Schauspieler und Kabarettist Jochen Busse im Haus des Rundfunks; Foto: Carsten Kampf
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"Komplexe Väter" in der Komödie | Schillertheater - Jochen Busse über Hygiene auf der Bühne und tägliches Yoga

Jochen Busse steht für die alten, satirischen Zeiten des Privatfernsehens, war einer der Köpfe der RTL-Comedy-Show "7 Tage, 7 Köpfe". Auch das politische Kabarett der Bundesrepublik hat er mitgeprägt. Seit seinem Ruhestand zieht es den Schauspieler und Comedian aber vor allem wieder ins Theater - auf die Boulevardbühnen. Ab heute Abend darf er nach langer Corona-Pause wieder auftreten: das Stück "Komplexe Väter" wird an der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater wieder aufgenommen. Ein Gespräch mit dem Grandseigneur der deutschen Comedy.

rbbKultur: Mit dem Stück "Komplexe Väter", einer Wiederaufnahme, starten Sie nach langer Pause heute wieder im Theater. Das ist doch bestimmt eine besondere Situation? Der Saal vor Ihnen darf zum Beispiel nur teilbesetzt sein. Wie schauen Sie diesem Abend entgegen?

Busse: Ich weiß noch gar nicht, was ich davon denken soll. Ich sage mir einfach – na gut, das ist eine schlecht verkaufte Vorstellung – die muss ja auch gespielt werden. Das hat man in seinem Leben des Öfteren gemacht. Gerade, wenn die Vorstellungen nicht so gut besucht sind, sagt man: heute hole ich sie mir!

rbbKultur: Am vergangenen Sonntag sollte es ein Fest zur Spielzeiteröffnung der Bühnen am Kurfürstendamm geben, das aus ungewöhnlichen Gründen abgesagt werden musste, weil zu viele Leute kommen wollten. Offenbar haben die Menschen Theaterhunger...

Busse: Die Veranstaltung war umsonst und unter freiem Himmel, das macht natürlich auch etwas aus bei so schönem Wetter. Aber warum sich gleich über 2.000 Leute gemeldet haben, das weiß ich nicht. Immerhin haben sie sich die Mühe gemacht, sich im Internet anzumelden, das ist ja auch ein Aufwand. Es ist tatsächlich so etwas wie ein Appetit da.

rbbKultur: Spüren Sie diesen Appetit, wenn Sie dann spielen? Machen Sie sich Corona-Sorgen, obwohl das Theater sicherlich alles tut, um Sie und die anderen zu schützen?

Busse: Die Sorge bei Corona ist, dass wir bestimmte Hygienevorschriften haben. Und Hygienevorschriften auf der Bühne lenken natürlich ab. Wenn Sie in Wut auf Hugo Egon Balder losgehen und ihn beschimpfen, dann denken Sie zwischendurch - oh Gott, das sind keine 1,50 Meter! Das ist hinderlich. Wir haben es bewusst eingebaut. Wenn es wirklich passiert, dass man in Rage gerät, dann holt man tief Luft holt und geht zurück, sichtbar für den Zuschauer. Wir halten Abstand, das ist unser Anstand.

rbbKultur: Können Sie uns auf die Komödie "Komplexe Väter" einstimmen?

Busse: Wenn ich das Stück kategorisieren sollte, dann ist es eine Zeitkomödie. Es werden viele Leute im Saal sitzen und sagen: das kenne ich. Das ist wie bei uns. Das ist meines Erachtens das, was das Boulevard überhaupt machen sollte. Dass Leute das Gefühl haben, das könnte jederzeit auch bei ihnen passieren. Es ist überhöht, es ist komischer als das Leben, aber es hat viel vom Leben.

rbbKultur: Was könnte man aus seinen "normalen" Familienkonstellationen wiedererkennen?

Busse: Ich weiß nicht. Ich kenne viele Leute - ich gehöre auch selbst dazu - die eine viel jüngere Frau haben. Das ist ein Hauptthema im Stück. Zwei Väter, einer ist der Erzieher, der andere ist der Erzeuger, haben eine Frau, weit jünger als sie selbst. Und da gibt es eine Tochter, die, wie die Herren sich das wünschen, einen jungen Mann mit nach Hause bringt. Doch der ist 25 Jahre älter als sie. Und was ihnen erlaubt ist, ist ihm natürlich noch lange nicht erlaubt! So entwickelt sich das. Zum Schluss sagt das Mädchen, was sie wirklich will.

rbbKultur: In Ihrer Autobiografie "Die Komödie meines Lebens" schreiben Sie auch über Ihre eigene Vaterschaft und dass es ein Wermutstropfen in Ihrem Leben ist, dass sie zu Ihrem eigenen Sohn nie eine echte Nähe aufbauen konnten. Spielt so etwas dann wieder hinein, wenn Sie jetzt ein Stück wie "Komplexe Väter" spielen?

