Der Schauspieler Ulrich Matthes im kulturradio-Studio; Foto: Carsten Kampf
Carsten Kampf
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Die rbb Kulturgespräche - Ulrich Matthes: "Kultur darf kein Luxusgut werden."

Ulrich Matthes ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Schauspieler, Synchronsprecher und Theatermacher. Zudem ist er der Präsident der Deutschen Filmakademie. In unserer Reihe rbb Kulturgespräche spricht er darüber, ob Corona unser Konsumverhalten nachhaltig verändern wird, was es für ländliche Gegenden bedeutet, wenn Kinos die Corona-Krise nicht überleben und wie wesentlich die Kultur für das Wohl der ganzen Gesellschaft ist.

rbbKultur: Herr Matthes, Sie waren gestern Abend bei einem virtuellen Treffen des Berlin Forums. Da ging es auch um ähnliche Fragen, um die Gesellschaft in der Corona-Krise, darum, was man vielleicht lernen kann von dem, was jetzt passiert. Haben Sie etwas mitgenommen von dem Abend gestern?

Matthes: Unbedingt. Das konkrete Thema war Zusammenhalt und das ist ein zentrales Thema für die Gesellschaft dieses Landes generell. Es ist so, dass ich das Gefühl habe, dass es auf der einen Seite sehr viele Menschen gibt, die sich in der Krise sehr solidarisch miteinander, sehr hilfreich und emphatisch dem Nächsten gegenüber verhalten haben. Auf der anderen Seite nehme ich eine zunehmend deutliche Gereiztheit, um nicht zu sagen Aggression im Alltag wahr. Ich erlebe das beim Einkaufen, auf der Straße, als Autofahrer. Um die Kluft zwischen diesen beiden Polen zu schließen, müssen wir wieder ein bisschen mehr zusammenrücken.

rbbKultur: Bei den vielen Gesprächen, die ich im Moment mit Freunden, mit Kollegen führe, geht es immer auch um die Wahrnehmung der veränderten Welt um uns herum. Dass diese viel langsamer und besonnener geworden ist, auch weniger konsumgeil wirkt im Moment. Wird uns davon etwas erhalten bleiben?

Matthes: Also das, was Sie über den Konsum sagen, davor ängstigt sich natürlich die Wirtschaft und Olaf Scholz. Denn es brechen ihm die Steuereinnahmen noch mehr weg, als sie ihm eh schon weggebrochen sind. Ja, mir geht es so, dass ich denke, wie wenig an materiellen Dingen braucht man wirklich? Ab und zu gönne ich mir dann auch mal so einen Lustkauf, aber jetzt im Moment überhaupt nicht und ich habe auch nicht das Bedürfnis danach. Ich kann mir vorstellen, dass sich im Konsumverhalten vieler Menschen etwas ändern wird. Die Frage ist, wie lange das anhält? Vielleicht sind alle erst einmal grundsätzlich etwas vorsichtiger, vielleicht betrifft es sogar den Bereich der Kultur? Die Menschen gehen dann irgendwann mit Abstand und mit Hygienemaßnahmen wieder in die Theater, in die Kinos und in die Konzertsäle, nur im Moment scheuen sie das möglicherweise noch. Das wäre für den kulturellen Bereich natürlich fatal. Es sieht jetzt so aus, dass die Geschäfte zwar wieder öffnen, die Laune vieler Menschen ein bisschen verdorben ist. Es gehört offensichtlich zum Gemeinschaftserlebnis auch des Shoppens dazu, dass man das mit vielen anderen Menschen tut und nicht vereinzelt und nicht mit Masken. Ich bin sehr gespannt, was Soziologen und Psychologen irgendwann in zehn Jahren, wenn sie auf das Jahr 2020 zurückblicken, zu berichten haben werden.

rbbKultur: Sie haben in den letzten Wochen viel gewarnt davor, was in der Kultur alles kaputt gehen könnte in diesen Zeiten, weil eben in den Kinos, Theatern und Konzerthäusern fast nichts stattfinden kann. Worum machen Sie sich denn zurzeit am meisten Sorgen in dem Bereich?

Matthes: In meiner Funktion als Präsident der Filmakademie gesprochen, ist die absolut existenzielle, große Gefahr, dass es nach Corona oder auch vielleicht während Corona den Kinos an den Kragen geht. Die Kinobetreiber, die sich da noch besser auskennen als ich, haben gesagt, die Gefahr ist groß, dass die Hälfte aller Kinos zum Jahresende weg sein wird. Wenn der Staat da nicht wirklich hilfreich zur Seite steht, sind die Hälfte aller Kinos weg. In so einer Stadt wie Berlin gibt es dann immer noch genug, obwohl ich das auch hier schrecklich fände, denn jeder hat ja seine Stadtteilkinos in die er oder sie besonders gerne geht. Fürs Land und für die Kleinstädte ist es absolut fatal, weil Kinos hier gerade für die jungen Leute auch Orte des sozialen Kontakts sind. Das gilt auch für die Filmproduktionen. Es gilt auch für die vielen Privattheater deutschlandweit, die keine hohen Subventionen bekommen, für die Tourneetheater. Und es geht auch um Schauspielerinnen und Schauspieler, die vielen frei Arbeitenden. Die erwischt es jetzt absolut hart. Man muss wirklich aufpassen, dass die Kultur nicht zu eine Art Luxusartikel wird, nach den Schulen, der Infrastruktur und nach der großen Wirtschaft, die natürlich auch wieder irgendwann ins Laufen kommen muss. Dass nicht gesagt wird, auf die Kultur können wir noch am ehesten verzichten.

rbbKultur: Sie haben von der Politik schon mehrfach Unterstützung für die Kultur gefordert. Sind Sie da gehört worden?

Matthes: Die Bundeskanzlerin hat in ihrem wöchentlichen Podcast ausschließlich, fünf Minuten lang, nur über die Kultur geredet, dass sie sich der Tatsache bewusst ist, dass diese bisher deutlich zu kurz gekommen ist und dass es konkrete Maßnahmen geben wird. Es hat auch schon welche gegeben, aber Monika Grütters weiß selber, dass da noch nachgebessert werden muss. Es wäre jedoch gut, wenn nicht nur botanische Gärten und Friseure Beachtung fänden, sondern auch jemand von der Spitzenpolitik explizit über Maßnahmen und Hilfsfonds die Kultur betreffend reden würde. Es müsste ein gesamtgesellschaftliches politisches Bewusstsein dafür geben, dass die Kultur mehr ist als ein Zuckerstückchen, welches man sich abends nach einem harten Tag gönnt. Die Kultur ist wesentlich für unser Land, für unsere Seelenhygiene und für die Schulung von Empathie.

Das Gespräch führte Frank Meyer

Reihe

rbb Kulturgespräche mit Harald Welzer (© Gregor Baron), Jeanine Meerapfel, Jutta Allmendinger (© ), Inka Löwendorf (© Carsten Kampf), Jürgen Flimm (© Carsten Kampf), Ulrich Matthes (© Carsten Kampf), Ilija Trojanow (©), Bénedicte Savoy (© ) und Andreas Dresen (© ); Montage: rbbKultur
dpa/rbbKultur

Der rbb macht's - Die rbb Kulturgespräche

Was sind die gesellschaftspolitischen Folgen der Corona-Krise? Und welche Verantwortung kann hier die Kultur übernehmen?

Wir sprechen mit Mitgliedern der Akademie der Künste, mit Künstler*innen, Filmschaffenden, Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen, die unter ganz eigenen Blickwinkeln Antworten finden.