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- Neue Kontaktstelle für Museumsstücke aus ehemaligen Kolonien

Afrikanische Masken, Ritualgegenstände, ja sogar menschliche Überreste - viele deutsche Museen haben in ihren Sammlungen Objekte, die auf dubiosen Wegen hierhergekommen sind. Für alle Fragen zum Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten wurde nun eine "Kontaktstelle" bei der Kulturstiftung der Länder eingerichtet. Wir sprechen mit dem Leiter Markus Hilgert.

rbbKultur: Herr Hilgert, haben Sie denn schon Anfragen vorliegen?

Hilgert: Wir haben tatsächlich aus Deutschland Anfragen von Institutionen vorliegen, die Beratung hinsichtlich des Umgangs mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten haben wollten. Aus dem Ausland selbst liegen uns noch keine Anfragen vor. Aber es ist ja auch erst der zweite Tag.

rbbKultur: Womit rechnen Sie aus den Herkunftsgesellschaften und Herkunftsländern?

Hilgert: Ich glaube, dass zum einen ganz entscheidend sein wird, dass wir Informationen bieten über Sammlungsgüter aus kolonialen Kontexten in Deutschland: wo sie sich befinden, wo man z. B. im Internet Informationen über diese Sammlungsgüter finden kann und welche Zuständigkeiten in Deutschland für diese Sammlungsgüter gelten. Es ist mitunter nicht immer transparent für jemanden, der nicht in Deutschland zuhause ist, wer für welche Prozesse verantwortlich ist. Und wenn wir über Transparentmachung sprechen, über Digitalisierung, aber auch möglicherweise über Rückführung, dann sind die Zuständigkeiten ganz entscheidend. Deswegen ist es für die Kontaktstelle so wichtig, mit Bund, Ländern, Kommunen eng zusammenzuarbeiten, um entsprechende Auskünfte zu geben und auch entsprechende Prozesse zu befördern.

rbbKultur: Worum wird es bei den Anfragen gehen – um welche Kunstgegenstände, welche Alltagsgegenstände?

Hilgert: Ich denke, man muss die gesamte Bandbreite der möglichen Objekte in den Blick nehmen. Zum einen ist da das sehr wichtige und hochsensible Thema der menschlichen Überreste. Ich glaube, dass dieses Thema auch politisch besonders relevant ist. Dazu haben sich Bund, Länder und Kommunen bereits positioniert und gesagt, dass es ihnen ein besonderes Anliegen ist, diese menschlichen Überreste zurückzuführen. Aber daneben gibt es natürlich auch Alltagsgegenstände. Es gibt aber auch Gegenstände, die sensibel sind in dem Sinne, dass sie vielleicht in eine rituelle oder kultische Praxis eingebettet waren. Wir reden aber auch über naturkundliche Objekte. Es geht also um die gesamte Bandbreite materiellen Kulturguts, das aus entsprechenden Staaten im Rahmen der deutschen Kolonialherrschaft, aber auch im Rahmen der Kolonialherrschaft anderer Staaten nach Deutschland verbracht worden ist.

rbbKultur: Kann man denn überhaupt abschätzen, wie viele solcher Objekte sich in deutschen Museen befinden? Es müssen doch Abertausende sein …

Hilgert: Ich glaube tatsächlich, dass wir eher über einige Millionen Objekte sprechen. Die Frage ist dann eher: sind es zehn, zwanzig oder 50 Millionen? Tatsächlich kann das niemand ganz genau sagen. Und eine besondere Herausforderung ist natürlich auch die Tatsache, dass längst nicht alle diese Objekte beispielsweise im Internet dokumentiert oder recherchierbar sind. Das heißt, es wird vor allen Dingen auch darum gehen, diese Transparenz, die so wichtig ist, um überhaupt den Dialog auf Augenhöhe zu beginnen, herzustellen. Und deswegen ist Transparenz und Dokumentation ein ganz zentrales Handlungsfeld des Umgangs mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland.

rbbKultur: Wie schätzen Sie die Bereitschaft von deutschen Museen und Sammlungen zur Rückgabe ein?

Hilgert: Ich glaube, dass zunächst einmal eine hohe Bereitschaft da ist, sich der Herausforderung zu stellen. Gleichzeitig ist es so, dass den Museen vielfach auch die Kapazitäten fehlen, um beispielsweise die eben angesprochene Transparenz in relativ kurzer Zeit herzustellen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es nicht nur in erster Linie um Rückführung geht. Gerade die partnerschaftliche Kooperation, die gemeinsame Erforschung, aber eben auch die Dokumentation und Transparentmachung steht im Vordergrund. Beim Thema Rückführung – das muss man deutlich sagen – ist ein politischer Konsens hergestellt worden, der sagt: für alles, was seinerzeit unter rechtlich und/oder ethisch heute nicht mehr vertretbaren Bedingungen angeeignet worden ist, müssen Rückführungsvoraussetzungen geschaffen werden.

Das Gespräch führte Frank Schmid.