Gedenken an Oury Jalloh © Jens Wolf/dpa
Bild: Jens Wolf/dpa

- Warum musste Oury Jalloh sterben?

Oury Jalloh, 36 Jahre alt, wurde im Januar 2005 in einer Zelle in einem Polizeirevier in Dessau tot aufgefunden. Seit 15 Jahren stehen Zweifel und schwere Vorwürfe im Raum, so schwer, dass der Landtag Sachsen-Anhalt Anfang des Jahres zwei Sonderermittler eingesetzt hat. Die Frage, was geschehen ist, beschäftigt nicht nur die Justiz, sondern auch die Autorin und Journalistin Margot Overath, deren Feature "Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau" heute Abend um 22.04h auf rbbKultur zu hören sein wird. Wir haben mir ihr über den Fall und ihre Recherche gesprochen.

rbbKultur: Frau Overath, nach Ihren jahrelangen Recherchen haben Sie eine These, wie Oury Jalloh nach seiner Verhaftung gestorben ist?

M. Overath: Es geht eigentlich um die These der Dessauer Staatsanwaltschaft, die 2017 formuliert wurde und die ich mit Hilfe von Wissenschaftlern und Kriminologen bestätigen konnte. Dass er massiv geschlagen wurde und zwar so stark, dass er das Bewusstsein verlor und nicht mehr aufwachte. Dass dann möglicherweise aus der Angst heraus, ihn zu stark geschlagen zu haben, der Gedanke entstand, jetzt müssen wir etwas unternehmen. Dass die Angst, so Oberstaatsanwalt Wittmann, dass herauskommen könnte, dass abermals ein Mensch durch Gewalt der Beamten zu Tode gekommen ist vorgeherrscht hat. Denn einige Jahre vorher waren schon einmal zwei Menschen im Zusammenhang mit dieser Schicht gestorben. Dann hat man, um den Hinweis zu vertuschen, seinen Suizid inszeniert.

rbbKultur: Also eine Tat zur Vertuschung. Nun ist eine derartige Vertuschung in einem Rechtsstaat wie Deutschland eigentlich nicht vorstellbar. Wie kann es sein, dass der Tod von Oury Jalloh letztlich immer noch nicht gerichtsfest aufgeklärt ist?

M. Overath: Das hat damit zu tun, dass sich die Verantwortlichen von Anfang an festgelegt haben, dass er sich umgebracht hat. Es gab also keine ergebnisoffenen Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft hat nicht angeklagt, dass jemand möglicherweise verantwortlich ist für den Tod, hat auch nicht nach Beschuldigten gesucht oder nach möglichen Tätern, sondern hat die These der Polizei übernommen, dass er sich selbst angezündet hat. Auch das LKA hat diese übernommen, mithin auch die Landesregierung. Es ging also durch sämtliche Instanzen. Alle haben sich darauf geeinigt, dass er sich selbst angezündet hat. Mit dieser eingeschränkten Sicht auf die Dinge, haben die Gerichte nur gefragt, wie konnte das passieren? Er war ja schließlich in staatlicher Obhut, sozusagen in Abrahams Schoß. Der Gruppenleiter, der für ihn verantwortlich war, ist dann am Ende zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil er seinen Suizid nicht verhindert haben soll.

rbbKultur: Ihr Feature heißt nun "Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau". Sie haben die anderen Toten bereits angesprochen. Welche sind das?

M. Overath: Das sind Hans Jürgen Rose 1997 und Mario Bichtemann 2002. Rose ist wegen einer versuchten Alkoholfahrt, er kam gar nicht aus seiner Parklücke raus, festgenommen und mit aufs Revier gebracht worden. Da muss er schwer misshandelt worden sein. Er ist dann unweit des Reviers später sterbend aufgefunden worden. Das sagen jedenfalls die Akten. Ich habe diese zusammen mit einem Profiler und einem Rechtsmediziner studiert. Mario Bichtemann ist in der gleichen Zelle wie Oury Jalloh ums Leben gekommen und zwar an einem Schädelbruch. Damals konnte die Polizei keinen Täter finden. Der Fall wurde eingestellt. Die Staatsanwaltschaft hat auch hier nicht nach einem Täter gesucht. Ich habe einen Rechtsmediziner gefunden, der sich die ganzen Befunde angeguckt hat und er hat mir gesagt, dieser Schädelbruch ist ihm in der Zelle zugefügt worden. Bichtemann war 16 Stunden lang in der Zelle und innerhalb der letzten fünf, sechs, sieben Stunden muss es passiert sein.

rbbKultur: Mit wem haben Sie insgesamt gesprochen?

M. Overath: Ich habe auch mit Polizeibeamten aus Dessau gesprochen, mit ehemaligen Polizeibeamten, mit sehr vielen Kriminalbeamten, mit Kripo-Leitern. Ich bin auch vielangesprochen worden. Das liegt daran, dass ich schon seit einiger Zeit zu diesem Thema recherchiere. Mein letztes Feature, das 2014 gelaufen ist, "Die widersprüchlichen Wahlen eines Todesfalls", hat eine ganz große Resonanz hervorgerufen. Besonders ein ZEIT-Artikel darüber. Danach bin ich von vielen Kripo-Leuten angesprochen worden und bin mit denen in Kontakt geblieben, habe sie besucht und auch immer die Akten dabei gehabt, die ich auf meinem PC gespeichert hatte. Und so bin ich der Sache immer weiter nachgegangen, wann immer ich Zeit hatte, habe Beteiligte und Helfer interviewt, habe Toxikologen befragt. Zum Beispiel Peter Eaten aus Zürich, der mir immer zur Seite stand, später dann den Toxikologen Gerald Coward, der im Prozess Gutachter war und da vernommen wurde. Ich habe auch mehrere Rechtsmediziner hinzugezogen. Es ist eine lange Liste von Interviewpartnern.

rbbKultur: Nach jahrelangen Recherchen, haben Sie die Hoffnung, dass der Tod von Oury Jalloh tatsächlich aufgeklärt werden kann?

M. Overath: Auf jeden Fall habe ich die Hoffnung. Ich habe zum Beispiel auch ehemalige Kripoleute aus Dortmund interviewt, einen der profiliertesten Kriminaltechniker in Deutschland, der das Standardwerk zur Kriminaltechnik geschrieben hat, mit dem sämtliche Kripoleute ausgebildet werden. Er hat sich auch die Akten angeguckt und er hat zu mir gesagt, das ist ein ganz leichter Fall. Das ist eigentlich eine Sache, die liegt auf der Hand. Es fehlt nur der Wille, es aufzuklären. Sonst wäre es ohne weiteres möglich.

Das Gespräch führte Frank Schmid