Prof. Christian Thomsen im Haus des Rundfunks; Foto: Carsten Kampf
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- TU-Präsident Thomsen: Beeindruckende Zahlen im Online-Betrieb

Uni in Corona-Zeiten.Das Sommersemester läuft digital, der Campus ist leer. Wie haben sich die Universitäten organisiert? Was funktioniert gut, was weniger? Und welche Wirkung könnte diese zwangsweise Neugestaltung des Wissenschaftsbetriebes für die Zukunft haben? Darüber sprechen wir mit Christian Thomsen, dem Präsidenten der TU Berlin und Vorsitzenden der Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten der Berliner Hochschulen.

rbbKultur: Wie hat denn der Semesterstart unter den aktuellen Umständen funktioniert?

Thomsen: Also unter den Umständen hat er sehr gut funktioniert. Wir haben ja - alle Hochschulen in Berlin - die Lehre auf Online-Betrieb umgestellt, und das hat gut geklappt, wie uns die Zugriffszahlen und auch die Rückmeldungen der Studierenden mitteilen. Also wir haben beispielsweise an der TU Berlin etwa eine halbe Million Zugriffe auf unsere Videos und unsere synchron und asynchron zur Verfügung gestellten Lehrveranstaltungen. Wir haben täglich etwa 10.000 Studierende, die online sind, die von zu Hause aus an der Uni arbeiten. Und wir haben wöchentlich Veranstaltungen, an denen etwa 60.000 bis 70.000 Studierende teilnehmen. Also, das sind schon beeindruckende große Zahlen, mit denen wir jedenfalls an der TU aufwarten können. Aber meines Wissens ist das an den anderen Einrichtungen genau gleich.

rbbKultur: Es scheint wirklich so, dass sich Lehrende so wie Studierende da auch mit Eifer reinstürzen. Nun gibt's ja Neuerungen. Auf der Grundlage neuer Beschlüsse des Berliner Senats können seit gestern jetzt die Hochschulen in Berlin den Präsenznotbetrieb beenden und in einen eingeschränkten Präsenzbetrieb ohne Präsenzlehre übergehen. So heißt es wörtlich in der Mitteilung. Was bedeutet das jetzt für die Unis? Was darf denn jetzt wieder stattfinden, was noch letzte Woche nicht möglich war?

Thomsen: Es ist der große Bereich der Forschung, der inzwischen wieder eingeschränkt stattfinden darf. Wir sind gerade dabei, die Verordnung des Landes Berlin umzusetzen. Wir sind ja gehalten, nach wie vor Pandemie-Beschränkungen und Verhinderung von Virusausbreitung Folge leisten zu können. Das heißt, wir können nicht den gesamten Forschungsbetrieb auf einmal zulassen, sondern wir müssen uns vernünftige Regelwerke überlegen, wie vielleicht die Hälfte oder ein Drittel der Forschenden arbeiten kann, ohne dass die Dichte an Menschen in bestimmten Bereichen zu hoch ist. Das gleiche gilt für die Verwaltung. Forschung ist ohne Verwaltung natürlich undenkbar wegen Einstellungen von jungen Forschenden, wegen Abrechnung von Drittmittelprojekten, wegen Beantragung von neuen Projekten, so dass auch hier in der Verwaltung die gleiche Herausforderung besteht, nämlich ohne die Dichte an Menschen gleichzeitig zu hoch zu haben, den Forscherinnen und Forschern wieder einen guten Forschungsbetrieb zu ermöglichen.

rbbKultur: Also das bedeutet natürlich, das dauert jetzt auch ein paar Tage, bis man das alles so auf die Beine stellen kann. Von jetzt auf gleich geht das nicht.