Busse: Wenn ich ehrlich spiele, kann ich ja nur aus meinem Erfahrungsschatz schöpfen. Die beiden Jungs in dem Stück sind jetzt 16 Jahre alt - als ich sie kennengelernt habe, waren sie knapp vier. Da wächst schon etwas zu einem Menschen. Wenn er sich entwickelt und plötzlich Fragen stellt, fragt man sich: woher hat er das, warum kommt er zu Dir? Ich kann schon leichter einsteigen in dieser Figur. Mein Sohn ist sehr interessiert an Kunstgeschichte, so wie ich. Wir haben schon schöne Berührungspunkte. Er lebt in Essen und ich spiele sehr viel Theater in Nordrhein-Westfalen – ab dem 9. September auch in Essen. Wir werden uns sehen und viel miteinander reden. Und das ist, glaube ich, auch unsere Basis.

rbbKultur: Sie haben bereits von Ihrem Freund und Kollegen Hugo Egon Balder gesprochen, mit dem Sie jetzt zusammenspielen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie bei den Proben auch ordentlich gelästert haben über die ganze merkwürdige Situation, in der wir gerade leben.

Busse: Ja, natürlich. Jeder hat seine persönliche Erklärung. Der eine sagt: wofür ist das gut? Der andere ist der Meinung, dass es gut ist, endlich mal zur Ruhe zu kommen. Alle haben gesagt, wir müssen kürzer treten, keiner tritt kürzer - jetzt müssen wir kürzer treten. Das ist auch nicht nur negativ...

rbbKultur: Sind Sie denn zur Ruhe gekommen im Lockdown?

Busse: Ja, natürlich. Ich kam aus Sri Lanka von einer Ayueveda-Kur zurück. Ich musste schon in eine Art Quarantäne, da brodelte es schon, aber es war noch nicht so schlimm. Dann habe ich Theater gespielt in Hamburg. Das wurde von heute auf morgen abgebrochen. Seit dem 12. März habe ich eigentlich kein Theater mehr gespielt. Ich habe hin und wieder ein bisschen Fernsehen gemacht - z.B. habe in der Quiz-Show bei Herrn Kerner mitgeraten.

Das Schlimmste daran ist, dass man plötzlich, was ich nie wollte, Rentner ist. Man wird morgens wach und weiß, man hat eigentlich ausgesorgt hat für den Tag und tut nichts. Man ist abends auch nicht müde - es sei denn, man macht große Radtouren und läuft viel. Oder man liest anstrengende Bücher. Ich lese gerne und viel, aber so viel, wie ich in der Zeit gelesen habe - das war schon irre! Abends setzt man sich dann hin und guckt Aufgezeichnetes an – das nennt sich Fernsehen. Dann ist der Tag rum. Das ist dann schon fad.

rbbKultur: Zwangsweise Rentner. Sie haben das vorher immer vermieden, indem sie alles Mögliche gemacht haben in einem Lebensalter, wo andere sich dann wirklich zur Ruhe setzen. Sie sind 79 Jahre alt und damit also voll in der Corona-Risikogruppe. Es gab bei älteren Menschen verschiedene Reaktionen auf die Schutzmaßnahmen. Wie ging es Ihnen damit?

Busse: Ich bin ein Mensch, der von sich sagen kann, dass er eine gewisse Disziplin hat. Ich stehe morgens früher als ich müsste auf und mache dann 45 Minuten lang Yoga-Übungen. Aber kein Pillepalle-Yoga. Ein richtig braves Programm, das auch immer wieder überholt wird, mit einem Yogalehrer. Und dann kriegen Sie eine merkwürdige Arroganz, weil Sie ja etwas für sich tun. Sie denken, Sie haben eine natürliche Immunität und Abwehr. Es kann Ihnen eigentlich so viel gar nicht passieren, weil Sie ja morgens aufstehen und weil Sie den Tag in die Hand nehmen und weil Sie Ihren Körper verdrehen... Das bringt einen auch weiter. Wenn ich alle Symptome, die mir schon erzählt worden sind, wahrnehme, dann habe ich das schon dreimal gehabt. Aber ich habe es nicht. Ich habe es auch nie gehabt. Man kann sich das einbilden, aber man kann sich auch einbilden, immun zu sein.

Das Gespräch führte Frank Meyer.