Matthias Brandt © Gregor Baron
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- "Keine heiße Luft" – Matthias Brandt

Der Schauspieler und Autor Matthias Brandt ist diesjähriger "Writer in Residence" bei der LIT:potsdam. Wie erlebt er das Lliteraturfestival? Darüber und über seinen Roman "Blackbird" – eine sowohl traurige als auch komische Coming-of-Age-Geschichte – reden wir mit ihm.

rbbKultur: Da ist ganz schön was los bei Ihnen in den nächsten Tagen. Freuen Sie sich darauf?

Brandt: So kann man es sagen. Da in letzter Zeit aus bekannten Gründen eher wenig los war, freue ich mich sehr darauf.

rbbKultur: Wie wichtig und richtig finden Sie es, dass das Literaturfestival LIT:potsdam jetzt doch stattfindet, trotz der zum Teil erheblichen Einschränkungen aufgrund der Hygieneregeln?

Brandt: Ich finde das sehr schön. Man sollte alles probieren, was irgend möglich ist und was wir hinbekommen in der Form.

rbbKultur: Können Sie sich vorstellen, dass Atmosphäre fehlen könnte, weil die Zuhörer*innen weit voneinander entfernt sitzen und Kopfhörer aufhaben?

Brandt: Natürlich ist das nicht die Atmosphäre, die wir gewohnt sind. Aber wir haben nur die Wahl zwischen dem und gar nichts. Dann finde ich es besser, wenn wir uns damit arrangieren und wenn sich alle darauf einstellen. Dann geht das glaube ich auch. Man darf nur nicht den falschen Maßstab anlegen.

rbbKultur: Nun sind Sie in diesem Jahr "Writer in Residence". Was machen Sie mit dieser schönen Ehre und Aufgabe?

Brandt: Ich mache vorwiegend zwei Veranstaltungen, auf die ich mich sehr freue - nämlich morgen mit Christian Petzold einen Abend zum Roman und Film "Transit" und am Samstag zusammen mit Wiebke Porombka einen Abend zu meinem Roman "Blackbird". Darüber hinaus schaue und höre ich mir schöne Sachen an.

rbbKultur: Werden Sie auch etwas schreiben und vielleicht zeitnah veröffentlichen?

Brandt: Mal schauen. Ich gehe solche Sachen nicht so ambitioniert an, da mir die Gefahr, dass da heiße Luft rauskommt, zu groß ist. Ich schaue mir das erst ganz gerne an. Und wenn mir das ergiebig erscheint – warum nicht?

rbbKultur: Lassen Sie uns über Ihr Buch “Blackbird“ sprechen, das Sie am Samstagabend vorstellen werden. Wissen Sie schon, welche Passagen Sie daraus vorlesen werden – oder entscheiden Sie das spontan?

Brandt: Nein, ich entscheide das nicht spontan. Ich habe mir tatsächlich eine eigene Fassung gebaut für den Abend, die auch eine etwas andere Struktur hat, als es im Roman der Fall ist. Das ist tatsächlich auch das Praktische, wenn der Text von einem selbst ist – dann kann man damit machen, was man möchte. Man ist nicht dem Autor und der Werktreue verpflichtet, sondern sich selbst. Darauf bin ich schon sehr gespannt, das hat mir eine große Freude gemacht. Ich bin mit dem Roman auch schon öfter auf Lesungen gewesen, bevor das alles gestoppt wurde. Da hat es sich immer als ganz schön erwiesen, nochmal einen neuen Anfang zu finden.

rbbKultur: Wie machen Sie das bei diesen Lesungen? Wie viel von dem, worum es im Roman geht, verraten Sie vorher? Wie viel soll dann doch lieber noch ein Geheimnis bleiben?

