Jakob Hein; Foto: Gregor Baron
Gregor Baron
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- Jakob Hein: "Alle wissen immer gleich, wie der Beruf des Psychiaters ist"

Lesebühneninstitution, Schriftsteller, Psychiater – Jakob Hein ist auf den verschiedensten Bühnen unterwegs – und in verschiedensten Praxen und Krankenhäusern. Nun hat er seine Lebenswelten in einem neuen Buch zusammengebracht: "Hypochonder leben länger: und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis". Darin räumt er mit den Vorurteilen über Psychiater und deren Patient*innen auf.
 
Auf rbbKultur spricht Jakob Hein über seine Aversion gegenüber dem Wort "normal" und darüber, wie zuhören und schreiben zusammenhängen.

rbbKultur: Wenn Menschen erfahren, dass jemand Arzt ist, kommt es schnell mal zu der Situation, in der sie einen medizinischen Tipp brauchen. Das läuft bei Ihnen anders, habe ich gehört. Sie sind auch Psychiater – aber wenn bei Ihnen nach 22:00 Uhr das Telefon zu Hause klingelt, dann wissen Sie schon: es ist soweit …

Hein: Dann sagt meine Frau in der Regel: geh Du mal ran, das wird für Dich sein. Damit liegt sie zu über 90 % richtig. Wenn ich auf Partys angesprochen werde, ist es total belanglos. Es passiert, aber dann sind es meistens Vorurteile, mit denen man dann konfrontiert wird. Die richtigen Anfragen erfolgen dann in langen E-Mails oder in Telefonaten.

rbbKultur: Die meisten Menschen haben klare Vorstellungen und Klischees im Kopf, wenn es um Ihren Beruf geht. Nach dem Motto: Psychiater haben alle etwas "an der Waffel", sind irgendwie schräg oder sadistische Typen, die andere in Zwangsjacken stecken möchten. Klischees, die auch immer wieder gerne in Filmen bedient werden, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Warum ist es so schwer, gegen diese Bilder anzukämpfen?

Hein: Wir funktionieren ja sehr über Bilder. Sowohl das Internet mit einem Medium wie YouTube als auch das klassische Fernsehen bebildern die Psychiatrier immer auf gleiche Art. Eigentlich ist Psychiatrie nicht gut zu bebildern: Da sitzen Menschen und unterhalten sich mit Menschen und man diskutiert bestimmt Sachen. Viele dieser Kämpfe und Sachen finden im Inneren statt. Man kann hervorragend Romane über solche Themen schreiben, aber man kann es nicht bebildern. Also bebildert man es immer wieder mit irgendwelchen Isolationsräumen, mit Zwangsjacken oder mit Elektrokrampftherapie. Dass sich in der Zwischenzeit doch sehr, sehr viel geändert hat und es nicht das Bild von der Psychiatrie ist, das wir versuchen voranzubringen, wird dann eben ausgeblendet. Weil es kein Bild gibt. Was soll die Kamera auch einfangen, wenn nicht den zwangsfixierten Patienten?

rbbKultur: Sie wussten schon früh, dass Sie Kinder- und Jugendpsychiater werden wollten. Was für Bilder hatten Sie denn dazu im Kopf?

Hein: Ich dachte, ich verstehe dann Menschen automatisch, ohne dass diese Menschen mir helfen müssen. Es ist auch in der Jugendzeit entstanden, ungefähr in der Pubertät. Da war der Wunsch, Menschen zu verstehen und die Vorstellung, eines Tages Frauen verstehen zu können, für mich natürlich absolut fantastisch.

rbbKultur: Das ist dann natürlich auch eingetroffen? (lacht)

Hein: Nein, aber das war der Köder, das Anfangsinteresse. Dann habe ich mich damit beschäftigt und durch die Beschäftigung damit habe ich gesehen: es ist nicht so, aber es ist viel interessanter. Und ich bin dann gerne dabeigeblieben.

rbbKultur: Das ist das erste Buch, in dem Sie Ihren eigentlichen Beruf als Psychiater so richtig thematisieren. Wie kommt das?

