Paula-Irene Villa Braslavsky © Privat
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Debatten, Toleranz und Demokratie - Müssen Intellektuelle öffentliche Debatten fürchten?

In der Oktober-Ausgabe des US-amerikanischen Harper's Magazine wird ein offener Brief erscheinen, der schon jetzt online abrufbar ist. Über 150 international bekannte Autoren und Autorinnen wie Joanne K. Rowling, Salman Rushdie, Daniel Kehlmann oder Margaret Atwood beklagen ein zunehmendes Klima der Intoleranz sowie "Wellen der öffentlichen Anprangerung" in gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen. Werden gesellschaftspolitische Debatten auch in Deutschland intoleranter? Darüber haben wir mit Paula-Irene Villa Braslavsky gesprochen. Sie ist Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

rbbKultur: Frau Villa, wie schätzen Sie diesen offenen Brief ein? Worum geht es den vielen prominenten Unterzeichnenden?

Villa: Es geht ihnen um eine Warnung vor einer, wie sie es nennen, zunehmend intoleranten, illiberalen, ich würde in meinen Worten sagen, fundamentalistisch werdenden Debatten-Unkultur. Und davor, welche Folgen so eine Debatten-Unkultur für Institutionen, für den Journalismus, für die Medien, für Universitäten und andere Einrichtungen haben könnte. Sie warnen vor einer in ihren Augen zunehmend autoritär werdenden Auseinandersetzung, bei der das Wesen einer demokratischen Öffentlichkeit zunehmend verloren zu gehen droht.

rbbKultur: Ist diese Kritik aus ihrer Sicht berechtigt. Werden bei uns die intellektuellen Debatten wirklich immer intoleranter? Werden gegenteilige Meinungen an den Pranger gestellt?

Villa: Das ist pauschal schwer zu sagen. Man kann gegen eine solche Warnung – also vor Zensur und autoritären Formen der Auseinandersetzungen - gar nichts sagen, weil sie gewissermaßen immer richtig ist. Es wird immer Beispiele und Dynamiken geben, bei denen man sagen kann, dort gibt es Probleme. Insofern ist das Anliegen richtig. Andererseits sehe ich diese Gefahr nicht. Zumindest nicht in der Art und Weise, in der dieser Brief hier raunt und was er suggeriert. Das Problem dieses Briefes ist, dass er sehr unspezifisch warnt und wir gar nicht genau wissen, was eigentlich gemeint ist. Wir können uns, wenn wir den einen oder die andere Unterzeichnende kennen, vorstellen, was gemeint sein könnte. Anhand dieser Beispiele wissen wir dann aber, dass es nicht zutrifft, dass Menschen in dieser Art und Weise zensiert werden, dass sie keine Reichweite haben oder dass Auseinandersetzungen nicht geführt werden. Wir sehen Auseinandersetzungen, bei denen es Bestrebungen nach autoritärer Schließung und nach Zensur gibt. Aber faktisch haben alle Unterzeichnenden dieses Briefes eine enorme Sichtbarkeit, sind in den Medien sehr präsent, haben auf Social Media Tausende und zum Teil Millionen von Follower*innen. Dieser Brief, der sehr prominent publiziert ist, zeigt ja auch, wieviel Reichweite und Sichtbarkeit vorhanden ist. Also nein, ich glaube, dass diese Warnung zu alarmistisch ist.

rbbKultur: Machen wir es mal konkreter. Zu den Unterzeichner*innen gehört auch die Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling. Sie hat in letzter Zeit mit spöttischen und kritischen Äußerungen über trans Menschen für große Aufregung gesorgt. Für ihre Äußerung ist sie dann nicht nur von der Transgender-Szene sehr hart kritisiert worden, bis hin zu Boykottaufrufen für ihre Bücher. Wie erklären Sie sich diese Wut, die ihr da entgegenschlägt?

