Szene aus "THE RISE OF SKYWALKER "
Bild: imago images / Cinema Publishers Collection

Star Wars 9: "Der Aufstieg Skywalkers" - Krieg im Mitmach Universum

Gerade ist mit "Der Aufstieg Skywalkers" der finale Star Wars-Film angelaufen. Damit geht eine Film-Saga zu Ende, die seit über 40 Jahren weltweit Kinos füllt. Viele kennen Star Wars seit ihrer Kindheit, sind mit diesen Held*innen aufgewachsen. Und auch mit ihnen erwachsen geworden. Ein Gespräch über Frauenfiguren, Männerprojektionen und Späthippie-Träume.

Daisy Ridley als "Rey"
Bild: imago-images/Lukasfilm

Wie Jesus, nur weiblich

Johannes Fischer: Wie würdest Du diesen Film jemandem beschreiben, die oder der noch nie einen Star Wars-Film gesehen hat?

Rüdiger Suchsland: Ein Weltraumabenteuer, das mindestens so sehr Science Fiction ist wie Fantasy.

Spuren von Science Fiction. Physik ist nicht so wichtig.

Rüdiger Suchsland: Man kann im Weltraum offensichtlich auch gut atmen. Die brauchen alle keine Sauerstoffmasken. Dann sieht man ihre Gesichter besser. Aber es ist ein Märchen, wo es um den Kampf zwischen Gut und Böse geht. Das Imperium ist das Böse und die Rebellion das Gute.

Natürlich sind wir als Zuschauer*innen auf der Seite des Guten.

Rüdiger Suchsland: Und im Zentrum steht eine Familie. Die Familie Skywalker, in der es Gute und Böse gibt. Und es gibt eine Erlöser-Figur. Und die hat gewisse übermenschliche Kräfte, mit denen der finale Kampf zu gewinnen ist.

Das bedeutet, der große Kampf zwischen Gut und Böse wiederholt sich auch im Kleinen in den Figuren selbst.

Rüdiger Suchsland: Unbedingt. Das ganze Star Wars-Abenteuer besteht aus neun Filmen. Das ist der neunte. In den ersten drei Filmen ist Luke Skywalker dieser Erlöser. In den zweiten drei Filmen wird die Vorgeschichte erzählt.

Die letzten drei Filme sind die direkte Fortsetzung der Geschichte aus den 70ern und 80ern.

Und jetzt ist diese Erlöser-Figur eine junge Frau: die Hauptfigur Rey.

Rüdiger Suchsland: Heißt auch "König" auf Spanisch. Und das ist eine sehr zeitgenössische Figur. Eine junge Frau, die sich selbst finden muss. Die trainiert und lernt sich selbst erst kennen.

Was ist das für eine Frauenfigur?

Rüdiger Suchsland: Manche würden sagen: eine Männerprojektion.  Eine Kämpferin, die eine Waffe in der Hand hat. In diesem Fall ein Lichtschwert. Sie fliegt Raumschiffe. Die kann alles, was ein Mann kann, aber hat dann noch weibliche Elemente. Eine gewisse Form von Empathie.

Sie kann zum Beispiel vergeben, was ganz wichtig ist in diesem Film.

Rüdiger Suchsland: Aber ohne die Männer geht’s jetzt auch nicht. Gegenüber den Filmen aus den 70er und frühen 80er Jahren ist das ein zeitgemäßer Film.

Späthippies und Ersatzfamilien

Diese Star Wars-Geschichte gibt es jetzt seit über 40 Jahren. Der erste Teil kam 1977 in die Kinos Und war von Anfang an eine riesige Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte. Auch wegen dieser übermenschlichen Kräfte der Hauptfiguren, dieser Macht.

Rüdiger Suchsland: Man hat oft darüber gesprochen, ob Star Wars auch ein Religionsersatz ist. Wassermann-Zeitalter, Taoismus und diese Späthippie-Philosophien. "Die Macht sei mit Dir." So zenbudhistische Meditation. Es geht schon auch um die Macht des Geistes und die Macht der Gefühle.

Aber das alles taugt ja nicht als Utopie oder ernstzunehmende Philosophie.

Rüdiger Suchsland: Die Star Wars-Filme spiegeln vor allem den Zeitgeist wieder. Das Hier und Jetzt. Und das tut dieser Film. Nicht nur bei den Frauenfiguren. Dieser Film entwirft ein sehr düsteres und auch sehr chaotisches Szenario. Eine Welt, die wir nicht richtig durchschauen.