Brandt: Ich bin nicht so für das Geheimnis. Zumal es den Roman auch schon eine Weile gibt. Ich bin nicht so für Heimlichtuerei. Es ist auch eine Geschichte, die ihren möglichen Reiz nicht unbedingt aus dem Suspense bezieht. Daher habe ich kein Problem damit, mich auch mit dem Ende des Romans zu befassen.

rbbKultur: Ihr Roman "Blackbird" ist der Blick in ein sehr dramatisches Jahr eines Jugendlichen in den 70er-Jahren in der westdeutschen Provinz. Morten, von allen nur Motte genannt, erlebt ein Pubertätsdrama auf der einen Seite: Erste unglückliche Liebe, Trennung der Eltern, erster Alkohol, erster Joint, Probleme mit der Schule – also alles, was irgendwie dazugehört. Aber es gibt noch eine andere dramatische Ebene. Sein bester Freund erkrankt und stirbt. Können Sie sich noch erinnern beim Schreiben, was für Sie das Zentrale war - die Pubertätserlebnisse auf der einen oder das furchtbare Drama mit dem besten Freund auf der anderen Seite? Oder gehört beides zusammen?

Brandt: Das gehört wahrscheinlich zusammen. Aber so genau kann ich im Nachhinein gar nicht beantworten. Ich denke aber, dass es der Tod des Freundes war, das war sozusagen das Zentrum der Geschichte. Parallel hatte ich auch noch große Lust, mich mit dieser Lebensphase zu befassen, weil ich sie sehr interessant fand und finde - so viele Dinge werden zum ersten Mal erlebt. Und wenn Dinge zum ersten Mal erlebt werden, kann man sie als eine Art “Reinkultur“ betrachten. Das ist übrigens auch für Schauspieler sehr interessant. Deshalb ist es wichtig, dass Schauspieler zu Kindheit und Jugend einen sehr intensiven Kontakt halten bzw. halten sollten. Vielleich kam mir das entgegen als ich mir überlegt habe, wo und mit wem das Buch spielen soll.

rbbKultur: Der Roman ist sehr witzig, trotz all der Dramatik. Es gibt immer wieder coole, boshaft-komische Sätze vom 16-jährigen Motte und urkomische Szenen. Wie wichtig war Ihnen diese Mischung aus Drama, Witz und Pointe?

Brandt: Ich vermute mal, dass es damit zu tun hat, dass für mich Humor lebenswichtig ist, existenziell. Ich wüsste kein anderes Rezept und ich stehe immer ein bisschen staunend vor Leuten - die es ja auch gibt - die damit nicht so viel anfangen können. Das ist meine Art der Welt- bzw. Lebensbetrachtung. Insofern hätte ich gar nicht anders gekonnt.

rbbKultur: Lassen Sie uns noch kurz über Ihren Abend bei der LIT:potsdam mit dem Regisseur Christian Petzold sprechen. Sie werden über seinen Film “Transit“ nach dem Roman von Anna Seghers reden. Sie sind in dem Film der Erzähler aus dem Off. Wissen Sie schon, worüber Sie sprechen werden?

Brandt: Ich finde es sehr interessant, dass man in dem Zusammenhang die Möglichkeit hat, Roman und Film nebeneinander zu stellen. Der Film wird nach unserer Veranstaltung auch Open Air gezeigt werden. Es wird Lesungen aus Roman und Drehbuch geben und wir werden uns darüber unterhalten, was eine Romanverfilmung eigentlich ist oder sein kann. Entwickelt sich bei einer Adaption ein ganz eigenständiges Kunstwerk? Ich bin sehr neugierig und habe viele Fragen an ihn. Wobei ich ihm viele davon auch schon einmal gestellt habe, weil wir sehr gute Freunde sind.

rbbKultur: Noch eine Frage zum Schluss. Motte, der Held Ihres Romans, verstummt für eine Weile. Er spricht mit niemandem mehr - nicht mit den Freunden, nicht mit den Eltern oder mit der jungen Frau, die ihn liebt und die er auch liebt. Können Sie sich dieses Verstummen für sich selbst auch vorstellen?

Brandt: Sprachverlust kann ich mir gut vorstellen. Es wird am Theater in Bielefeld im September eine Bühnenfassung von “Blackbird“ geben. Ich habe einen kleinen Brief ans Ensemble geschrieben und das Erste, was da drinsteht, ist, dass das, was nicht gesagt wird, genauso wichtig ist wie das, was gesagt wird. Das gilt für den Roman und sämtliche Adaptionen gleichermaßen.

Das Gespräch führte Frank Schmid.