Frühlingsbücher | Am Mikrofon: Anne-Dore Krohn, Thomas Geiger, Thorsten Dönges und Nadine Kreuzahler © rbbKultur
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Der Literaturpodcast von rbbKultur und dem Literarischen Colloquium Berlin - Frühlingsbücher 2021

Anne-Dore Krohn, Thomas Geiger, Thorsten Dönges und Nadine Kreuzahler werfen einen Blick auf den Bücherfrühling 2021, halten Ausschau nach Themen und Tendenzen und verraten ihre persönlichen Entdeckungen.

Die meisten wichtigen Titel des Frühjahrs sind mittlerweile erschienen. Welche Neuerscheinungen aber sind besonders empfehlenswert? Was gibt es für Themen, was für Tendenzen in diesem Literaturfrühjahr? Wie geht es den Autorinnen und Autoren, den Verlagen und Literaturhäusern eigentlich nach einem Jahr Corona? Und wie wirkt sich die Debatte um Identitätspolitik auf den Literaturbetrieb aus?

Darüber sprechen und diskutieren Nadine Kreuzahler und Anne-Dore Krohn von rbbKultur mit Thorsten Dönges und Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin - und feiern außerdem einen Geburtstag: Denn die Radio- und Podcastlesebühne "weiter lesen" wird eins!

Frühlingsbücher 2021

Juli Zeh Über Menschen; Montage: rbbKultur
Luchterhand

Juli Zeh: Über Menschen

Luchterhand 2021, 416 Seiten, 21,60 Euro

Einer der ersten Corona-Romane in diesem Frühling. Als der Roman im Januar 2020 fertig war, hat die Schriftstellerin Juli Zeh entschieden, Corona noch hineinzuschreiben. Die Pandemie ist jetzt eine Art Hintergrundrauschen in diesem Roman, der Lockdown, die Verschwörungstheorien, die Erschöpfung, die Angst. Vordergründig aber geht es um etwas ganz anderes: Um Dora, die aus Berlin nach Brandenburg zieht. Ihr neuer Nachbar ist ein Nazi. Darf er ihr sympathisch sein, obwohl er Hardcore-Nazi Kumpels hat, die in seinem Garten das Horst-Wessel-Lied singen? Eines der Highlights in diesem Frühjahr.

Nadine Kreuzahler

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock; Montage: rbbKultur
Kiepenheuer & Witsch

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock

Übersetzt von Gertraude Krüger, Kiepenheuer & Witsch 2021, 304 Seiten, 24,00 Euro

Dieses Buch entführt einen aus der Gegenwart, ausgehend von einem Gemälde, das einen Mann in einem roten Morgenrock zeigt. Dr. Pozzi war Chirurg und Gynäkologe, in Paris um 1900 einer der führenden Ärzte, aber auch ein Dandy, unterwegs zwischen Paris und London. Durch diese Bildbetrachtung zieht einen Julian Barnes immer tiefer hinein in die Belle Époque und zeichnet das Porträt einer Gesellschaft, die zum einen ganz zeitgenössisch anmutet, weil die Menschen auch zwischen London und Paris wahnsinnig schnell miteinander kommunizieren, andererseits auch ganz fremd, zum Beispiel weil sich die Leute ständig duellieren. Das, was heute auf Facebook und Twitter debattiert wird, hat man eben früher auf der Lichtung geklärt.

Es geht auch um solche Fragen: Was bedeutet es eigentlich, eine Biografie zu schreiben? Wen charakterisiert ein Porträt eigentlich, den Porträtierten, den Maler oder mich als Betrachter? Das Buch stellt Fragen an die Kunst, aber auch an Europa, zum Beispiel zum Verhältnis zwischen England und dem Kontinent.

Ein komplexes, bereicherndes Buch, das dieses Frühjahr in der Übersetzung von Gertraude Krueger auf Deutsch erschienen ist.