Klingt wie die aktuelle Nachrichtenlage.

Rüdiger Suchsland: Gleichzeitig ist es ein Film über die Jungen und die Alten. Auch über die Macht der alten Männer. Und über die Jungen, die sagen: Schluss mit den alten Säcken. Diese Art von Old School-Machtpolitik funktioniert nicht mehr.

Aber warum funktioniert das seit über 40 Jahren?

Rüdiger Suchsland: Star Wars ist ein Generationen-Ding. Menschen wie ich sind mit Star Wars aufgewachsen.

Wann hast Du Deinen ersten Star Wars-Film gesehen?

Rüdiger Suchsland: Mit 9. Mein Vater hat mich mit ins Kino genommen. Die Menschen, die in den späten 50ern bis frühen 70ern geboren sind, sind damit aufgewachsen und auch alt geworden.

Was auch immer eine Rolle spielt: die Konflikte zwischen den Generationen. Zwischen Eltern und ihren Kindern. Also ganz existentielle Auseinandersetzungen.

Rüdiger Suchsland: Unbedingt. Das ganze Star Wars-Universum baut darauf auf, dass man seiner Herkunft nicht entkommen kann. Dass man sich damit auseinandersetzen muss. Sich auch davon distanzieren darf.

Sich manchmal auch davon distanzieren muss.

Rüdiger Suchsland: Genau. Aber gerade in diesem letzten Teil  liegt ja auch eine Botschaft für unsere Zeit: Das Blut, die Verwandtschaft, die Gene. Das alles ist nicht das, was uns bestimmt. Die Willensfreiheit bestimmt uns. Man muss sich also auch von seiner Familie emanzipieren. Und man kann sich eine Ersatzfamilie schaffen.

 

Die unendliche Weltraum-Geschichte

Besonders faszinierend an Star Wars fand ich ja immer, dass diese Geschichte eigentlich nie zu Ende ist.

Rüdiger Suchsland: Der Star Wars-Erfinder George Lucas ist in dieser Hinsicht ein Visionär des filmischen Erzählens. Der hatte das von Anfang an auf neun Teile angelegt.

Und auch die Idee einer offenen Welt, die man in alle möglichen Richtungen weitererzählen kann.

Johannes Fischer und Rüdiger Suchsland © Johannes Fischer
J. Fischer (li.) und Rüdiger SuchslandBild: Johannes Fischer

Rüdiger Suchsland: Es gibt Seitenstränge und Prequels, also Vorgeschichten. Es gibt Parallelhandlungen. Auch Serien fürs Fernsehen.

Und auch noch das ganze Merchandising. Diese ganzen Spielzeugen und Computerspiele legen das Erzählen in die Hand der Konsument*innen.

Rüdiger Suchsland: Das schafft einerseits Bindung. Die Action-Figuren gab es schon in den 70er Jahren.

Heute gibt es Star Wars von LEGO.

Rüdiger Suchsland: Jedes Kind und auch manche Erwachsenen spielen mit diesen Figuren die Star Wars-Filme nach. Sie entwerfen aber auch parallele Handlungen. Nur mal ‘ne kleine Anekdote: Ich bin damals 1980 in "Das Imperium schlägt zurück", den zweiten Star Wars Film, reingegangen. Mit einem Kassettenrekorder. Und habe heimlich den kompletten Ton aufgenommen.

Du Pirat!

Rüdiger Suchsland: Es gab damals keine Kassetten, die über anderthalb Stunden gegangen sind. Ich musste die also umdrehen während des Films.

Du hast Dir Dein eigenes Star Wars-Hörspiel gebastelt?

Rüdiger Suchsland: Ja. Ich hab‘ das nachts gehört, wenn’s schon dunkel war und ich eigentlich schlafen sollte. Aber das ist ja auch die  Zeit der Fantasie.

Wenn mir früher in der Schule langweilig war, hab‘ ich mir immer eigene Star Wars-Raumschiffe ausgedacht und gezeichnet. Star Wars ist auch ein Mitmach-Universum.

Rüdiger Suchsland: Der Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco hat ein Buch geschrieben: "Das offene Kunstwerk". Und da erklärt er, dass das Kunstwerk dem Publikum gehört. Die Kunstwerke der Moderne, also unserer Zeit, sind offen für Deutungen jeder Art. Und jeder macht also etwas Eigenes daraus. Und dafür ist das Star Wars-Universum ein typisches Beispiel.

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