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Gibt am 8.8. ein Konzert im Schlosspark Neuhardenberg - "Ein Ozean von Zeit" - Ulla Meinecke

Ulla Meinecke ist schon lange eine der festen Größen in der deutschen Popmusik. Mit ihrer rauchigen, samtenen Stimme singt sie von ihren Ängsten und Freuden: sehr poetisch und immer auf Deutsch. Und auch wenn sie und ihre Band damit große Säle füllen, klingt es immer noch wie ein intimes Bekenntnis. Am Samstagabend tritt Ulla Meinecke zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie auf.

rbbKultur: Sind Sie voller Vorfreude auf das Konzert morgen im Schlosspark Neuhardenberg?

Meinecke: Ich bin sehr aufgeregt. Virusbedingt verändert sich ja sehr viel. Es ist das erste Konzert in sechs Monaten. Die ungeförderte Kunst und Kultur geht gerade kaputt. Das ist einfach so. Dann kommt bei uns noch dazu, dass unser dritter Mann in der Band mit einer Amerikanerin verheiratet ist. Selbstverständlich habe ich ihm gesagt, bei seiner Frau zu bleiben. Er hätte herkommen können, aber dann kommt er möglicherweise nicht wieder zurück und könnte seine Frau möglicherweise monatelang nicht mehr sehen. Das geht nicht. Wir sind aber sehr eingespielt. Mein Pianist und ich haben uns lange angeschaut - dann haben wir angefangen zu proben. Das lässt sich auch nicht anlehnen an das, was wir hatten. Wir mussten es ganz neu erfinden.

rbbKultur: Eine doppelte Premiere also morgen Abend. Welche alten Songs werden Sie spielen, welche neuen? Können Sie das schon verraten?

Meinecke: Wir spielen tatsächlich bekannte Songs. Wir spielen aber auch Songs, die es so noch gar nicht gibt und die noch gar nicht veröffentlicht sind. Es ist eine schöne Mischung und dadurch, dass ich das mit meinem Pianisten Reinmar Henschke mache, haben wir das jetzt an uns gezogen. Wir werden natürlich kein Gitarrenstück spielen.

rbbKultur: Ich gehe mal davon aus, dass ein Lied morgen garantiert auch erklingen wird, weil es ohne das gar nicht geht: "Die Tänzerin". Wie ist es für Sie, dass ein Lied von Ihnen für so viele Menschen eine intime und persönliche Bedeutung hat?

Meinecke: Das ist ein ausgesprochener Glücksfall. Ich nenne keine Namen – aber es gibt durchaus Kollegen, die überraschenderweise einen großen Erfolg hatten mit irgendeinem Song, den sie persönlich gar nicht so mochten. Das ist gruselig. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste einen Song, den ich anfangs schon nicht gut fand, jahrzehntelang singen… Aber "Die Tänzerin" ist so ein ungewöhnlich tolles Stück, da zahlt sich dann auch meine Arbeit als Texterin aus. Meine Umgebung hat häufig gefragt, warum das mit dem Text so lange dauert. Meine Sachen halten dann aber auch wirklich Stand, sie sind zeitlos. Da ist kein blöder Satz drin. Da denke ich manchmal an Kollegen und weiß nicht, ob ich schmunzeln oder weinen soll.

rbbKultur: Lassen Sie uns über das Texten und das Schreiben sprechen. Sie werden morgen offensichtlich nicht "nur" alte und neue Songs singen, sondern auch Erzählungen vorlesen.

Meinecke: Nein, ich werde nicht vorlesen. Wer uns kennt, der weiß, dass ich bei Live-Konzerten immer seltsame Geschichten zwischen den Songs erzähle. Das ist auch etwas ungewöhnlich – die meisten Musiker-Kollegen sagen: jetzt kommt der dritte Titel von meinem zweiten Album. Ich finde, etwas Unterhaltung kann schon sein. Und so ein Abend hat auch eine Dramaturgie. Reinmar und ich haben schon von 1997 bis 2002 miteinander gespielt – wir arbeiten seitdem kontinuierlich zusammen. Für uns beide ist das eine Überraschung, wie sich das Miteinanderspielen wiederum verändert hat. Wenn ich mir vorstelle, dass alles immer gleichbleiben und so wie 1983 klingen würde – da schlafen mir die Backen ein, das wäre langweilig.