Thorsten Dönges

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum © S. Fischer
S. Fischer

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum

S. Fischer 2021, 320 Seiten, 22 Euro

Dieses Buch hat mir sehr viel Vergnügen bereitet, weil Sharon Dodua Otoo eine Schriftstellerin ist, die wirklich Spaß am Erzählen hat. "Adas Raum" folgt den Spuren mehrerer Frauen namens Ada über mehrere Jahrhunderte hinweg. Das fängt in Ghana im fünfzehnten Jahrhundert an, damals noch Westafrika, bei einer Ada, die von portugiesischen Kolonisatoren verschleppt und ermordet wird. Die zweite Ada lebt im viktorianischen London und ist Edda Lovelace nachempfunden, sie gilt als erste Programmiererin der Geschichte, musste sich aber gegen die männerdominierte Gesellschaft durchsetzen. Die dritte Ada stammt aus Polen und muss in einem NS-Konzentrationslager als Zwangsprostituierte leben. Und mit der vierten Ada schließlich sind wir in der Gegenwart angekommen: eine schwangere junge Frau, geboren in London, in Ghana aufgewachsen, erlebt Rassismus bei der Wohnungssuche in Berlin.

Erzählstimme ist eine Art Weltgeist, der Adas Geschichten aus der Perspektive von Gegenständen erzählt, zum Beispiel berichtet ein Reisigbesen, ein britischer Reisepass oder ein viktorianischer Türklopfer. Verbindendes Element ist ein Perlenarmband, das in allen Jahrhunderten auftaucht und weitergegeben wird, bis es am Ende in Berlin in einem Katalog zu einer Ausstellung über Kolonialismus landet.

Sharon Dodua Otoo erzählt von Kolonialismus und dessen Erbe und vom Umgang mit Restitutionen, von Macht, Ermächtigung und Entmachtung – jedoch mit Humor und Witz und ohne den didaktischen Zeigefinger zu heben.

Nadine Kreuzahler

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Tove Ditlevsen: Kindheit. Jugend. Abhängigkeit ©  Aufbau Verlag
Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen: Kindheit. Jugend. Abhängigkeit

Kopenhagener Trilogie, übersetzt von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag 2021, jeweils 18,00 Euro

Eine Autobiografie in drei Bänden: Tove Ditlevsen stammt aus Kopenhagen, aus dem tiefsten Proletariermilieu. Ihr Vater war Handwerker, oft arbeitslos. Sie ist 1917 geboren, auf der Straße groß geworden und hatte sehr früh einen Hang zum Lesen und Dichten. Sie wollte raus aus dieser Welt, um fast jeden Preis. Ihr erster Mann war Verleger, 30 Jahre älter und hatte ein Doppelkinn, aber er hat sie in die Welt der Literatur eingeführt. Man könnte sagen, zwei ihrer vier Ehen waren Funktionsehen, die dritte Ehe war dann mit einem Arzt, als sie drogenabhängig war. Der erste und der zweite Band, "Kindheit" und "Jugend" sind durchaus heiter und humorvoll, man freut sich an ihrer Lebensklugheit und ihrer Street Credibility, sie konnte sich wirklich durchsetzen, auch als Frau. Sie ging sehr strategisch vor, um aufzusteigen. Bis es dann eben zu dieser Abhängigkeit kam. Das ist dann der dritte Band, der nimmt einen extrem mit beim Lesen.

In Dänemark gehört Tove Ditlevsen zum Kanon. Es gab drei Versuche, sie in Deutschland vorzustellen, in den 60er-Jahren, in den 80er-Jahren und jetzt. Erst jetzt, unter dem Titel "Kopenhagener Trilogie", hat es endlich geklappt.

Thomas Geiger

Mithu M. Sanyal: Identitti; Montge: rbbKultur
Hanser

Mithu Sanyal: Identitti

Hanser 2021, 432 Seiten, 22,00 Euro

Ein literarischer Leuchtturm in diesem Frühjahr: Dieses Debut von Mithu Sanyal zeigt, dass man strittige Themen auch mit Humor verhandeln kann. Erzählt wird von der Studentin Nivedita, die einen Blog namens "Identitti" betreibt und an der Uni Düsseldorf Seminare in Postcolonial Studies belegt. Doch dann kommt heraus, dass ihre verehrte Professorin Saraswati gar nicht indischstämmig ist, wie sie immer behautet hat, und stattdessen Sarah Vera Thielmann heißt, aus Karlsruhe kommt und sich die Haut verdunkeln lassen hat. Die Reaktionen darauf, die erhitzten Debatten in den Sozialen Medien, und den selbstbewussten Umgang der Professorin mit ihrem "transrace"-Fall, das beschreibt Mithu Sanyal mitreißend, anschaulich und urkomisch.

