Ein Ricke schaut durch das Dickicht und durchstreift die Wälder am Großen Treppelsee © Ingolf König-Jablonski/dpa-Zentralbild/ZB
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Vortrag im Rahmen des Ausstellungsprojekts "Down to Earth" im Gropius Bau - Die Erhaltung des Waldes und das Schicksal der Menschen

"Down to Earth" heißt eine Ausstellung und Veranstaltungsreihe im Berliner Martin Gropius Bau, die sich mit den Notwendigkeiten und Agenda einer klimapolitischen Wende beschäftigt. Wie können wir Ausstellungen machen, bauen, reisen ohne unseren Planeten zu zerstören? Wie können wir all das nachhaltig verändern und was sind die Voraussetzungen?

Im Rahmen von "Down to Earth" gibt es heute einen Vortrag im Gropius Bau mit der Forstwissenschaftlerin Dr. Susanne Winter. Zuvor sprechen wir mit ihr auf rbbKultur.

rbbKultur: Frau Winter, übertreiben Sie, wenn Sie sagen, das Schicksal der Welt hängt am Wald?

Winter: Der Satz ist in seiner Tragweite einfach richtig. Für mich als Waldökologin wäre es sehr beruhigend, wenn der Satz eine Übertreibung wäre.

rbbKultur: Der Wald nimmt CO₂ auf und versorgt uns mit Sauerstoff. Gibt es noch andere Gründe, weshalb der Wald für den Klimaschutz so ungeheuer wichtig ist?

Winter: 50 % des gebundenen Kohlenstoffes ist in den Wäldern der Welt gebunden. Das heißt, die alten Wälder speichern ganz viel Kohlenstoff. Wenn wir diese Wälder zerstören, dann wird es wieder freigesetzt. Aber darüber hinaus kühlt der Wald. Er ist ein Garant für das Klimasystem, das wir haben. Ganz wichtig ist, dass wir uns auch die Kipppunkte anschauen. Nach wissenschaftlichen Berechnungen wird vorhergesagt, dass der Amazonaswald anfängt, sich selbst auszutrocknen, wenn ca. 25 % seiner Waldfläche zerstört werden. Das ist in seiner Botschaft fast Wahnsinn. Wenn der Wald noch zu 75 % da ist, fängt er an, sich selbst aufzulösen und auszutrocknen. Inzwischen sind 20 % davon zerstört - und wir können auf wissenschaftliche Art und Weise auch schon nachweisen, dass dieser Wald anfängt, sich auszutrocknen.

rbbKultur: Wie kann sich der Wald selbst auflösen?

Winter: Das liegt an den Frischwasserkreisläufen. Wenn ein Wald, der sehr groß ist wie der Wald im Amazonas oder im Kongobecken, bestimmt er sein Klima mit. Die vielen Niederschläge sind ein Kreislauf. In dem Moment, in dem der Wald nicht mehr verdunsten kann, regnet es auch weniger und entsprechend bekommt das eine Eigendynamik, warum der Wald kein tropischer Regenwald mit hohen Niederschlägen mehr ist.

rbbKultur: Könnte man nicht einfach einen neuen Wald anpflanzen - oder dauert es zu lange?

Winter: Wenn man Fläche hat, kann man natürlich neuen Wald pflanzen. Wir sollten auch unbedingt sehr viel mehr die Wiederherstellung von Waldlandschaften im Fokus haben. Aber wir fangen immer mit einem jungen Wald an. Der junge Wald kann einen alten Wald hinsichtlich der Kohlenstoffspeicherung und der biologischen Vielfalt in keiner Weise ersetzen.

rbbKultur: In der Ankündigung zu Ihrem Vortrag heute Nachmittag im Gropius Bau wird die wechselseitige Abhängigkeit von Tieren und Wäldern betont. Worauf spielen Sie damit an?

Winter: Acht von zehn Tier-, Pflanzen- und Pilzarten hängen direkt vom Wald ab – das sind 80 %. Dabei sind auch sehr großen Arten, wie zum Beispiel der Orang-Utan in Indonesien oder die Flussdelfine im Amazonas. Tiere und Wald hängen so stark voneinander ab, dass die Tiere sogar bei der Kohlenstoffspeicherung den Wald positiv beeinflussen können.

rbbKultur: Sie sagen, dass wir beim Thema Wald auch eine Lehre aus der Corona-Pandemie ziehen können. Können Sie das erklären?

Winter: Die Waldzerstörung führt dazu, dass die Menschen immer näher an die Tiere herankommen bzw. die Tiere ihren Lebensraum verlieren. Dadurch kommt häufiger Kontakt zustande. Inzwischen ist es so, dass im Durchschnitt etwa alle vier Monate ein Virus aus der Tierwelt auf die Menschen überspringt. Und manche von diesen übergesprungenen Viren führen dann eben zu Pandemien. Es ist nachgewiesen, dass dieses Überspringen immer häufiger geschieht, umso mehr Wald wir zerstören.

rbbKultur: Sie halten einen "Performance Vortrag" heute Nachmittag im Gropius Bau. Was kann man sich darunter vorstellen?

Winter: Bei der Veranstaltungsreihe "Down to Earth" wird ohne Strom, ohne Mikro und ohne Präsentation gearbeitet. Entsprechend versuche ich, diese Thematik, die wir auch in diesem Gespräch kurz besprochen haben, anschaulich darzustellen. Ich kann aber verraten, dass es im Vortrag trotzdem "heiß" werden wird. Ein Durchlauferhitzer wird eine Schlüsselfunktion haben …

Das Gespräch führte Carolin Pirich, rbbKultur

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