Jenny Erpenbeck © Rainer Justen/dpa-zentralbild
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Das rbb Kulturgespräch - Jenny Erpenbeck: "Kunst hilft in dieser komischen Art von Wirklichkeit"

Wenn sie mit ihrer Familie nicht gerade Skat spielt, dann lesen sie zusammen "Hamlet" mit verteilten Rollen. Die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, die Romane wie "Heimsuchung" oder "Gehen, Ging, Gegangen" geschrieben hat, spricht mit uns über ihren Corona-Familienalltag, über den Vergleich des ruhigen Lebens während der Corona-Zeit mit dem Leben in der DDR und die Verarbeitung dieser schwierigen Zeit durch Kunst.

rbbKultur: Frau Erpenbeck, "Hamlet", ein düsteres Shakespeare-Drama. Warum lesen Sie gerade das jetzt, weil etwas faul ist im Staate Dänemark?

Erpenbeck: So könnte man es auch sagen. Nein, unser Sohn macht gerade Abitur macht und bei der Gelegenheit stellte sich heraus, dass „Hamlet“ in der Schule nicht gelesen wurde. Einige Dinge, die ich für selbstverständlich gehalten habe, werden heutzutage offenbar nicht mehr für wichtig gehalten oder nicht mehr geschafft. Und da dachte ich, diese Corona-Zeit ist perfekt, um ein bisschen etwas aufzuholen. Dass er das Stück kennt und dass wir das zusammen machen, ist auch für uns als Familie schön.

rbbKultur: "Hamlet" als Teil von Homeschooling. Ich bin froh, dass Sie unsere Gegenwartsgesellschaft nicht durch die "Hamlet"-Brille anschauen. Aber wie schauen Sie denn auf unsere Gesellschaft in dieser Zeit?

Erpenbeck: Es ist inzwischen schon nicht mehr so ruhig, wie es einmal war. Ich habe diese Ruhe eigentlich erstaunlich gefunden und nicht nur negativ. Ich habe zum ersten Mal von vielen Leuten gehört, dass sie seit der Kindheit so nicht mehr gelebt haben, ohne Kalender, ohne Termine, ohne Stress. Natürlich ist die andere Seite davon, dass auch viele um ihre Existenz fürchten, nicht wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Aber die Ruhe fand ich persönlich sehr angenehm.

rbbKultur: Sie sind in der DDR groß geworden. Hat Sie diese Ruhe an das Leben im toten Winkel, wie es in der DDR war, erinnert?

Erpenbeck: Ja, ich habe mit meinen alten Freunden öfter darüber gesprochen, dass wir alle das Gefühl haben, es ist so, wie es in unserer Jugendzeit war. Es gibt keine Reisefreiheit, es gibt keinen Konsum, es gibt weniger Autos auf den Straßen und es gibt eben weniger Kontakt überhaupt, nach außen, zu einigen Leuten. Es gibt die Außenwelt nicht so, und das hat uns sehr an die DDR erinnert. Das Merkwürdige ist, dass man davon ausgeht, dass die Reisefreiheit etwas Gutes ist. Aber so, wie man es in den letzten Jahren beobachten konnte, macht der Tourismus auch sehr viel kaputt. Diese Idee, dass man, um etwas zu erleben, wegfahren muss, ist eine Idee, die für uns als DDR-Bürger neu war und die wir natürlich auch sofort umgesetzt haben. Natürlich sind wir losgefahren und haben die Reisefreiheit genossen. Wenn man das eine Weile hatte, stellt man fest, so viel erlebt man gar nicht, wenn man wegfährt. Vielleicht erlebt man mehr, wenn man an den Orten bleibt, die man kennt und diese Orte genauer kennenlernt, in die Tiefe geht mit der Beobachtung anstatt in die Ferne. Es hat was für sich, sich an diese Erfahrung auch mal wieder zu erinnern.

rbbKultur: Wenn wir auf Ihre Kunst schauen, auf die Literatur, was denken Sie, wird es Romane geben, die das Eigentümliche, diese Erfahrung, die wir jetzt machen, aufbewahren oder wiederbeleben? Sie haben am Anfang von einer Verlangsamung, einer Verschiebung der Weltwahrnehmung gesprochen.

Erpenbeck: Ich denke auf jeden Fall, dass es da Romane gibt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es länderübergreifende Projekte geben wird. Es wäre interessant, auch auch aus den unterschiedlichen Gegenden zu erfahren, wie es wahrgenommen wird, worin die Probleme bestehen, die durch so ein Abschalten dieser ganzen Aktivitäten kommen. Ich persönlich werde wohl keinen Roman darüber schreiben – „Gehen, ging, gegangen“ war da eine Ausnahme - weil ich normalerweise nicht auf Dinge reagieren kann, die in dem Moment, in dem ich lebe, passieren. Ich brauche da immer einen größeren Abstand. Aber ich finde es schon interessant, denn das Seltsame an diesem Lockdown ist, dass die Menschen wieder auf sich zurückgeworfen sind, also nach innen schauen. Und wenn man nach innen schaut, ist Kunst eine der wenigen Dinge, die nicht unterzukriegen sind und durch die man auch Probleme bewältigen kann. Sie schafft ein Auseinandersetzen mit dieser komischen Art von Wirklichkeit, die uns plötzlich zugefallen ist.

Das Gespräch führte Frank Meyer

Reihe

rbb Kulturgespräche mit Harald Welzer (© Gregor Baron), Jeanine Meerapfel, Jutta Allmendinger (© ), Inka Löwendorf (© Carsten Kampf), Jürgen Flimm (© Carsten Kampf), Ulrich Matthes (© Carsten Kampf), Ilija Trojanow (©), Bénedicte Savoy (© ) und Andreas Dresen (© ); Montage: rbbKultur
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Wir sprechen mit Mitgliedern der Akademie der Künste, mit Künstler*innen, Filmschaffenden, Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen, die unter ganz eigenen Blickwinkeln Antworten finden.