Thomsen: Das ist richtig. Es war immer die Frage: Ist das Runterfahren einer Uni leichter? Innerhalb einer Woche haben wir das im März getan. Oder ist das Hochfahren leichter? Und es stellt sich heraus, dass das Herunterfahren leichter ist. Und jetzt muss halt kontrolliert nachgedacht werden: Wo öffnet man, wo lässt man zu, ohne dass sich Menschenstaus ergeben. Einerseits, aber andererseits müssen wir natürlich auch die Beschäftigten betrachten, die teilweise noch ihre Kinder nicht in Betreuungssituationen haben, sei es Kindergarten oder Schule. Für die ist es wünschenswert, dass sie weiterhin im Homeoffice tätig sein können, während andere ganz dringend einmal wieder an die Uni kommen möchten. Also die Wünsche der Belegschaft balanciert mit einzubinden, ist ein weiterer Teil der Herausforderung.

rbbKultur: Was kann denn definitiv überhaupt nicht stattfinden zur Zeit trotz dieser Lockerungen - Laborexperimente zum Beispiel oder Exkursionen?

Thomsen: Laborexperimente können stattfinden. Die sind ja typischerweise auch im Normalbetrieb so, dass da nicht eine hohe Packungsdichte von Menschen um ein Experiment herumsteht, sondern es sind meistens einzelne oder mehrere Wissenschaftler*innen. Also da sehe ich die geringste Einschränkung. Schwieriger ist es bei Praktika also sprich: wenn eine größere Anzahl von Studierenden, so 20 oder 40, ein gemeinsames Chemiepraktikum normalerweise machen würden. Da müssen wir ausdünnen und Schichtbetrieb machen, so dass zwei Meter Abstand stattfinden kann. Exkursionen, die Sie ansprachen, die sind tatsächlich noch völlig unmöglich im Moment.

rbbKultur: Was bedeutet denn dieses weitgehend ja doch Online-Semester für Forschungsprojekte zum Beispiel oder auch internationale Kooperation?

Thomsen: Also das Internationale ist nicht so schwierig, weil ja die ganze Welt von der Pandemie in ähnlicher Weise betroffen ist. Etwas zeitversetzt. Da haben wir keine Schwierigkeiten. Bei Forschungsprojekten, sofern sie aus Mitteln der Universität finanziert sind, ist es auch nicht kritisch, weil die halt unterbrochen sind und dann weitergehen. Kritisch ist es bei drittmittelfinanzierten Projekten, sei es aus der Industrie oder von öffentlichen Auftraggebern. Die öffentlichen Projekte, auch die können ein bisschen liegen bleiben. Aber es muss halt gesichert sein, dass zum Beispiel das BMBF oder das Bundesministerium für Wirtschaft die Förderung verlängert. Da müssen ja Gehälter weiter gezahlt werden, ohne dass es konkrete Ergebnisse in einem bestimmten Zeitraum gibt, weil die Labore nicht zugänglich sind. Da sind durchaus Schwierigkeiten oder auch Nachteile, die entstehen und die wir versuchen, bestmöglich abzumildern.

rbbKultur: Ihr Kollege Günter Ziegler, Präsident der FU Berlin, hat dieses Sommersemester zum Kreativ-Semester ausgerufen. Das klingt ja doch eher positiv. Wie sehen Sie das, Herr Thomsen? Was kann man aus dieser Zeit lernen, mitnehmen in die Zukunft?

Thomsen: Also ich sehe das bei aller positiven Einstellung, die wir auch haben, als enorme Belastung für alle Beschäftigten. Und es ist meines Erachtens nicht damit getan, kreativ zu sein, sondern es muss Rücksicht genommen werden auf die Einzelnen, die ja unter schwierigen Bedingungen zum Beispiel eine Kinderbetreuung zu Hause gewährleisten - ich hatte auch meine drei Kinder, die relativ jung sind, acht Wochen lang zu Hause, das ist schon anstrengend. Dafür gebührt jedem Respekt. Was wir lernen können für die Zukunft ist aber, dass Homeoffice durchaus etwas ist, was Menschen die Arbeit erleichtern kann. Zum Beispiel, wenn Kinderbetreuung am Nachmittag ist und man abends die Arbeit erledigt. Das halte ich für ein Modell, das wir sehr gerne verbreitern würden. Es gibt das in einzelnen Fällen schon an der TU Berlin, ich fände das ein gutes Arbeitsmodell, dass man auch Verwaltung an Universitäten mehr vom Homeoffice ausmachen kann, wenn man das möchte, wenn man Pflegebedarf, Betreuungsbedarf hat oder vielleicht zu einer Risikogruppe gehört.

Das Gespräch führte Anja Herzog

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