Villa: Das ist eine Wut, die viel tun hat mit der Sichtbarkeit von K. Rowling. Sie ist sehr präsent auf Social Media, wird stark wahrgenommen, ist sehr prominent. Und ich würde schon sagen, dass sie sehr problematische, diffamierende, zum Teil falsche und wiederum illiberale, autoritäre Pseudoargumente gegen beispielsweise Transgender-Personen und deren Anliegen hier formuliert. Die Wut richtet sich also gegen die Nutzung einer enormen Sichtbarkeit für sehr diffamierende und diskreditierende Formen der Rede, die ihrerseits autoritär sind.

rbbKultur: Kann man sagen, dass da jetzt eine neue Konfliktlinie verläuft, einerseits zwischen den Etablierten, der Mehrheitsmeinung der Intellektuellen und andererseits den Vertreter*innen der Identitätspolitik, des feministischen Umfeldes, queerer Subkulturen sowie Gruppen, die sich gegen Rassismus engagieren und die ihrerseits in der Debatte eine sensible Wahrnehmung ihrer Interessen einfordern?

Villa: Ich glaube, es ist komplizierter. Wir haben eine Öffentlichkeit, auch dank Social Media, die sehr viel kontroverser, vielfältiger und zum Teil nuancierter ist als vielleicht noch vor einigen Jahren oder gar Jahrzehnten. Das führt zu so mancher Verwerfung. Das führt auch zu sehr robusten Debatten. Und das hat Auswirkungen. Das führt zu mehr Kontroversen und Meinungsvielfalt und auch zu mehr Erfahrungen und Perspektiven bestimmter Gruppen in der Öffentlichkeit.

rbbKultur: Erleben Sie als Professorin so hitzige Debatten mit ihren Studierenden oder mit anderen Menschen in ihrem akademischen Umfeld?

Villa: Nein, in der Art und Weise, wie das hier formuliert ist, mit starken Zensurgelüsten, mit autoritären Schließungen erlebe ich es tatsächlich nicht. Ich glaube, es findet in der Bundesrepublik auch sehr viel weniger statt, als bisweilen behauptet wird. Ich erlebe aber sehr wohl – und deswegen sagte ich eingangs, dass ich manche Sorge auch teile - autoritäre, geradezu fundamentalistische, mit einer Lust am Unwissen geprägte Debatten, beispielsweise rund um das Thema Gender, wo es sehr schwer ist, in die Debatte einzusteigen. Weil es teilweise Behauptungen gibt, die sich nicht für komplexe Wirklichkeiten und das Abwägen interessieren. Die interessieren sich nicht für das Verstehen und für die Diskussion, sondern da ist eine Lust an der autoritären Geste, an der Diffamierung, an der Karikierung und an der Polemik. Das gibt es schon und gerade in Bezug auf die Themen, zu denen ich forsche. Und das macht manche Debatte wirklich unmöglich.

rbbKultur: Frau Villa, um noch einmal auf den Brief zurückzukommen, ist das Ihrer Ansicht nach ein gelungener, wichtiger Beitrag in dieser Auseinandersetzung?

Villa: Ja, er wird auf jeden Fall wichtig werden und ich finde auch gelungen, dass er einen Impuls setzt. Ich finde diesen Brief allerdings sehr ambivalent. Es ist eben nicht die Rede von aufgeladenen Begriffen, wie Cancel Culture, Safe Spaces und Identitätspolitik. Das finde ich gelungen. Andererseits ist das aber genau das Problem. Denn wir werden nun alle im Anschluss an diesen Brief genau darüber sprechen, worüber dieser Brief so raunt und raschelt. Er suggeriert und insinuiert, ohne sich eindeutig zu positionieren, auch in Bezug auf diese Begriffe. Das heißt, wir werden darüber sprechen, aber es wird am Ende keiner gewesen sein, weil der Brief eben diese Begriffe nicht benutzt. Und das ist auf eine Art auch etwas feige und problematisch.

Das Gespräch führte Andreas Knaesche

"A Letter on Justice and Open Debate" im "Harper's Magazine":
harpers.org

Abdruck des ins Deutschen übersetzten Briefes in "Die Zeit":
zeit.de