hinein, Holzbläser noch weniger. Beim Sprechen verwendet man sehr viel mehr Luft als mit einigen der Holzblasinstrumente. Man kann das in einem ganz einfachen Bild visualisieren: man kann einfach mal versuchen, mit einer Trompete eine Kerze auszublasen. Das ist ausgesprochen schwierig, weil da vorne kaum was rauskommt aus dem Instrument."

Plexiglasscheiben für die Bläser

Den Bläsern werden außerdem Plexiglasscheiben empfohlen, die das Instrument abschirmen. "Bei den Bläsern kommt dazu, dass man bezüglich der Entwässerung und des Kondenswassers und der Reinigung besonders aufpassen muss, damit dieses Wasser nicht wie üblich einfach auf den Boden geschüttet oder getropft wird, sondern dass man das in Tüchern auffängt, die danach zu reinigen oder zu entsorgen sind. Dass man das Kondenswasser dieser Instrumente als infektiös betrachtet."

Wie infektiös es sein könnte, ist nicht sicher, da walte dann eben besser die Vorsicht. Die Dirigentin oder der Dirigent sollten in den Proben mindestens zwei Meter Abstand halten, beim Konzert anderthalb. In den Proben spricht sie oder er, im Konzert nicht. Interessant: eine Weile hieß es, die Flöte versprühe besonders viel Aerosol.

Die neueren Expertisen, so Willich, sind zu anderen Schlüssen gekommen: "Bei der Flöte ist es tatsächlich so, dass das Meiste direkt nach vorne, also über das Mundstück hinaus geblasen wird und ein Meter oder maximal anderthalb Meter danach nachweisbar ist. Darüber hinaus ist kein Luftstrom mehr nachweisbar und auch nach rechts zum Nachbarn hin ist kein Luftstrom nachweisbar."

Mehr Abstand - weniger Musiker*innen

Während des Konzertes bräuchten Musiker keine Maske zu tragen, wohl aber vorher im Proben- oder Warteraum und sofort im Anschluss, denn während des Konzertes sprechen sie nicht. Für Opernorchester im Graben gelten besondere Belüftungsempfehlungen, da ist die Situation schwieriger. Fest steht: mit allen eingehaltenen Abständen werden die Konzerte der großen Orchester mit weniger Musikern stattfinden müssen. Einfach, weil der Platz fehlt. Aber sie können stattfinden, das ist die Botschaft. Und sie strahlt von den großen Klangkörpern in Berlin aus. Die Orchester im Bundesgebiet können sich daran orientieren.

Matthias Kühnle: "Ich erhoffe mir, dass wir eine Basis der Diskussion finden, die auf Fakten und auf Austausch untereinander beruht und nicht auf Hörensagen und Kolportage. Wir erhoffen uns sehr von diesen Empfehlungen eine sachliche Diskussion, und ich erhoffe auch Möglichkeiten für uns, wieder in einen geordneten Spielbetrieb zurück zu finden."

Maria Ossowski, rbbKultur