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Start der Kampagne #toxicmalenet - Kampagne gegen digitale Gewalt

Vom Veröffentlichen intimer Bilder zu politisch motivierten Hasskampagnen, von Spionage-Apps bis hin zu unerwünscht zugeschickten Penisbildern: digitale Gewalt kann sich in unterschiedlichen Angriffsformen äußern. Das junge politische Kollektiv "Stimmrecht gegen Unrecht" startet heute die Kampagne "#toxicmalenet" - zu deutsch in etwa: "toxisch-männliches Netz". Der Name will provozieren und macht deutlich, dass es vor allem um Gewalt gegen Frauen geht.
 
Clara Engelien hat mit Lea Wessels, der Initiatorin der Kampagne, gesprochen.

Eine Studentin leiht einem Kommilitonen für ein paar Telefonate ihr Handy. Später stellt sie fest, dass er aus ihrer privaten Fotogalerie Nacktbilder versendet hat, die nur für die Augen ihres Freundes bestimmt waren. Rechtsextreme veröffentlichen die Adresse einer anti-rassistischen Netzaktivistin und bedrohen sie so massiv, dass sie mehrfach umziehen muss. Als auch noch die Schule ihrer kleinen Tochter veröffentlicht wird, verzichtet sie darauf, ihr politische Meinung weiter öffentlich kundzutun.

Digitale Gewalt als andere Ausformung von Partnerschaftsgewalt

Menschen im Netzt diffamieren oder diskreditieren Fotos von ihnen verbreiten - diese Form digitaler Gewalt kennen einige. Doch es gibt viel mehr, weiß die Aktivistin Lea Wessels zu berichten:

"Es gibt mehrere Vorfälle, in denen Ex-Partner auf den Social Media-Accounts von Frauen Sachen gepostet haben, durch die die Frauen dann zum Beispiel ihren Job verloren, weil der Mann über Job etwas Negatives geschrieben hat. Es ist ein Druckmittel für Männer innerhalb von Partnerschaften - einfach eine andere Ausformung der Partnerschaftsgewalt."

In den meisten Fällen sei digitale Gewalt die Fortsetzung analoger Gewaltverhältnisse im digitalen Raum, sagen Expert*innen. Frauen seien überproportional betroffen. Deshalb richtet sich die Kampagne "#toxicmalenet" explizit an Frauen und an Angehörige diverser Geschlechtsidentitäten. Auch der Character der Angriffe gegen Frauen im Netz unterscheide sich von der Art und Weise, wie Männer angegriffen würden.

Lea Wessels: "Wenn wir uns Hassreden im Netz angucken, hat es bei Frauen viel damit zu tun, dass sie in den Hasskommentaren auf sexistische Art und Weise beleidigt werden. Bei den Männern geht es tatsächlich viel mehr darum, was sie eigentlich gesagt haben. Es geht um inhaltliche Fragen und es richtet sich Kritik an das, was sie explizit gesagt haben."

Fehlende Hilfe für Betroffene seitens der Polizei

Dass digitale Gewalt in ihren verschiedenen Formen noch so wenig bekannt ist hat zur Folge, dass Betroffenen oft nicht geholfen wird. Zum Beispiel bei der Polizei.

Lea Wessels: "Aktuell ist es durchaus so, dass wenn Betroffene sich an die Polizei wenden, die Polizei gar nicht weiß, wie sie helfen kann oder soll. Oder die Polizei betreibt 'victim blaming' – das heißt, sie macht die Betroffenen selber für das verantwortlich, was ihnen im Netz passiert ist. Es braucht Verantwortlichkeiten und Schulungen bei der Polizei - und es braucht eine statistische Erfassung."

Knallige Plakatkampagne spielt auf aktuellen ernsten Vorfall an

Denn nur mittels belastbarer Zahlen werde das Ausmaß des Problems irgendwann begriffen werden. Lea Wessels und ihr Team von jungen Mitstreiterinnen engagieren sich in der Kampagne gegen digitale Gewalt auf vielfältige Art: Provokante Plakate und Sticker im öffentlichen Raum Berlins und eine Social Media-Kampagne, mit der sie auf ihrem Kanal aufklären, sollen auch Betroffene auf Hilfsangebote hinweisen. Die Plakate sind knallige Blickfänger. Auf einem von ihnen sitzt eine Frau auf dem Klo und zerreißt Kabel an einer Kamera.

Lea Wessels: "Wir spielen da auf einen tatsächlich leider aktuellen Vorfall an. Es ist offengelegt worden, dass auf den Festivals 'Monis Rache' und der 'Fusion' Vorfälle gab, auf denen Frauen in der Dusche oder auf der Toilette heimlich gefilmt worden sind. Diese Videos tauchten dann tatsächlich auf der Pornoseite 'xHamster' auf. Gleichzeitig war es uns wichtig, die weibliche Person, die abgebildet ist, empowernd darzustellen: Sie hat diese Kamera in der Hand, sie zerreißt die Kabel – da war unser Anspruch, ein aktives Betroffenenbild zu formulieren. Wir wollen nicht das typische Opfer-Stereotyp reproduzieren, das sich nicht wehrt."

"Erkämpfe Dir Dein Netz zurück!"

Um sich aktiv wehren zu können, brauche man aber nicht nur ein sensibilisiertes Umfeld und geschulte Behörden – digitale Gewalt müsse endlich wissenschaftlich untersucht und erforscht werden, fordert Aktivistin Lea Wessels:

"Es gibt tatsächlich bis heute keine Studie, die sich der digitalen Gewalt annimmt. Diskurse bauen halt meistens auf Faktenstatistiken auf. Aber das ist natürlich eine Art Selbstläufer: Wenn wir keine Statistiken haben, haben wir quasi kein Problem."

Mit dem Aufruf "Erkämpf Dir Dein Netz zurück!" wird die Kampagne zwei Wochen lang in Berlin präsent sein.

Clara Engelien, rbbKultur

HateAid - Die Beratungsstelle für Betroffene digitaler Gewalt:
hateaid.org