Mi 26.02.2020 | 70. Berlinale | Wettbewerb - "DAU. Natasha"

Bewertung:

Der Film wurde schon im Vorfeld kontrovers diskutiert. Die Berlinale kündigte das Werk als "provokativ-grenzüberschreitende Erzählung über den Kampf um Macht und Liebe, als Analyse des Totalitarismus", an, als ­"radikales Kino zwischen Fiktion und Rea­lität". 

Leben statt spielen und inszenieren

Für dieses Projekt hat der Regisseur in der Ukraine eine kleine Stadt aufbauen lassen, in der alle Teammitglieder über mehrere Jahre lebten, gefilmt vom deutschen Kameramann Jürgen Jürges sind rund 700 Stunden Material entstanden. Zu dem Ausschnitt, der jetzt im ersten veröffentlichten Film zu sehen ist, gehört die Kantine eines stalinistischen Forschungsinstituts, in der die Titelheldin Natascha mit Olya, einer weiteren Angestellten arbeitet. Sie bewirtet die angestellten Forscher und Funktionäre, es wird viel und lautstark getrunken, gegessen, gestritten, gefeiert, wahre Wodka-Orgien, in deren Verlauf auch viel gekotzt wird, und Natascha irgendwann expliziten Sex mit einem französischen Wissenschaftler hat.

Machtmissbrauchsvorbringen

Im Umfeld dieser Sex-Szene wurden Vorwürfe wegen Machtmissbrauch gegen den Regisseur laut, die auch gestern bei der Pressekonferenz thematisiert wurden. Doch der Regisseur hat sich mit recht dürren Worten rausgeredet, alle Gefühle seien real, aber die Umstände, in denen sie entstanden sind, seien es nicht. Niemand sei zu etwas gezwungen worden, es handle sich um ein extremes Projekt, das nicht für jedermann geeignet sei.

Auch die Schauspielerinnen sprangen ihrem Regisseur zur Seite, sie seien zu jedem Zeitpunkt "Herrinnen ihrer Sinne" gewesen. Sicher, bisweilen sei das schon hart gewesen, aber eben wegen der besonderen Umstände des Projekts, in dem es kein Drehbuch gab, sie also im Grunde selbst nie wussten was als nächstes passieren und wie sie reagieren würden

Kunstwerk oder programmierter Skandal?

Kunst, die an Grenzen geht, ist spannend.  Filme, die sich mit der fragilen Grenze zwischen Fiktion und Realität, Spiel und Leben auseinandersetzen - eine Grenze, die es in jedem Film gibt - sind faszinierend. Aber die Macher dieses Projekts behaupten, sie wollten das Leben unter einem totalitären Regime "erfahrbar" machen.  Nur leider kommen dabei keinerlei neue Perspektiven oder Erkenntnisse raus, kein neuer Wahrheitsgehalt, sondern nur Klischees. Im Ende bleibt nur ein Regisseur, der in einem megalomanen Projekt selbst zu einer Art größenwahnsinnigen, totalitären Herrscher wird, in einem Projekt, in dem es weniger um Realität als um Provokation geht. Dennoch ist diese extreme Verbindung von Realität und Fiktion es wert, sich damit auseinanderzusetzen, aber nicht im Wettbewerb!  

Charlie Kaufmann hat da schon 2008 in seiner Regiearbeit  "Synecdoche, New York" auf vielschichtigere Weise auf dem schmalen Grat von Realität und Kunst balanciert! 

Anke Sterneborg, rbbKultur