Anke Feuchtenberger © Julia Steinigeweg
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Max- und Moritz-Preis für Lebenswerk - Anke Feuchtenberger, Comiczeichnerin

Sie hat erst mit Anfang 20 zum Comic gefunden. Dann aber richtig: seit dreißig Jahren zeichnet sie ihre surrealen Bildergeschichten und als Professorin für Illustration fördert sie gezielt den deutschen Comic-Nachwuchs. Für beides ist sie jetzt mit dem Max und Moritz-Preis für ein herausragendes Lebenswerk ausgezeichnet worden.

rbb: Frau Feuchtenberger, mit Mitte 50 werden Sie mit dem Max-und-Moritz-Preis für ihr gesamtes Lebenswerk ausgezeichnet. Wie empfinden Sie diesen Preis?

Feuchtenberger: Sehr ehrwürdig. Es war mir erst mal ein bisschen unheimlich. Ich hielt mich auch erstmal bedeckt, sodass manche mich gefragt haben, ob ich mich denn gar nicht freue. Aber ich brauchte erst mal einen Moment, um das zu verkraften und mir das auch ein bisschen positiv zurechtzurücken. Es ist nicht das Ende, sondern einfach ein Geschenk, was mich vielleicht auch ermutigt, einfach meine Projekte weiterzuführen. Ich habe mich aber dann riesig gefreut. Als es sozusagen real wurde, war es ein tolles Gefühl.

Ich habe auch gestutzt, weil eine Lebenswerk-Auszeichnung klingt immer nach Ende. Das ist es bei Ihnen nun wahrlich nicht. Bei Ihnen geht es immer weiter und weiter, oder?

Feuchtenberger: Auf jeden Fall. Ich bin auch ermutigt, endlich mein Buch abzuschließen, an dem ich schon sehr lange arbeite. Es soll wahrscheinlich im Herbst erscheinen. Ich arbeite bereits wieder an drei neuen Projekten. Das geht auf jeden Fall weiter.

Wollen sie uns schon etwas über Ihr neues Buch "Ein deutsches Tier im deutschen Wald" verraten?

Feuchtenberger: Es ist ein sehr ambitiöses Werk. Es ist ein Versuch, die organische Welt, die mich hier in Vorpommern umgibt, teilweise auch Erinnerungen und Erfahrungen, die ich hier gemacht habe und biografische Geschehnisse, die in der DDR stattgefunden haben, zu verbinden. Also Tiere mit Menschen, Wald mit Tieren und die Absurdität, dass es ein deutsches Tier und einen deutschen Wald eigentlich gar nicht gibt. Das hat mich gereizt, die ganze Breite auszutesten.

Ich hätte nach dem Titel gedacht, dass Sie an die großen Mythen rangehen. Der deutsche Wald und unsere Beziehung, die wir angeblich dazu haben und dann noch die Tiere dazu.

Feuchtenberger: Genau, aber das lässt sich gar nicht so einfach machen. Man könnte beispielsweise den "Freischütz" anführen. Ich habe versucht, das Ganze herunterzufahren auf kleinste Tiere. Und die leben eben in einem großen Wald. Insofern ist der deutsche Wald ziemlich konterkariert.

Sprechen die Tiere?

Feuchtenberger: Ja, aber im Grunde genommen sind alle auf irgendeiner Ebene Tiere und alle auf irgendeiner Ebene Menschen. Das ist ein labyrinthisches hin und her. Sie schreiben aber auch Briefe.

Ihr Buch "Das Haus" aus dem Jahr 2000/2001 wurde jetzt wieder neu verlegt. In vielerlei Hinsicht ist es ein sehr ungewöhnliches Buch. Können Sie sich noch ungefähr daran erinnern, was damals die Idee zu diesem Buch war?