In den USA gab es den bekannten Fall der Kulturwissenschaftlerin Rachel Dolezal, die sich als Afroamerikanerin ausgegeben hatte, obwohl sie Weiße ist. Mithu Sanyal hat sich einen ähnlichen Fall für Deutschland ausgedacht und aus dem Szenario eine wohltuend-ironische und kluge literarische Antwort auf Debatten der Gegenwart gefunden. Außerdem: der schöne Schnellkurs in Sachen Identitätspolitik, inklusive Literaturverzeichnis im Anhang. Für mich eines der wichtigsten Bücher der Zeit.

Anne-Dore Krohn

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Jovana Reisinger: Spitzenreiterinnen © Verbrecher-Verlag
Verbrecher-Verlag

Jovana Reisinger: Spitzenreiterinnen

Verbrecher-Verlag 2021, 264 Seiten, 22,00 Euro

Ein Roman über Frauen, über das Frausein, vor allem über Rollenbilder und Rollenerwartungen. Es geht um den Blick von Männern auf Frauen, aber auch von Frauen auf Frauen und vor allem von Frauen auf sich selber. Ein Ensembleroman: Es gibt einen mehrstimmigen Chor aus Frauenfiguren, und all diese Frauen sind nach Frauenzeitschriften benannt: Eine Brigitte, eine Petra, eine Jolie, eine Lisa, eine Laura, eine Barbara und eine Maxime. Da ist zum Beispiel Laura, die ihr Glück kaum fassen kann. Endlich hat sie den erhofften Heiratsantrag bekommen, kriegt dann aber sofort den Neid ihrer besten Freundin Verena ab. Petra wiederum ist überqualifiziert für ihren Job als Galerieassistentin und muss sich mit ihrer machtbesessenen, egomanischen Chefin herumschlagen. Lisa wurde gerade von ihrem Freund verlassen, weil sie keine Kinder bekommen kann. Insgesamt sind es neun Protagonistinnen, in losen, aneinandergereihten Episoden. Es geht um Selbstermächtigung, ums Loslassen, um Neuanfänge, um Gewalt und Übergriffigkeit. Aber auch um die Frage: Was ist eigentlich Glück? Wie definiere ich das für mich als Frau?

"Spitzenreiterinnen" ist gleichzeitig böse und lustig und hält uns die strukturellen Probleme der Gesellschaft, die Rollenklischees und Schubladen vor Augen.

Nadine Kreuzahler

Kapka Kassabova: Am See © Zsolnay
Zsolnay

- Kapka Kassabova: Am See. Reise zu meinen Vorfahren in Krieg und Frieden

Übersetzt von Brigitte Hilzensauer, Paul Zsolnay Verlag 2021, 416 Seiten, 26,00 Euro

Ein tolles Fundstück! Es geht um den Ohrid- und den Prespasee, das ist das Grenzgebiet zwischen Nordmazedonien, Albanien und Bulgarien, die sich diese Gewässer teilen. Eine alte Kulturlandschaft. Die Autorin ist Bulgarin, ist 1989 mit ihrer Familie als 16-Jährige nach Neuseeland ausgewandert, hat dort studiert und lebt jetzt in Schottland. Auf seine Weise ist "Am See“ ein sehr politisches Buch und gleichzeitig auch ein Reisebuch. Kassabovas Vorfahren stammen alle aus dieser Gegend, und sie sagt, wenn sie an diesem See ist, dann lebt sie auf. Diese wunderbare Landschaft aber verdüstert sich zunehmend, wir haben es mit Kriegen zu tun, mit verschiedenen Religionen, die aufeinanderstoßen. Das geht in manchen Jahrhunderten gut, in anderen ist es furchtbar. Und es gibt die Via Ignacia, die von der Adria nach Istanbul reicht. Kassabova erzählt von der Geschichte dieser Landschaft und von den Geschichten der Menschen. Man lernt hier sehr viel, zum Beispiel dass der griechische Bürgerkrieg, der dort stattgefunden hat, der erste Krieg im Kalten Krieg war, mit über 150.000 Toten und einer Million Vertriebenen. Ich wusste davon nichts. Das ist eben auch ein Grund, warum ich lese: damit die Welt eine größere wird.

