Cornelius Meister © Gregor Baron
Gregor Baron
Bild: Gregor Baron Download (mp3, 7 MB)

Die rbb Kulturgespräche - Cornelius Meister: "Online kann nie das Reale ersetzen"

Kein Publikum, keine Vorstellungen – der Opernbetrieb liegt lahm. Doch im Musiktheater entstehen derzeit neue Formate. So auch in Stuttgart. Welche Formate schafft der dortige Generalmusikdirektor Cornelius Meister? Wie geht es weiter mit dem Kulturleben in Zeiten von Corona? Darüber sprechen wir mit ihm auf rbbKultur.

rbbKultur: Herr Meister, wie sieht die Lage bei Ihnen in der Stuttgarter Staatsoper ganz aktuell aus?

Cornelius Meister: Ich bin schon ganz heiser von den ganzen Telefonaten und Videokonferenzen. Buchstäblich von sieben Uhr morgens bis abends um 23.00 Uhr geht es rund, weil wir ja in Stuttgart nie aufgehört haben zu spielen. Wir spielen natürlich nicht im Großen Haus, und wir spielen nicht mit großem Orchester, aber wir spielen 1:1-Konzerte – also ein Musiker und ein Zuhörer auf Abstand. Das geht gut und das macht uns große Freude

rbbKultur: Erklären Sie uns das bitte etwas genauer: Wie funktionieren diese 1:1-Konzerte?

C.M.: Das geht zurück auf ein Kunstprojekt der Performancekünstlerin Marina Abramović. Zwei Menschen, die sich vorher normalerweise nicht begegnet sind, lernen sich kennen. Ohne Worte. Der Gast betritt den Raum, nimmt Platz. Dann schaue ich ihn als Interpret eine Minute lang an – und zwar genau in die Augen. Ich betrachte nicht seine Kleidung, sondern versuche, sein Innerstes zu ergründen. Und nach dieser Minute entscheide ich selber, was für Musik ich dann für meinen Gast ungefähr zehn Minuten lang spiele. Manchmal spiele ich Chopin, Wagner, Bach – aber ich habe auch schon improvisiert, weil ich finde, diese Zeit, in der wir gerade Leben ist, doch eigentlich die Zeit der Spontanität und der Improvisation.

rbbKultur: Auf der Webseite der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart gibt es natürlich auch Online-Angebote. Ab heute Nachmittag wird zum Beispiel Benjamin Brittens “Tod in Venedig“ zu sehen sein. Und Sie und die Musiker*innen, nehmen auch kleine Stücke auf, die Sänger*innen singen Lieder - all das kann man bei Ihnen online abrufen. Wie ist denn generell die Stimmung bei den Musiker*innen und Sänger*innen?

C.M.: Wir haben einerseits ein ganz großes Mitgefühl mit ganz, ganz vielen Menschen, nicht nur in Deutschland, auf der gesamten Welt, denen es wirklich einfach richtig dreckig geht. Und wir haben uns gefragt, was wir tun können, um ein klein wenig Licht, Hoffnung und Zuversicht in jedes einzelne Leben zu bringen. Das ist doch eigentlich der Sinn von Kultur. Das Ureigenste, warum es uns überhaupt gibt und warum auch eine Gesellschaft sich gesagt hat: Ja, wir wollen Kultur, wir wollen Kulturschaffende. Und das tun wir jetzt, wie wir es sonst übrigens ja auch eigentlich immer tun.

rbbKultur: Als Staatstheater sind Sie finanziell zunächst einigermaßen abgesichert. Die Online-Angebote sind im Moment oft kostenlos. Ist das aus Ihrer Sicht richtig?

C.M.: Tatsächlich sind wir im Augenblick gar nicht mehr so sehr online unterwegs. Das Angebot läuft natürlich weiter, aber unser Fokus geht tatsächlich auf die realen Aufführungen, weil wir uns einig sind, dass nichts die Sinnlichkeit, die Emotionalität ersetzt, die man eben nur erleben kann, wenn man wirklich im gleichen Raum sitzt. Online-Angebote sind ein netter Zusatz, aber das kann niemals das Reale ersetzen.

Man kann doch so wahnsinnig viele lebenserfreuende Dinge tun.

Cornelius Meister

rbbKultur: In einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten vor einigen Tagen haben Sie vor einem Verlust an kultureller Bildung jetzt in Corona-Zeiten gewarnt. Warum?

C.M.: Ich habe mich einfach geärgert – das muss ich offen sagen – dass da immer mal wieder kluge Menschen sagen, man solle sich jetzt auf die wesentlichen Schulfächer konzentrieren. Man solle rechnen und man solle lesen. Und dann vielleicht noch zwei, drei Naturwissenschaften – und das sei das Wesentliche.

