Sa 22.02.2020 | 70. Berlinale | Wettbewerb - "First Cow"

Bewertung:

Die dichten Wälder des US- Bundesstaat Oregon, zu Beginn des 19. Jahrhundert: In dieser rauen Umgebung kommt es zu einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft. Der wortkarge Koch Cookie (John Magaro) und der chinesische Händler King-Lu (Orion Lee) sind eigentlich nur Außenseiter in einer Gesellschaft, die von Pelzjägern und Holzfällern dominiert wird.

Clevere Geschäftsidee

Trotzdem schaffen sie es, mit einer cleveren Geschäftsidee reich zu werden. Cookie und King-Lu backen auf dem Markt frische Donuts – und das süße Gebäck findet bei den Trappern reißenden Absatz. Das Problem ist nur: die Milch für ihren Teig müssen sie jede Nacht bei der einzigen Kuh in der Region stehlen – und die gehört ausgerechnet dem Gouverneur (Toby Jones), ein Mann, der dafür bekannt ist, dass er mit Dieben kurzen Prozess macht …

Kleine Geschichte über einen großen Mythos

Kelly Reichardts Film basiert auf dem Roman „Half Life“ ihres Landsmannes Jonathan Raymond. In der kleinen Geschichte zweier Mikro- Unternehmer schwingt dabei etwas Größeres, nämlich der Mythos des amerikanischen Westens. Vielleicht, so scheint dieser Film nahezulegen, hätte es auch einen anderen Weg gegeben, den Kontinent zu besiedeln. Freundlich, klug und nachhaltig mit dem Milch-Eimer und dem Honiglöffel - und nicht brutal und zerstörerisch mit dem Gewehr und der Axt.

Western aus weiblicher Perspektive

Dabei ist "First Cow" aber auch kein Anti- Western, eher ein Genre-Film aus einer weiblichen Perspektive. Das merkt man an den sehr intimen Bildern, die Kelly Reichardt nicht im großen Breitwand – Format, sondern im nahezu rechteckigen Super 16 aufgenommen hat. Ihr geht es nicht um große Western – Panoramen oder spektakuläre Action. Lieber zeigt sie kleine Details - wie die Pilze im Wald oder die Vögel in den Bäumen, und immer wieder die Gesichter ihrer beiden Hauptdarsteller.

Der Blick schweift zur Uhr

Weil allerdings lange Zeit nicht allzu viel passiert in den Wäldern Oregons, schlägt die sorgfältige Beobachtung mitunter in Behäbigkeit um. Nach der x-ten nächtlichen Melkaktion schweift der Blick auch mal zur Uhr, bevor dann am Ende doch noch mal Spannung – und etwas Dramatik aufkommt: "First Cow" ist kein schlechter Film, aber er hat seine Längen. Ein bisschen Geduld sollte man da schon mitbringen.

Carsten Beyer, rbbKultur