Thomas Geiger

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Octave Uzanne: Das Ende der Bücher, © Favoritenpresse
Favoritenpresse

Octave Uzanne: Das Ende der Bücher

Illustriert und gestaltet von Steph von Reiswitz, mit einem Nachwort von Jochen Hörisch, Favoritenpresse 2021, 48 Seiten, 15 Euro

Der Verlag Favoritenpresse, den der mutige Verleger Bodo von Hodenberg gerade neu gegründet hat, stöbert nach Bildern und Geschichten aus früheren Zeiten und legt sie neu auf, u.a. diese kleine Rarität, die Wiederauflage eines Essays von 1894.

Da sind acht Männer, die sich nach dem Vortrag eines Wissenschaftlers in einer Bar unterhalten und Zukunftsszenarien spinnen. Wie sieht die Zukunft der Nahrung aus, wie die der Malerei – und wie die der Bücher? In hundert Jahren, schreibt Uzanne 1894, werde es keine Bücher mehr geben. Der Buchdruck habe den Zenit erreicht und sei stark bedroht, bald werde er komplett verdrängt sein von Tonaufnahmen. Es ist sehr charmant zu lesen, wie sich Uzanne Ende des 19. Jahrhunderts sogar kleine Geräte vorstellen kann, die man mitnehmen könne, um etwas zu hören, so etwas wie kleine Grammophone. Ein Glück, dass Uzanne nur teilweise recht hatte: Zwar kann man heutzutage leicht Tausende von Audios mitnehmen, zum Beispiel unseren Podcast "weiter lesen", die gedruckten Bücher jedoch hat das nicht verdrängt.

Anne-Dore Krohn

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen; Montage: rbbKultur
Kiepenheuer & Witsch

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Kiepenheuer & Witsch 2021, 352 Seiten, 22 Euro

Die drei Kameradinnen sind Hani, Kasih und Saya. Sie sind Außenseiterinnen in dieser weißen Gesellschaft, werden mit Widerständen, Vorurteilen und Klischees konfrontiert. Es geht um rechten Hass und rechten Terror, um einen großen Prozess, um eine Mordserie, die an den NSU-Prozess erinnert. Bei den Reaktionen auf das Buch wird meistens nur darüber gesprochen, wie diese drei jungen Frauen auf den gesellschaftlichen Druck reagieren. Das ist ja auch wichtig, aber es wird zu wenig darüber geredet, wie das Buch literarisch funktioniert, dabei ist das mindestens genauso spannend. Denn diese Kasih als Erzählerin ist eine unzuverlässige Erzählerin. Sie sagt selbst auch, dass man ihr kein Wort glauben solle. Sie beschimpft uns auch ständig, wirft uns unsere Klischees vor. Das ist ein tolles literarisches Spiel mit der Fiktion. Für Leute, die gerne und viel lesen ist das sehr reizvoll. Und dazu diese Themen, die gerade gesellschaftlich aktuell sind, plus eine literarische Folie: das Buch „Drei Kameraden“ von Erich Maria Remarque aus den 30er-Jahren, in dem drei Kriegskameraden aus dem Ersten Weltkrieg mit ihren Traumata kämpfen. Ein sehr vielschichtiges, empfehlenswertes Buch.

Thorsten Dönges

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Podcast | Eine Bühne für neue Bücher - weiter lesen

rbbKultur und das Literarische Colloquium Berlin sind zu Beginn der Corona-Pandemie in eine Art Literatur-WG zusammengezogen: Dort tauschen wir Bücher, erzählen uns von Begegnungen mit Autor:innen, und sitzen stundenlang am Küchentisch und quatschen über Lesen, Lieben und Leben.