Ich will überhaupt nicht behaupten, dass das nicht wichtig sei. Natürlich ist das alles wichtig, aber genauso wichtig ist es doch, dass unsere Kinder und Jugendlichen lernen, miteinander umzugehen, sich gegenseitig zuzuhören, eine Empathie füreinander zu entwickeln. Alle diese sozusagen nicht betriebswirtschaftlich notwendigen Dinge sind doch gerade jetzt enorm wichtig. Und wenn, wer weiß, wie lange das alles noch dauern wird, über viele Monate hinweg junge Menschen auf Buchstaben und Zahlen "verengt" werden, dann läuft da doch irgendetwas schief.

Und deswegen haben wir auch hier in Stuttgart ein großes Angebot an Materialsammlungen musischer Bildung geschaffen. Was kann man alles Schönes tun! Meinetwegen nur als Beispiel als eine Aufgabe an einen Schüler: Denke Dir ein Theaterstück aus und spiele es Deinen Eltern vor. Oder singt jeden Morgen ein gemeinsames Lied. Man kann doch so wahnsinnig viele Dinge tun, die nicht dazu führen, dass Familien, die eh belastet sind, noch mehr belastet wären, sondern dass man einfach schöne, zusätzliche, freiwillige, lebenserfreuende Dinge tun kann!

rbbKultur: Verändert sich Ihre eigene Einstellung zum bisherigen Kulturbetrieb jetzt durch die Corona-Krise?

C.M.: Ja, sehr. Ich bin jetzt so wenig auf Reisen, wie ich es seit vielen, vielen Jahren nicht mehr war. Natürlich kommt man da zum Nachdenken, ob das, was wir bisher getan haben, so gut und richtig war. Ich würde mich freuen, wenn wir als Menschheit einmal kurz innehalten könnten und uns Gedanken darüber machen: Wie wollen wir eigentlich leben, damit dieser Planet auch hoffentlich lange so weiter bestehen bleiben kann?

rbbKultur: Wenn wir uns jetzt auf das Kulturleben konzentrieren: Was meinen Sie denn, was da vielleicht in Zukunft auch zu verändern wäre, wenn man jetzt die Zeit zum Nachdenken nutzt?

C.M.: Was wir ganz deutlich spüren, ist dass das quantitativ Große im Augenblick nicht geht. Was aber vielleicht zu einem neuen Lob des Kleinen, des Feinen, des Leisen führen könnte. Kammermusik, die aus meiner Sicht sowieso immer zu Unrecht im Schatten einer riesigen Alpensinfonie von Richard Strauss steht, wird vielleicht wird sie eine neue Blüte erleben.

rbbKultur: Kann die Kulturbranche aus eigener Kraft überleben? Oder braucht es da jetzt eine gesamtgesellschaftliche Unterstützung, wie sie jetzt auch immer gefordert wird?

C.M.: Ich bin mir ganz sicher, dass Kultur überhaupt nur leben kann, wenn eine gesamte Gesellschaft aktiv daran teilnimmt. Kultur ist für mich nicht etwas, was von einigen wenigen Profis gestaltet wird, für einige wenige andere, die irgendeine vermeintliche "Hochkultur" mögen würden.

Nein, Kultur ist etwas, was jeden betrifft und wo jeder mitmachen kann. Und wenn unsere Situation jetzt dazu beiträgt, dass sich ganz viele verstärkt darüber Gedanken machen, was ihnen einfach gerade fehlt an Kultur – und ich habe da einen sehr offenen Kulturbegriff – dann hat es vielleicht eine Chance. Aber es wird tatsächlich nur dazu kommen, wenn alle Anstrengungen dazu unternehmen. Von allein wird die Situation nicht beherrschbar sein.

Das Gespräch führte Andreas Knaesche

rbb Kulturgespräche mit Harald Welzer (© Gregor Baron), Jeanine Meerapfel, Jutta Allmendinger (© ), Inka Löwendorf (© Carsten Kampf), Jürgen Flimm (© Carsten Kampf), Ulrich Matthes (© Carsten Kampf), Ilija Trojanow (©), Bénedicte Savoy (© ) und Andreas Dresen (© ); Montage: rbbKultur
dpa/rbbKultur

Der rbb macht's - Die rbb Kulturgespräche

Was sind die gesellschaftspolitischen Folgen der Corona-Krise? Und welche Verantwortung kann hier die Kultur übernehmen?

Wir sprechen mit Mitgliedern der Akademie der Künste, mit Künstler*innen, Filmschaffenden, Schriftsteller*innen, Wissenschaftler*innen, die unter ganz eigenen Blickwinkeln Antworten finden.