Feuchtenberger: Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. 1998 bin ich wegen der Arbeit nach Hamburg gezogen. Im Jahr 2000 hatte ich einen Sehnsuchtsschub bekommen, wieder nach Berlin zurückzukommen, in meine Heimatstadt. Und dann bekam ich einen Auftrag von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", einen Comicstrip für die Berliner Seiten - allerdings über die gesamte Kolumnenlänge und nicht die Breite, wie es sonst üblich ist - haben sollte. Das war eine besondere Herausforderung. Und ich habe alles versucht, diese Sehnsucht nach meiner Heimatstadt und die Erinnerung des Körpers an verschiedene Orte in diesem Kolumnen-Strip darzustellen.

In dem Comic-Strip gehen Sie an einzelnen Körperteilen entlang, also Zunge, Augäpfel, Fußsohle, Nabel, Oberschenkel, Hand - so sind die einzelnen Kapitel überschrieben. Und die stehen für Ihre Erinnerungen an Berlin von damals?

Feuchtenberger: Ja, oder auch für Dinge, die ich gehört habe. Beispielsweise habe ich in einem Kapitel die Zunge mit der Befreiung von Berlin durch die Rote Armee in Verbindung gebracht und die Erfahrungen, die die Frauen gemacht haben. Es sind immer auch Geschichten, die jetzt nicht unbedingt nur meine sind, sondern die auch in irgendeiner weiteren Form mit der Stadt zu tun haben.

Das ungewöhnliche ist auch, dass die kurzen Texte zu den einzelnen Zeichnungen, die Zeichnungen nicht erklären. War das Ihre Idee, die Leute zum Rätseln zu bringen?

Feuchtenberger: Ich bin manchmal ein bisschen überinspiriert und denke auf verschiedenen Ebenen. Mit der Verbindung zwischen den verschiedenen Ebenen, also den alltäglichen, dem fantastischen, dem somnambulen, dem praktischen und so weiter, soll sich eine poetische Sprache eröffnen. Das ist der Versuch. Ob es mir gelingt? Es gelingt bestimmt nicht immer.

Ist das ungefähr auch die Art und Weise, wie Sie als Professorin für Illustration mit ihren Studierenden an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften arbeiten?

Feuchtenberger: Ich würde in meiner Lehrtätigkeit nie über meine eigene Arbeit sprechen. Ich bin da sozusagen komplett inkognito und arbeite von der Zeichnung ausgehend. Das ist eine ganz praktische, eine teilweise sehr mühsame Arbeit, weil man den Sinn noch nicht versteht. Man kann das mit dem Medizin-Studium vergleichen, wo die Studenten auch erst die Anatomie lernen müssen, um vielleicht dann Zusammenhänge zu verstehen.

Erst später höre ich darauf, was mir die Studierenden so sagen, was sie gerne zeichnen würden und dann versuche ich einzeln mit ihnen an ihren Projekten zu arbeiten, indem ich immer so eine Art großes Thema vorgebe, wo aber eigentlich jeder eine Spur findet wie er arbeiten kann. Das funktioniert ganz gut.

Sie gelten als eine Ikone, als hätten sie sozusagen das Comicwesen und die Arbeit an Graphic Novels in Deutschland mit ihrer Art ganz entscheidend geprägt, sowohl im Stil des Zeichnens und Schreibens als auch in dem, was Graphic Novel sein kann. Können Sie mit so einer Beschreibung was anfangen?

Feuchtenberger: Das ist mir alles zu groß. Ich habe noch nicht mal so viele Alben gemacht wie andere berühmte Comic-Zeichner. Aber ich hatte das große Glück, in die Lehre gehen zu können. Dadurch war ich ständig im Kontakt mit wirklich außerordentlich begabten Künstlern und Künstlerinnen, die ich sehr ernst genommen habe. Das ist auch der Spaß an der Arbeit, wenn man etwas sehr ernst nimmt, bekommt man auch einen Blick in andere Welten. Und das ist auch eine sehr tiefe Bereicherung der eigenen künstlerischen Arbeit. Ich könnte nichts machen, was mich langweilt, oder ich könnte mich nicht über Dinge auslassen, die mich eigentlich gar nicht interessieren. Und das ist vielleicht der einzige Ansatz, der dazu führt, dass die Arbeit mir Spaß macht.

Das Gespräch führte Frank Schmid.