Hein: Es ergab sich. Ich wurde des Öfteren gefragt, warum ich denn nicht ein Buch über meine psychiatrische Arbeit schreiben würde und ich sagte dann immer: weil ich keine Lust dazu habe. Weil die Leute doch immer von Vornherein wissen, was darin steht, wie man arbeitet. Alle wissen immer gleich, wie der Beruf des Psychiaters ist. Ohne auch nur den Funken Ahnung zu haben. Und wehe man sagt: ihr habt doch keine Ahnung! Das ist dann noch schlimmer. Eines Tages kam dann eine Journalistin auf mich zu und sagte: Schreiben Sie doch einfach das Buch "Der Psychiater, der ich nicht bin". Und da dachte ich, das ist eine gute Idee, das mache ich! Dann entstand nach und nach im Verlauf der Zeit dieses Buch.

rbbKultur: Das Buch "Hypochonder leben länger" besteht aus kleinen Episoden und Geschichten. Es ist ein bisschen Sachbauch, ein bisschen Aufklärungslektüre, gute Unterhaltung sowieso, zudem ist es auch autobiografisch. Wir erfahren auch mehr über Ihre Aversion gegen das Wort "normal". Warum haben offenbar so viele Menschen das Bedürfnis wissen zu wollen, was "normal" ist?

Hein: Es gibt so einen Wunsch, dazu zu gehören, Teil eines Kollektivs zu sein. Es gibt ganze Fernsehsendungen, die nur auf dem Prinzip beruhen, dass nicht normale Menschen vorgeführt werden. Schlimmes Fernsehen funktioniert immer so, dass man das zeigt und der Zuschauer daheim sich gruseln und sagen kann: guck Dir die mal an, die sind nicht normal! Und wir trinken jetzt zwar jeden Abend eine Flasche Korn aus, aber wir sind nicht so wie die, wir sind normal!

Das Normale ist nicht mein Problem. Das Problem besteht eigentlich mit dem Anderen. Das heißt, wenn man definiert, dass das und das normal ist, entsteht automatisch ein Bereich, eine Gruppe von Menschen, die nicht normal ist. Das kann ich nicht akzeptieren. Das finde ich ethisch und medizinisch eine falsche Haltung.

rbbKultur: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass leichte Hypochonder meist sagen, dass sie stark hypochondrisch sind – nur schwere Hypochonder sagen, dass sie leicht hypochondrisch sind. Sie sagen darauf: Das macht nichts, Hypochonder leben länger! Ist das tatsächlich so?

Hein: Ja, das ist zum Glück so. In einer großen Studie kam heraus, dass hypochondrisch denkende Menschen etwas länger leben, weil sie sich frühzeitig in Behandlung begeben und sich mehr um ihre Gesundheit sorgen und sich frühzeitig bei Ärzten vorstellen. So, wie wir Ärzte uns das auch wünschen.

rbbKultur: Wir lernen in Ihrem Buch auch, dass die Deutschen ein Problem mit Placebos haben. Warum denn?

Hein: Das ist komisch. Die Frage ist immer: ist das jetzt nur ein Placeboeffekt? Wenn man die Patienten sehr gut medikamentös behandelt, spüren sie ja nicht, dass sie die Medikamente nehmen. Dann hilft es zwar in der richtigen Richtung, aber sie spüren keine Nebenwirkungen. Ihnen wird nicht schlecht, sie werden nicht grün im Gesicht, bekommen keine Punkte ... Dann glauben die Patienten häufig an einen Placeboeffekt. Ich sage dann immer, dass ist das für unwahrscheinlich halte - aber Placebo ist doch toll! Placebo wirkt immer in die richtige Richtung, ist nebenwirkungsfrei und Placebo ist auch nur für sie da! Das ist das Tollste - das ist das Individuelle an der Medikation: Dieser Effekt ist nur für sie!