rbbKultur: Aber wenn Sie sich an Ihren großen Durchbruch 1983 erinnern – danach waren Sie plötzlich ein Star. War das überhaupt etwas für Sie? Sie haben vorher in den 70er-Jahren in Frankfurt schließlich ganz anders gelebt. Sie waren zum Beispiel in der Hausbesetzerszene unterwegs. Und dann plötzlich Musikstar…

Meinecke: So plötzlich kam es nun nicht. Es war mein fünftes Album. Ähnlich wie bei Herbert Grönemeyer. So etwas ist heute gar nicht mehr möglich. Die jungen Künstler bekommen eine Chance – und wenn die erste Single nicht "chartet", kein super Erfolg ist, dann sind sie weg. Bei dem Gedanken bekomme ich schon Zahnweh, wenn ich es ausspreche. Das ist ein Durchlauferhitzer. Wir hatten noch eine echte Chance. Man konnte sich noch entwickeln. So war es das fünfte Album, das dann so wahnsinnig erfolgreich wurde – aber auch von so vielen Dingen abhing. Den Erfolg lediglich auf die eigene "tolle Leistung" zu beziehen, ist auch ein Fehler. Es sind so viele Dinge, die eine Rolle spielen. Ich bin zum Beispiel über das Radio gekommen. Das war eine Zeit, da stapften die Menschen, die die Musiksendungen moderiert haben, mit den Platten unter dem Arm in ihre Sendungen und spielte einfach, was sie schön fanden. Und da ungewöhnlich viele Redakteur*innen meine Sachen schön fanden, spielten die meine Musik. Und zwar nicht immer nur den einen Titel, sondern ganz verschiedene. Das wäre so heute auch nicht mehr möglich. Heute gibt es eine Playlist, der Moderator hat gar nicht mehr zu entscheiden. In der Zeit gab es eine andere Vielfalt, in der sich etwas von Null an durchsetzen konnte, wenn es genügend Leute gab, die es toll fanden.

rbbKultur: Der Text Ihres Songs "Alt" stammt nicht von Ihnen, oder?

Meinecke: Nein, aber ich durfte ihn kürzen und ein bisschen verändern. Der Text stammt von dem vor mir sehr verehrten Danny Dziuk, einer unserer Besten, aber auch bis heute leider ein Geheimtipp. Qualität setzt sich von selbst durch – das ist ein ganz blödes Gerücht. Es hat viel zu tun mit Marketing und ob eine große Firme viel Knete hineinsteckt. In dieser Branche als Frau in meinem Alter – das ist nichts für Feiglinge. Das ist mein Temperament. Natürlich soll ich sagen, dass Frauen meines Alters sich noch nie wohler gefühlt haben. Und dass sie jede Falte lieben und dass sie innerlich 23 Jahre alt sind. Da bin ich kurz vorm Übergeben, wenn ich so etwas höre. Dann haut man lieber gleich richtig auf die Glocke und ist dann einfach zu alt. Und fertig.

rbbKultur: Aber Sie haben nun das Glück, mit Reinmar Henschke Und Ingo York gemeinsam alt zu werden. Das "große alte Trio" ist noch zusammen. Ist das für Sie eine Art Lebensgemeinschaft?

Meinecke: Das war bei mir zuvor in den Besetzungen nicht Gesetz und Pflicht, dass man auch privat unbedingt befreundet sein musste. Die Verbindung über die Musik ist so stark, das reicht eigentlich. Aber mit Reinmar und Ingo ist es ein reiner Glücksfall. So unterschiedlich wir alle sind, sie sind wie meine Brüder, wir arbeiten seit einem ganzen Ozean von Zeit zusammen.

rbbKultur: Denken Sie manchmal noch zurück, was damals war?

Meinecke: Nein, ich werde sogar dafür getadelt, dass ich immer alles wegschmeiße. Es ist manchmal auch übertrieben. Ich habe zum Teil meine alten Platte nicht mehr. Es ist immer dasselbe: Irgendwann kommt jemand vorbei und fragt, ob er etwas haben kann. Und ich gebe es mit, auch wenn es das letzte Exemplar ist. Es ist natürlich alles die Vergangenheit – das Problem ist nur: es war. Es ist doch vorbei. Vielleicht, wenn ich mal 80 Jahre alt bin, sitze ich auf einem Bänkchen und sage "Ach, früher!" – aber so weit sind wir noch nicht. Ich habe es auch nicht mit alten Fotos – ich bin eine Wegwerferin, sonst würden die Wände auf mich zukommen.

Das Gespräch führte Frank Schmid.