Es gibt kein Medikament ohne Placeboeffekt. Wenn ein Arzt einem Menschen mit voller Überzeugung und guter Begründung ein Medikament verabreicht, dann bindet er an dieses Medikament automatisch einen Placeboeffekt dran. Und wenn man dies nicht tut, hat man praktisch nur das Gegenteil zur Auswahl: den Noceboeffekt. Das heißt, wenn die Patientin den Eindruck hat, dieser Arzt hat sich überhaupt nicht für sie interessiert und ihr nur irgendein Medikament aus seiner Schublade über den Tisch geworfen, dann ist sie überzeugt davon, dass das Medikament nicht helfen wird - auch wenn es zufällig chemisch genau das Richtige wäre.

Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen das unanständig finden. Ich sage immer: Kein Stress, Placebo ist für alle. Wenn ich eine Kopfschmerztablette nehme – alleine, wenn ich das schon sage - habe ich schon weniger Kopfschmerzen, weil ich ja eben gerade dieses Medikament genommen habe, was ich so genannt habe. Ich komme um den Placeboeffekt nicht herum.

rbbKultur: Aus Ihrem neuen Buch spricht ganz viel, was sie selbst ausmacht. Sie zeichnet eine große Menschenliebe aus. Sie lachen über sich selbst, haben eine scharfe Beobachtungsgabe und man spürt förmlich, wie sehr Sie Ihren Beruf lieben. Was ist es genau, was Sie nach wie vor begeistert am Beruf des Psychiaters?

Hein: Ich finde toll, dass man immer wieder andere Menschen trifft. Und dass man dann immer wieder gemeinsam mit ihnen über interessante Probleme redet. Es ist nie belanglos in der Psychiatrie. Und wenn es belanglos ist, ist es ja noch interessanter! Da muss man sich automatisch fragen: warum ist das jetzt gerade belanglos? Wogegen kämpft jetzt eigentlich gerade diese Patientin, dass es ihr nicht gelingt, das Gespräch in eine interessante oder signifikante Richtung zu bringen? Belanglosigkeit ist sogar auch interessant bei uns. Und was ich an meinem Beruf auch mag: Man kann von Jahr zu Jahr besser werden. Ich bin jemand, der die Mühen der Ebene kennt. Ich kann nicht so gut geradeauslaufen. Ich suche immer neue Herausforderungen. Und dafür habe ich genau den richtigen Beruf.

rbbKultur: Warum haben Sie sich vor allem auf Kinder- und Jugendliche spezialisiert?

Hein: Ich mochte Kinder immer schon. Selbst als Jugendlicher kam ich gut mit Kindern zurecht. Ein bisschen war es auch der Faktor, dass es besonders gruselig klang, wenn eine 70-jährige Oma als Jugendlicher fragte, was man denn einmal werden möchte - und man sagt: Kinder- und Jugendpsychiater. Das klingt so wie Raumschifffahrtspezialist. Und tatsächlich hat mir von allen psychiatrischen Spezialitäten die Kinder und Jugendpsychiatrie auch am meisten Spaß gemacht. Obwohl ich auch Erwachsenenpsychiater bin. Ich sehe nur am meisten Kinder.

rbbKultur: Sie haben auch eigene Kinder. Haben Sie mit denen öfter über das gesprochen, was Sie tagtäglich erleben?

Hein: Ich glaube schon, aber ich habe das nie so gesetzt. Ich habe mich jetzt nicht hingesetzt und gesagt: jetzt hört mal gut zu. Aber ich glaube schon, dass meine Kinder eine sehr gute Vorstellung von meiner Haltung zu verschiedenen Fragestellungen haben. Was das Thema Drogen betrifft, was das Thema Schule betrifft, was das Thema Motivation betrifft. Ich glaube, dass meine Kinder jetzt wenig überrascht wären, wenn sie meinen offiziellen Standpunkt dazu hören würden. Man schaltet es aber schon aus. Man probiert, nicht als Kinder- und Jugendpsychiater nach Hause zu kommen. Daran haben weder ich noch meine Familie irgendein Interesse.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur